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13/02/2017 07:00 CET | Aktualisiert 15/02/2018 06:12 CET

Ich hatte ein Date mit einem mega heißen Typen - das habe ich daraus gelernt

Carsten Goerling via Getty Images

Notiz: Der Text hier ist quasi der Nachfolger von "Wie mein erster Freund 1998 ruinierte", aber beide Texte stehen für sich, du brauchst also den ersten Teil nicht lesen. Aber lies ihn. Nur nicht jetzt. Lies ihn später. Nach diesem Text hier.

Es gab einen Moment in meinem Leben, einen kurzen Augenblick, gerade mal so lang wie ein langsamer, bedächtiger Wimpernschlag, in dem ich, nun - und ich will ja nicht kokettieren - ein bisschen attraktiv war.

Oder vielleicht war ich einfach nur niedlich.

Ich erzähle dir das nicht, weil ich das will. Ich erzähle dir das, weil ich keine andere Wahl habe. Wenn ich dir das jetzt verschweigen würde, würdest du glauben, dass der Rest der Textes absoluter Mist sei und du würdest denken: "Lügnerin!! Nichts davon ist jemals wirklich passiert! Wir wissen alle, dass du aussiehst wie ein depressiver Haarball mit trockener Haut!"

Aber glaub mir. Ich gebe nicht an. Die Info ist wichtig, damit du mir die folgende Geschichte glaubst.

Also, ich glaube, den Großteil meiner flüchtigen Attraktivität verdanke ich der Jugend. Wenn du jung bist, kannst du dir ganz schön viel erlauben. Dennoch ist Jugend kein Garant dafür, dass du den "Keine Schabracke"-Stempel bekommst. Mit 15 herum war ich ein wandelnder Sack mit Zahnspangendraht, schlechter Haltung und Clownshaaren. Ich war eher ein Spätzünder, und als ich mich vom plumpen Teenager zu "Sind das Wangenknochen?" wandelte, wurde alles anders.

Ich hatte keine Ahnung, dass ich einigermaßen okay aussah, bis ich mein Abi machte und ein geradezu lächerlich heißer Typ mich fragte, ob ich mit ihm ausgehen wollte. Das war der Moment, in dem ich misstrauisch wurde. Anscheinend habe ich meine Hasenzähne und Pauswangen überwunden und vielleicht haben sich die Arbeit an meinen Zähnen und der korrekt aufgetragene Lidstrich gelohnt.

Der heiße Typ:

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Jake* und ich waren an der Uni in derselben Mathe-Klasse. Das allein war schon das erste Anzeichen für das Scheitern unserer Beziehung.

Beziehungstipp Nr.1: Mindestens ein Partner sollte Prozentrechnung beherrschen.

Ich kann mich an kein einziges Gespräch vor unserem ersten Date erinnern, wahrscheinlich, weil wir niemals miteinander geredet hatten (zumindest nicht länger als 12 bis 14 Sekunden lang). Unsere Interaktion basierte vor allem darauf, nach dem Unterricht verloren herumzustehen, verstohlene Blicke auszutauschen und so zu tun, als wären wir ganz zufällig und offensichtlich völlig grundlos zur selben Zeit am selben Ort.

Er sah immer selbstbewusst und fantastisch aus, während ich versucht habe, grade zu stehen und aus Versehen kein komisches Gesicht zu ziehen. Schließlich fand ich den Mut, ihn in einen dieser eigenartigen Small-Talks zu verwickeln, die nur Stubenhocker führen, wenn sie versehentlich mitten auf dem Time Square stehen gelassen wurden. So was wie: „H-hi", gefolgt von Schweißausbrüchen und panischem Wegrennen.

Eines Tages also, nachdem Jake sich von einer Freundin versichern ließ, dass ich Single sei, fragte er mich, ob ich mit ihm ausgehen will. **

Der Abend unseres Date hat sich in meinem Hirn fest gebrannt. Ein Gespräch ist mit besonders gut in Erinnerung geblieben, weil es eines der eigenartigsten ist, die ich jemals geführt habe. Er holte mich bei meinen Eltern ab und während wir zu seinem Auto liefen, sagte er ohne ersichtlichen Grund: "Ich bin 1,92m groß und wiege 90kg."

Was?

Beziehungstipp Nr. 2: Öhm... kein Plan.

Das Abendessen:

Nachdem wir zehn Minuten lang fast schweigend durch die Gegend fuhren und er überlegte, ob wir zu TGI Friday's oder Fuddruckers fahren sollten (es wurde dann Fuddruckers, weil die eine tolle Auswahl an Käse-ähnlichen Soßen haben), war mir klar, das jetzt jemand den ersten Schritt machen muss, also stellte ich ihm ein paar typische Erstes-Date-Fragen:

„Bist du hier aufgewachen?"

„Jup."

„Hast du Geschwister?"

„Jup."

„Magst du deinen Job?"

„Jup."

„Wie viele Wörter kennst du?"

„Jup."

Es war, als würde ich mit einem wirklich gutaussehenden, 1,92m großen, 90kg schweren Baumstumpf dinieren.

Beziehungstipp Nr. 3: Das weißt du wahrscheinlich schon, aber: Geh nicht mit Baumstümpfen aus.

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Er hat mir genau diese Anzahl von Fragen gestellt: NULL. Und offensichtlich fand er, dass ich auch noch die Langweilerin von uns beiden sei. Deswegen hat er sich wohl lieber das Fußballspiel im Fernseher über meinem Kopf angesehen.

Nach dem Essen sind wir ins Kino gegangen, um uns einen Film anzusehen - seinen Lieblingsfilm.

Der Film:

Armageddon (So heißt der Film, nicht das Motto unseres Dates. Das Date war schlimm, aber der Film war schlimmer.) ***

Beziehungstipp Nr. 4: Schaut euch nicht Armageddon an. Außer natürlich, ihr schaut ihn ironisch.

Im Kino wurde mir schnell langweilig. Ich war desillusioniert. Wenn ich mich langweilte, kam diese Teenie-Mädchen-Angewohnheit durch, eine meiner Haarlocken um meinen Finger zu wickeln. Jedes Mal, wenn ich das machte, berührte er sachte meine Hand, um mit seiner tiefen, sexy Baumstumpf-Stimme zu sagen: "Lass das, schau jetzt den Film."

Oh, NE-HEIN. Hast du mir gerade ernsthaft gesagt, ich solle aufhören, MEINE Haare zu zwirbeln, um diesen ach-so-orgasmischen Michael-Bay-Dreck zu schauen? Fiiick diiich.

Aber ich war viel, viel zu nett/passiv/von seinen grünen Augen geblendet, um meiner Verärgerung Ausdruck zu verleihen. Ich kam nur so weit, als dass ich während der Asterioden-Explosions-Bruce-Willis-Aufopferungs-Szene wegdöste und darüber fantasierte, zu sagen: "Also, nimm das jetzt nicht persönlich, aber du tötest mich mit diesem Scheißdreck von Film. Ruf mich nie wieder an."

Mehr zum Thema: Am Ende ist's doch wieder ne Kröte: Warum dein nächstes Date garantiert kein Treffer ist

Endlich war der Film vorbei, und ich täuschte sofort Müdigkeit vor und gähnte übertrieben und brachte eine halb ernstgemeinte Entschuldigung hervor, von wegen, ich sei richtig, richtig müde. "Ich bin heute morgen super früh aufgestanden. Ich sollte mal besser heimgehen."

Wir hielten vor meinem Haus, und noch bevor ich mich abschnallen und höflich ins Haus rennen konnte, sagte er mir, war für einen tollen Abend er mit mir hatte und dass er mich gerne wiedersehen würde.

Ach wirklich? Welcher Teil der Abends war denn so toll? Der Teil beim Abendessen, als du zu einem unartikulierten (aber sehr appetitlichen) Stück Rindfleisch degeneriertest und halbe Antworten auf meine eifrigen Fragen grunztest, die ich dir stellte, um dich besser kennenzulernen?

Oder der Teil, als du mich ignoriertest und ein Fußballspiel schautest, während ich einen weiteren Korb voller Pommes aß, WEIL DU EINE VEGETARIERIN ZU EINEM BURGER-BUFFET mitgenommen hast (die Pommes waren schon ZIEMLICH GUT, ABER ICH BIN IMMER NOCH SAUER)?

Oder der Teil, als wir ZWEIEINHALB STUNDEN im Kino saßen und eine Prä-CGI-Space-pocalypse schauten, während wir dabei zuhören mussten, wie Steven Tyler darüber heult, Menschen beim Schlafen zuzusehen und du mir verboten hast mit meinen Haaren zu spielen und Liv Tyler aufhörte, so zu tun, als basiere ihre Karriere auf Talent?!

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"Jup."

Beziehungstyp Nr. 5, 6 und 7: Verwechsle physische Attraktivität nicht mit echter Zuneigung. Und falls das noch nicht klar war, schaut euch nicht Armageddon an.

Für jemanden wie mich, dem während seiner Jugend kontinuierlich die gesellschaftlichen Schönheitsideale eingeprügelt worden sind (das kennen alle Frauen und auch einige Männer), war das ein wichtiger Moment für mich. Weil ich noch niemals mit so einem brühheißen Kerl ausgegangen bin, dachte ich, dass so ein Abend UNGLAUBLICH sein müsste.

Als ob sein schöner Körper selbstverständlich von einer ebenso tollen Persönlichkeit bewohnt wäre und als ob diese Kombi, wie durch Zauberhand, jedes Problem deines Lebens lösen könnte - wie in so ziemlich jeder Liebeskomödie, die jemals gedreht worden ist. Mit ihm zusammen könnte ich jede Hürde nehmen und einen Zustand vollkommenen Glücks erreichen.

Beziehungstipp Nr. 8: Glaub nicht, dass eine andere Person dich glücklich machen kann.

Stattdessen habe ich herausgefunden: "Ja, Virginia, sogar heiße Typen können nur so lala sein."

Deswegen habe ich heiße Typen aufgegeben. ****

Nicht wirklich. Ich bin noch mal mit ihm ausgegangen.

Okay, zwei mal.

ABER, zu meiner Verteidigung: Er war wirklich, wirklich (wirklichwirklichwirlich) gutaussehend und ich schwöre, dass wir uns damals nie wieder getroffen haben. *****

Im Nachhinein bin ich mir gar nicht sicher, ob Jakes offensichtliche Dumpfheit und Schweigsamkeit wirklich tiefsitzende Charakterschwächen waren. Vielleicht war er trotz seines Aussehens schüchtern und verunsichert. Und vielleicht war ich zu geblendet von seinem Aussehen, um das wahrzunehmen.

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Nach Jake bin ich noch mit ein paar anderen "heißen Typen" ausgegangen. Und jedes Mal machte ich die seichte, unfaire Annahme, das Schönheit eine perfekte Beziehung garantieren würde. Und dann stellte sich heraus, dass diese Typen genauso ihre Macken hatten wie alle anderen Menschen auch.

Aber wer will schon perfekt? Perfekt ist langweilig. Perfekt hat nichts zu sagen. Perfekt mag Armageddon. Außerdem bin ich so weit weg von perfekt, dass es schon fast eklig ist.

Wortwörtlich eklig.

Die Wahrheit ist, dass Aussehen niemals einen Menschen ausmachen wird. Er (oder sie) sieht "perfekt" aus - na und? Wenn hinter der Perfektion nichts steckt, kannst du dich genauso gut wie eine Zwölfjährige aufführen, die auf ihrem Bett sitzt und ihr Bravo-Poster von Keanu Reeves befragt, ob es deine neue Dauerwelle mag.

Ab einem bestimmten Punkt sprichst du nämlich mit einer Wand. Einer wirklich schönen Wand, aber immer noch einer Wand.

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* Nicht sein richtiger Name. Vielen Dank an John Hughes und Sixteen Candles, die mir so ein hilfreiches "Heißer Typ"-Template zusammengestellt haben. Ich habe die oben gezeigten Bilder von Jake Ryan basierend auf einigen Aufnahmen aus dem Film gezeichnet.

** Eigentlich hat mich Jake zwei Mal gefragt, ob wir ausgehen wollen, denn als er das erste Mal fragte, sagte ich - warte - "Nein." Wenn du wissen willst, warum, lies: Wie mein erster Freund 1998 runierte.

*** Liebe Spät-Neunziger-Bruce-Willis-und-Aerosmith-Fans, für die Armageddon der beste Film aller Zeiten ist, es tut mir leid. Ich werde mich nun selbst bestrafen, indem ich "Dude Looks Like a Lady" höre und dabei Hudson Hawk schaue.

**** Mein Ehemann Sherman, der alle meine Blog-Beiträge liest, besteht darauf, dass ich folgende Info mit aufnehme: Sherman ist nicht nur heiß, er ist sogar ein Meister im Prozentrechnen und er würde mir niemals verbieten, meine Haare zu zwirbeln, während wir (ironisch) Armageddon schauen.

***** Okay, vielleicht waren wir noch mal Kaffee trinken, aber das war dann das letzte Mal, ich schwöre.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf P.S. I love you.

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