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12/10/2015 05:32 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

So habe ich wegen Flüchtlingen 150 Facebookfreunde verloren

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Es fing alles schon vor der Flüchtlingswelle an. Und auch vor Pegida und vor der Verwandlung der AfD in die Partei der besorgten Bürger.

Als ich in die in sozialen Netzwerken gelebte Politik reinrutschte, war es noch so, dass ein paar leise Stimmchen "Ausländer raus" posteten. Es traute sich aber noch keiner so recht, das laut zu sagen. Es existierten zwei bis drei Facebookseiten gegen rechts, auf denen genauso viel los war wie auf der Gegenseite.

Es war halt ruhig.

Ich hatte 300 Facebookfreunde, von denen ein Großteil reale Bekannte waren. Ihre politische Meinung war mir egal. Leute rechter Gesinnung hatte ich nicht in der Liste.

Dachte ich.

Mitte 2014 postete die Frau eines Freundes einen BILD-Artikel über das Singen muslimischer Weihnachtslieder in der katholischen Kirche. Darüber schrieb sie: "Jetzt reicht es! Wohin soll das noch führen?"

Ja. Wohin das führte, konnte zu dem Zeitpunkt tatsächlich noch niemand ahnen.

Ich hielt dagegen. Ich fragte sie, was ihr Problem an diesem Vorschlag sei. Da las ich zum ersten Mal von "Islamisierung" und fragte mich tagelang, ob besagte Dame noch alle Latten am Zaun hatte.

Ich entfreundete sie, um mich der Diskussion, in der ich mich ziemlich in Rage redete, zu entziehen, und tat den Post als Einzelfall ab. Ihr Mann entfreundete und blockierte mich. Ihm schlossen sich fünf andere Freunde an.

In den nächsten Tagen und Wochen lernte ich dazu. Ich verfolgte etwas ratlos, wie man auf einmal wieder ganz ungeniert sagen durfte, dass Ausländer doof sind. Hauptsächlich natürlich Muslime. Die möchten nämlich unserem Abendland an den Kragen und jetzt durfte keiner mehr zum St. Martins Umzug gehen, sondern musste mit Kopftuch zum „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest". Und "Weihnachtsmarkt" hieß jetzt "Wintermarkt" und im weißen Bulli fuhren sie umher und stellten rote Körbe vor die Türen der Leute, um unsere Kinder einzusammeln.

Ach nein. Das waren Katzen. Aber Schwamm drüber, denn so genau nahm das eigentlich keiner mehr. Ich redete mich um Kopf und Kragen.

Schmiss Menschen aus meiner Liste, mit denen ich bisher ein freundschaftliches Verhältnis hegte, und von denen ich dachte, sie seien vernünftige Menschen. Ich wurde im Gegenzug von ihnen zum "Gutmenschen" gemacht.

Dann kam Pegida. Die AfD wurde zur Partei der besorgten Deutschen. Bachmann postete Hitlerverkleidungsfotos, und dann... die Flüchtlingswelle.

Und ich saß mitten auf der Facebookpolitikbühne und war Teil eines Trauerspiels in drei Akten.

Akt 1: Antwort auf einen bescheuerten Besorgterbürgerpost.

Akt 2: Sinnlose Diskussion.

Akt 3: Kontaktabbruch.

Und zwischendurch immer die Frage im Kopf: Ist es das wert? Muss ich reale Freunde durch im Netz aufgedeckte politische Entgleisungen tatsächlich aus meinem Leben streichen?

Und wie gehe ich im Alltag damit um, meine Hundetrainerin aus der Facebookliste geschmissen zu haben? (Mein Hund kann ja nichts dafür.) Oder meine Arbeitskollegin? (Die nun kein Wort mehr mit mir redet.)

Was soll ich sagen?

Facebookfreunde: 150

Und immernoch die Unsicherheit, ob sich jetzt noch einer als Obdachlosenliebhaber oder Waisenkinderretter entpuppt. Denn wie ich ja weiß, muss man denen zuerst helfen. Die sind ja neuerdings in den Fokus gerückt und vor allem sind die deutsch. Das sieht man daran, dass die kein Kopftuch aufhaben. Hab ich mir sagen lassen.

Tatsächlich hat nicht ein einziger dieser Bekannten je einem Obdachlosen auch nur einen Blick geschenkt. Mir jetzt auch nicht mehr. Aber ich mache weiter! Denn die Antwort darauf, ob man Rassismus und rechtem Gedankengut die Stirn bieten muss ist:

JA! IMMER!

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