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27/03/2015 05:38 CET | Aktualisiert 27/05/2015 07:12 CEST

Wie bleibt Deutschland durch die zweite Chance zukunftsfähig? 10 Thesen aus Sicht eines Sanierungsberaters

Wir brauchen aber Innovationen wie Industrie 4.0 und Digitale Transformation, um mit Wettbewerbern wie dem Silicon Valley und China weiter erfolgreich konkurrieren zu können. Solche Innovationen erfordern eine Gesellschaft, die auch das Scheitern von Unternehmen akzeptiert.

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Deutschland muss an der Zukunftsfähigkeit arbeiten ...

Mehr denn je muss Deutschland in allen Dimensionen über seine Zukunftsfähigkeit nachdenken. Durch den Wandel und durch neue globale Wettbewerber wird die eigene Erfolgsposition hinterfragt, auch wenn vielleicht „nur" ein schleichender bzw. verzögerter Abstieg droht. Sich auf die alte Exportweltmeisterschaft und Erfolge der Automobil-, Chemie- und Maschinenbaubranche auszuruhen, ist zu wenig! Das Innovator's Dilemma betont gerade, dass ehemals erfolgreiche Innovatoren an ihren früheren Erfolgen scheitern, weil sie sich dann nicht mehr in Richtung Zukunft aufmachen.

Wir brauchen aber Innovationen wie Industrie 4.0 und Digitale Transformation, um mit Wettbewerbern wie dem Silicon Valley und China weiter erfolgreich konkurrieren zu können. Solche Innovationen erfordern eine Gesellschaft, die auch das Scheitern von Unternehmen und Unternehmern akzeptiert und notfalls zweite (oder dritte Chancen) einräumt. Dafür sind die Voraussetzungen zu schaffen, u.a. auch im Rechtssystem.

Im Rahmen der Serie zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands wird in diesem Beitrag aus Sicht eines Sanierungsberaters reflektiert, ob Deutschland gut für die Zukunft aufgestellt ist und insbesondere das deutsche Recht und hier das Insolvenzrecht für dieses Unternehmertum ein Hindernis oder eine Chance darstellt. Das Ergebnis ist leider noch nicht zufriedenstellend. Der zweiten Chance auf einen Erfolg steht das heutige Rechtssystem vielfach noch entgegen. Wir sollten der zweiten Chance aber eine zweite Chance einräumen.

Deutschland braucht daher auch eine reale „zweite Chance" ...

Denn eine zweite Chance ist für Deutschlands Zukunftsfähigkeit essentiell. Christian Lindner hat mit seiner Wutrede im Düsseldorfer Landtag sicherlich Fundamentales geleistet. Nicht nur, dass er die FDP wieder neu mit dem Gründergedanken verbunden hat. Zugleich hat er der Idee der zweiten Chance einen Diskussionsraum geschaffen.

Nach Christian Lindners Wutrede kann man allerdings die Frage stellen, was eine Kultur der zweiten Chance in Deutschland praktisch heißt. Lindner ist bekanntlich als sehr junger Mensch in Zeiten der DotCom Phantasie mit einem StartUp gescheitert. Dennoch ist er jetzt als FDP Vorsitzender erfolgreich - ein Beispiel für eine erfolgreiche zweite Chance? Aus meiner Sicht eher nicht, da die Karriere als Politiker eben keine zweite Chance als Unternehmer darstellt, sondern eher eine Ersatzkarriere ist. Es gibt allerdings andere Beispiele wie den Gründer von XING, die erst nach einem Scheitern durchstarteten. Insofern scheint alles in Ordnung.

Aber stimmen auch der rechtliche Rahmen und die rechtliche Praxis ...?

Jenseits von Einzelfällen sollten wir aber den rechtlichen Rahmen für Unternehmertum reflektieren und gegebenenfalls nachbessern, wenn wir für die Zukunftsfähigkeit tatsächlich an einer Kultur der zweiten Chance interessiert sind. Die Rechtslage und insbesondere die Insolvenzpraxis unterstützen die Kultur der zweiten Chance nach wie vor nicht ausreichend, auch wenn sich schon einige gute Ansätze finden. Hier besteht Handlungs- bzw. Nachbesserungsbedarf, der nachfolgend in 10 Thesen zur Rechtslage der Nation konkretisiert werden soll.

10 Thesen zu den rechtlichen Rahmenbedingungen für eine zweite Chance:

1. Deutschlands Insolvenzrecht macht Unternehmertum heute zum Rechtsrisiko

Nach Ansicht führender Strafrechtler begehen 95% aller Geschäftsführer in Insolvenznähe Straftaten. Unterstellt, Geschäftsführer sind nicht generell deutlich krimineller als der Rest der Bevölkerung, dann ist die Phase vor einer Insolvenz von der Rechtsordnung außerordentlich vermint worden. Kein normaler Geschäftsführer ist darauf vorbereitet, sehr plötzlich von normalen Regeln in diese Sondersituation zu geraten. Der Versuch, die Haftung durch wenig taugliche Maßnahmen zu vermeiden, ist menschlich verständlich, schützt aber nur selten vor Haftung.

2. Deutschlands Recht wandelt sich (nur langsam) in Richtung zweiter Chance

So weit, so schlecht. Es kann aber partiell Entwarnung gegeben werden. Die Politik hat das Dilemma verstanden ... So wurde maßgeblich beim Insolvenzrecht nachgebessert, u.a. durch die Einführung der Eigenverwaltung. Damit ist es deutlich besser möglich, dass Unternehmen durch das Management in einer Insolvenz fortgeführt werden. So weit, so gut. Leider steht dennoch eine Vielzahl von praktischen und rechtlichen Rahmenbedingungen gegen die zweite Chance.

3. Unternehmer verfügen nicht immer über ausreichende Krisenkompetenz

Ein Großteil der Insolvenzen wird nach wie vor deutlich zu spät beantragt. Dadurch sinken die Sanierungschancen erheblich, weil Substanz des Unternehmens und Vertrauen des Marktes verbraucht werden. Hierfür ist die mangelnde Sanierungskultur sowohl der Allgemeinheit als auch der Gesellschafter und Geschäftsführer mit ursächlich. Deutschlands Unternehmer müssen hier an ihrer Krisenkompetenz arbeiten, damit überhaupt Raum für eine zweite Chance in der Krise verbleibt.

4. Dringend notwendige Berater sind „zu teuer"

Die Regelungen im Insolvenzverfahren sind generell so komplex, dass kein Geschäftsführer die Risiken ohne erfahrene Berater vermeiden kann. Berater kosten aber Geld. Das ist bekanntlich knapp, in der Krise umso mehr. Weder Geldgeber noch Gesellschafter mögen gerne Berater finanzieren. Also macht man weiter wie bisher, es ist noch immer gut gegangen.

5. Schutzschirm / Insolvenzplan / Eigenverwaltung daher schlecht vorbereitet

Ohne gründliche Vorbereitung sind die modernen Sanierungsinstrumente Schutzschirm / Insolvenzplan / Eigenverwaltung nicht erfolgreich anzuwenden. Zwar werden mittlerweile mehr Verfahren nach diesen Regeln beantragt, aber noch immer deutlich zu wenige zu Ende gebracht. Dies liegt oft an nicht ausreichender Vorbereitung. Schäden für alle Beteiligten können nur mit guter Vorbereitung minimiert werden. Das heißt nicht, andere Sanierungsoptionen zu vernachlässigen, sondern nur, parallel den "Plan B" zu erarbeiten.

Ohne ausreichende eigene Kompetenz und ohne Berater ist das schwierig. Hinzu kommt, dass auch die anderen Mitspieler nicht immer die zweite Chance ideal unterstützen. Ohne Gläubiger, Arbeitsgerichte und Insolvenzverwalter kann eine Sanierung nicht gelingen. Hier sieht es zum Teil noch düster aus.

6. Gläubiger unterstützen die Sanierung nicht

Wenn der Insolvenzantrag gestellt ist, wird bei vielen Gläubigern nur noch auf Abwicklung gewartet. Bewusste Unterstützung einer Sanierung im Insolvenzverfahren ist leider die Ausnahme. Auch hier ist die Sanierungskultur oft noch nicht wirklich angekommen.

7. Arbeitsgerichte unterstützen die Sanierung nicht

Deutsche Arbeitsgerichte sind leider ein erstklassiges Sanierungshindernis. Der Besitzstand Einzelner wird höher bewertet als die Sanierung für zumindest einige. Da deswegen alle um Ihre Rechte klagen, werden Sanierungen unberechenbar. Die Schlecker Sanierung ist nicht zuletzt an den Tausenden (individuell nachvollziehbaren) arbeitsgerichtlichen Klagen gescheitert.

8. Insolvenzverwalter unterstützen die Sanierung nicht (zu oft Asset Deals)

Auch einige Insolvenzverwalter setzen wie früher auf Asset Deals bzw. den Verkauf von Vermögen des Unternehmens statt eine Sanierung zu wagen. Asset Deals sind angeblich fast immer besser, tatsächlich aber oft vor allem konfliktärmer für den Verwalter. Warum sollte man sich den Stress einer Sanierung antun, wenn man schnell weiterreichen kann? Es scheint sich nach der Statistik langsam etwas zu ändern, aber nur sehr langsam.

9. Insolvenz ist für Gesellschafter nach wie vor die Enteignung

Ohne einen Insolvenzplan ist die Insolvenz in aller Regel nach wie vor die Enteignung des Gesellschafters. Das umso mehr, als zumeist für Kredite mit dem Privatvermögen gehaftet wird. Dann ist nicht nur die Firma weg, sondern auch das Privathaus. Warum sollte da ein Gesellschafter früh Antrag stellen?

10. In Summe unterstützt Deutschland die Zweite Chance (noch) nicht

Solange der Gesellschafter glaubt, alles zu verlieren, die Geschäftsführer vor der Haftung Angst haben (müssen) und auch die Gläubiger die Insolvenz zu lange verzögern, bleibt die erfolgreiche Sanierung die Ausnahme. Nur mit mehr positiven Beispielen kann aber eine echte Bewusstseinswandlung bei allen Beteiligten erreicht werden. Die ist notwendig und sinnvoll für alle Beteiligten, um volkswirtschaftliche wie individuelle Schäden klein zu halten und den beim ersten Mal gescheiterten Unternehmern eine echte zweite Chance zu ermöglichen.

Deutschlands Zukunftsfähigkeit: Wir haben uns auf dem Weg gemacht ...

Zusammenfassend muss man feststellen, dass wir uns mit gutem Willen bei der zweiten Chance bzw. dem Insolvenzrecht auf den Weg gemacht haben, aber an Rechtsrahmen und Rechtspraxis nachbessern müssen, wollen wir wirklich der zweiten Chance einen vernünftigen Rahmen schaffen! Gerade weil unsere globalen Wettbewerber hier zum Teil besser aufgestellt sind, ist ein Handeln notwendig. Liebe Bundesregierung, werden Sie aktiv!


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