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13/12/2016 07:58 CET | Aktualisiert 14/12/2017 06:12 CET

Die EZB macht weiter mit ihrer fatalen Geldpolitik

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Heute hat der Rat der EZB beschlossen, die Leitzinsen unverändert zu lassen: Der Hauptrefinanzierungssatz bleibt bei 0,0 Prozent, der Einlagenzins bei -0,4 Prozent. Beim Anleihekaufprogramm gab es jedoch wichtige Änderungen: (1) Die monatlichen Anleihekäufe werden über den März 2017 hinaus bis zum Dezember 2017 verlängert. (2) Ab März 2017 werden die Käufe von derzeit 80 Mrd. Euro auf 60 Mrd. Euro reduziert. (3) Die EZB behält sich vor, die Käufe wieder ausweiten, sollte das als geldpolitisch notwendig sein.

Zudem wird die EZB fortan, wenn sie es für angebracht erachtet, (4) Anleihen kaufen, deren Verzinsung unterhalb des Einlagenzinses (in Höhe von -0,4 Prozent) liegt. Das heißt, sie kann Anleihen zu einem Preis kaufen, der höher ist als die Summe der Zins- und Tilgungszahlungen der Anleihen. Die EZB ist also bereit, ihr Eigenkapital zu reduzieren: Das Kapital, das die Steuerbürger in die EZB eingezahlt haben, würde so an die Verkäufer der Euro-Staatsanleihen ausgezahlt!

Die kosmetische Verringerung der Anleiheaufkäufe nach Ende des ersten Quartals 2017 sollte nicht darüber hinwegtäuschen, auf welchem Kurs die EZB sich eigentlich befindet: Sie macht weiter mit ihrer Politik der Geldmengenvermehrung und der Zinsmanipulation. Denn das ist es, was hinter den Anleihekäufen steckt: Indem die EZB Schuldpapiere kauft, treibt sie deren Kurse in die Höhe, drückt also die Renditen der Papiere in die Tiefe; und die EZB bezahlt das Ganze mit neuen, aus dem Nichts geschaffenen Euro.

Das Ziel, das die EZB damit verfolgt, ist unmissverständlich: Kein Staat - und übrigens auch keine Bank, die als systemrelevant eingestuft ist - soll zahlungsunfähig werden. Dazu pumpt die EZB, wenn es sein muss, jede benötigte Geldmenge in die Kassen der maroden Schuldner. Zudem sollen die niedrigen Zinsen die Konjunktur anfachen: Billige Kredite sollen Investitionen antreiben und das Konsumieren auf Pump beleben. Vor allem die Staaten sollen sich zu günstigsten Konditionen (neu-)verschulden können.

Was die EZB betreibt, ist eine großangelegte Umschuldung: De facto erlaubt sie, dass private Investoren ihre Euro-Staatsschuldpapiere zu hohen Preisen bei der EZB abladen und dafür neu geschaffene Euro erhalten. Das bereichert nicht nur die Schuldenverkäufer. Dadurch werden auch die Steuerzahler zusehends ins Obligo genommen. Sie sind es, die haften, wenn ein Schuldner, dessen Papiere die EZB aufgekauft hat, seinen Schulddienst nicht mehr leisten kann. Und darauf läuft es wohl hinaus.

Das Szenario sieht vermutlich so aus: Die EZB kauft die Staatsschulden auf und erlässt irgendwann den Staaten ihre Zins- und Rückzahlungsverpflichtungen. Dadurch verschwinden die Schulden quasi von der Bildfläche, und das Schuldenproblem im Euroraum ist scheinbar gelöst. Die gesamten Kreditmarktschulden aller Euro-Länder beliefen sich Mitte 2016 auf gut 9,6 Billionen Euro. Das waren etwa 91,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Euroraum. Die EZB hat bislang Papiere in Höhe von nur 1,2 Billionen Euro gekauft. Das aber wird wohl nicht reichen.

Um die Schuldenquote auf beispielsweise auf 60 Prozent der Wirtschaftsleistung im Euroraum zu drücken, müsste die EZB noch zusätzlich Schuldpapiere in Höhe von mehr als 2 Billionen Euro aufkaufen und die Euro-(Basis-)Geldmenge in gleichem Umfang ausweiten. Soll die gesamten Euro-Staatsschulden in der EZB abgeladen werden, muss die Bank noch 8,4 Billionen Euro an Papiere kaufen - und dabei eine wahre Geldflut freisetzen. Unabhängig von dem, was heute also beschlossen wurde, wird vermutlich die zerstörerische Geldpolitik der EZB wohl noch lange weitergehen.

Folgen für den Anleger

Unter der Politik der EZB geht es der inneren und äußeren Kaufkraft des Euro an den Kragen. Die Folgen werden früher oder später sichtbar werden: in Form steigender Preise für die Lebenshaltung und für die Bestandsgüter wie Häuser, Grundstücke und Aktien, aber auch in einem Verfall des Außenwertes der Einheitswährung. Anleger aus dem Euroraum sollten also ihr „Euro-Klumpenrisiko" abbauen. Mit Blick auf die liquiden Mittel können sie dazu beispielsweise US-Dollar, Schweizer Franken und natürlich die Währung Gold halten.

Viele Anlageberater empfehlen ihren Kunden derzeit Aktien. Denn mit ihnen lassen sich - anders als bei festverzinslichen Anlagen - Renditen erzielen, die nach Abzug der Inflation positiv sind. Das ist zwar richtig. Die entscheidende Frage lautet aber: WIE soll man in Aktien investieren? Man sollte nicht meinen, das Investieren in einen breiten Aktienmarktindex - etwa im Zuge des Kaufs eines Index-ETFs - schütze vor Geldentwertung. In der Vergangenheit war zu beobachten, dass in Zeiten von wirtschaftlichen und monetären Turbulenzen die Inflation höher lag als die Kursgewinne bei den meisten Aktien. Aktien waren also per se kein Inflationsschutz.

Die Alternative zum Investieren in einen breiten Aktienmarkt besteht darin, sehr wählerisch zu sein, nur in Aktien von Unternehmen zu investieren, die langfristig hohe Renditen auf das eingesetzte Kapital erzielen, die langfristig ihre Gewinne pro Aktie steigern können - und das auch in wirtschaftlich schwierigen Phasen. Wer so denkt, sollte mit guten "Value Investoren" zusammenarbeiten. Denn die beschäftigen sich intensiv mit der Bewertung von Unternehmen und haben daher die besten Voraussetzungen, langfristig positive reale Renditen erzielen zu können - auch in Zeiten, in denen die zerstörerische Geldpolitik der Zentralbanken an Fahrt gewinnen.

Dr. Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der Degussa (www.degussa-goldhandel.de).

Er ist volkswirtschaftlicher Berater eines Alternative Investment Fund (www.polleit-riechert.com).

Dieser Beitrag wurde in ganz ähnlicher Form am 8. Dezember 2016 auf Focus Online veröffentlicht.

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