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09/12/2015 14:23 CET | Aktualisiert 09/12/2016 06:12 CET

Ländliche Räume im demographischen Wandel: Anschluss nicht verpassen!

Thinkstock

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Deutschland steht gut da wie lange nicht. Rekordbeschäftigung, Rekordsteuereinnahmen, die geringsten Arbeitslosenzahlen seit der Wiedervereinigung, der dritte ausgeglichene Bundeshaushalt in Folge und ein sattes Lohn-Plus in fast allen Branchen stellen eindrucksvoll unter Beweis, dass aus dem einstigen „kranken Mann Europas" die Zugmaschine des Kontinents geworden ist. Die Konjunktur trotzt der Krise.

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Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Zahlen und die Stimmungslage der Verbraucher sind so gut, dass die alles bestimmende Flüchtlingskrise scheinbar primär eine Frage von Kapazitäten ist, da der gegenwärtige Haushaltsüberschuss zumindest im kommenden Jahr die Kosten für Unterbringung, Versorgung und Integration der Asylbewerber ausgleichen kann.

Dennoch gibt es angesichts der mehr als eine Million Schutzsuchenden in diesem Jahr großes Unbehagen in der Bevölkerung. Die Sorgen und Ängste der Menschen haben meines Erachtens am Ende aber wenig mit einer generellen Abneigung gegenüber Fremden zu tun.

Deutsche haben Abstiegsängste


Vielmehr geht es um Abstiegsängste, um die Furcht, den derzeitigen Wohlstand nicht halten zu können, und die gefühlte Bedrohung, dass durch den finanziellen Kraftakt der Gesellschaft die deutsche Bevölkerung benachteiligt werden könnte.

Dieses diffuse Gefühl wird dann auch noch dadurch genährt, dass plötzlich Hunderttausende bezahlbare Wohnungen gebaut und in gleicher Größenordnung Kita- bzw. Schulplätze geschaffen werden sollen, obwohl der Bedarf auch vorher schon bestand.

Bei aller Solidarität und Hilfsbereitschaft müssen wir deshalb in erster Linie unser Land, die hier lebende Bevölkerung und ihre Bedürfnisse im Blick behalten. So sehr auch die gegenwärtigen Herausforderungen unsere politischen wie auch verwaltungsseitigen Kapazitäten binden: Wir dürfen die eigentlichen Probleme nicht aus den Augen verlieren.

Der demografische Wandel wird Deutschland wie kein anderes Land der Welt verändern. Schon heute können wir die praktischen Auswirkungen mehr und mehr greifen. Es gibt in vielen Bereichen eine gewaltige Fachkräftelücke. Die Zahl der Schulabgänger kann die angebotenen Ausbildungsplätze bei weitem nicht mehr füllen.

Dabei werden die eigentlichen Probleme und die tatsächliche Wucht der Alterung der Bevölkerung erst über uns hereinbrechen, wenn die sogenannten Baby-Boomer-Jahrgänge in die Rente gehen werden.

Bis 2030 hat sich Zahl der Pflegebedürftigen verdoppelt


Heute kann der Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung auf etwa ein Drittel beziffert werden. In wenigen Jahrzehnten steigt dieser auf zwei Drittel an. Damit stehen unsere Sozialversicherungssysteme vor derzeit ungelösten Herausforderungen. Man denke nur an die Pflege und die Erwartung, dass sich die Anzahl der pflegebedürftigen Personen bis zum Jahr 2030 nahezu verdoppeln wird.

Darüber hinaus erleben wir im Zuge des demografischen Wandels eine zweite wesentliche Entwicklung - die Entvölkerung ländlicher Gebiete. Bis 2030 werden einzelne Landkreise bis zu 30 Prozent ihrer Bevölkerung an die stetig wachsenden Metropolen verlieren. Wenn auch mögliche Entwicklungen nicht in ganz so gravierendem Ausmaß zu erwarten sind, so ist doch auch mein Wahlkreis eine ländlich geprägte Region.

Die Menschen hier vor Ort haben ein sehr gutes Gespür für diese Entwicklungen und die damit verbundenen Notwendigkeiten. Sie erkennen sehr wohl, dass die unbestimmte Verschiebung notwendiger Konversionsprozesse und der damit einhergehenden Stadtentwicklung aufgrund der Unterbringungszwänge für die ankommenden Flüchtlingsmassen negative Auswirkungen auf die Städte und damit auf die eigene Zukunft haben. Und sie erwarten deshalb bereits heute zurecht Antworten auf diese Fragen sowie die Herausforderungen von morgen.

Gleichwohl haben die Menschen mit großer Mehrheit kein Interesse daran, ihre Heimat zu verlassen, solange eben die Rahmenbedingungen stimmen. Das aber erfordert Weitsicht und ist die Aufgabe der Politik.

Weichen für ländliche Räume stellen


Für mich ist es ganz entscheidend, dass bereits heute die Weichen für die Zukunft der ländlichen Räume gestellt werden. Ansonsten laufen wir irgendwann den Tatsachen uneinholbar hinterher. Mehr noch als in den Städten sind die Bürgerinnen und Bürger hier de facto auf Mobilität in Bezug auf leistungsfähige Straßen und gut funktionierende Bahnanbindungen, ein gutes öffentliches Verkehrsangebot und schnelles Internet angewiesen.

Diese Punkte sind ohnehin ganz zentral für die Attraktivität als Wirtschaftsstandort. Ohne die hier beheimateten Unternehmen fehlte die Basis für Arbeitsplätze als Grundlage jeden Lebens.

Es geht aber auch um die Erreichbarkeiten und Verfügbarkeiten im Bereich der Gesundheitsversorgung und der allgemeinen Daseinsvorsorge, ebenso um gute und vielfältige Bildungsangebote. Nicht zu vergessen ist die Lebensqualität, die sich heutzutage oftmals über die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung definieren.

Bei uns im Schwarzwald-Baar-Kreis haben wir bereits vor einiger Zeit eine Zukunftsstrategie für den Kreis entwickelt und verabschiedet, um die notwendigen Antworten und Angebote zu liefern, damit der ländliche Raum auch weiterhin lebenswert und liebenswert bleibt und nicht den Anschluss an die Zukunft bzw. die Städte verliert.

Allein werden wir die an uns selbst gestellte Aufgabe aber nicht bewältigen können - schon aus finanziellen Gründen nicht. Es ist beispielsweise kaum zu rechtfertigen, wenn Einrichtungen wie Krankenhäuser, die hohe Fixkosten verursachen, aufgrund sinkender Patientenzahlen überhaupt nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können.

Umgekehrt ist es schwierig, der alten Nachbarin zu erklären, warum sie auf einmal hundert Kilometer fahren soll, um ins nächstgelegene Krankenhaus zu kommen.

Wenn man sich ein wenig mit der Materie befasst, so drängen sich sofort unzählige Fragen aus dem Spannungsfeld zwischen „machbar", „wünschenswert" und „bezahlbar" auf. An dieser Stelle wünsche ich mir bereits heute einen viel offeneren, gesamtgesellschaftlichen und alle politischen Ebenen übergreifenden Dialog, der die Problemlage und mögliche Lösungsstrategien unabhängig von Parteigrenzen und an der Sache orientiert beleuchtet.

Jetzt den demografischen Wandel gestalten


Wir dürfen angesichts der schieren Größe des Problems nicht weiter blauäugig sein, immer nur auf Sicht fahren und letztlich die Missstände erst angehen, wenn es eigentlich zu spät ist. Noch ist Zeit, um den demografischen Wandel zu gestalten, statt lediglich darauf zu reagieren.

Ich bin überzeugt, dass sich jegliche frühzeitige Überlegung und jedwede Kraftanstrengung für die Zukunftsfestigkeit unseres Landes amortisieren werden. Unabhängig davon bin ich schon heute davon überzeugt, dass unser Land auch künftig von der Stärke des ländlichen Raums profitieren wird.

Oder besser gesagt: Unser Land ist immer nur so stark wie der ländliche Raum. Deshalb sollten bei allen zukünftigen Entscheidungen immer die Bedürfnisse der Menschen im Vordergrund stehen und nicht nur in Euro und Cent gerechnet werden.

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