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05/10/2015 13:55 CEST | Aktualisiert 05/10/2016 07:12 CEST

Die wichtigste Antwort auf die Digitalisierung heißt Qualifizierung

thinkstock

Die Digitalisierung der Arbeitswelt bringt eine Fülle von Herausforderungen. Jedenfalls, wenn man den Anspruch hat, Digitalisierung so zu gestalten, dass Wirtschaft und Arbeitnehmer gleichermaßen profitieren.

Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) hat diese Herausforderungen im „Grünbuch Arbeiten 4.0" beschrieben und erarbeitet in einem breit angelegten Diskussionsprozess Antworten darauf .

Manche Trends sind noch zu unklar, um schnelle Antworten zu geben. Eins aber zeichnet sich bereits jetzt deutlich ab: Ohne mehr Qualifizierung werden Arbeitsplätze verloren gehen und die Qualität der Arbeit wird abnehmen.

Die Horrorszenarien vom „Ende der Arbeit", die sich auf Studien wie jene von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne stützen, müssen aber nicht zwangsläufig eintreten. Unternehmen, Sozialpartner und Politik können gegensteuern, indem sie gemeinsam auf neue Qualifikationsanforderungen reagieren.

Studien bestätigen Veränderung von Tätigkeiten

Außerdem kommen Studien für Deutschland zu einem durchaus differenzierteren Bild. Eine vom BMAS in Auftrag gegebene Studie des ZEW, die den Ansatz von Frey und Osborne auf Deutschland überträgt, macht deutlich, dass es weniger um das „Verschwinden" von Berufen geht als vielmehr um eine - zum Teil allerdings radikale - Veränderung von Tätigkeiten.

Steigende Arbeitslosigkeit ist also nicht zwangsläufige Folge von Digitalisierung. Bei kluger Gestaltung bietet sie vielmehr die Chance auf mehr und höherwertigere Arbeitsplätze und diesen Pfad sollten wir einschlagen.

Dazu gehört auch ein klares Bekenntnis zu einer qualitätsorientierten Wettbewerbsstrategie, sowie im Kernbereich der deutschen Wertschöpfung eine Fortsetzung der inkrementellen Innovationsstrategie - auch wenn diese vermutlich beschleunigt werden muss. Ein Umschwenken auf eine Niedriglohnstrategie oder ein disruptives Innovationsmodell würde den Qualifizierungsvorsprung Deutschlands zunichte machen und zu neuen Risiken führen.

Differenzierter Blick auf Volkswirtschaften

Markus Lorenz, der für die Boston Consulting Group veränderte Tätigkeitsprofile in der Industrie 4.0 untersucht hat, bringt es auf den Punkt: "Volkswirtschaften, die nur auf Lohnkostenvorteile setzen, trifft die Digitalisierung ungleich härter."

Aber auch in der deutschen Facharbeitnehmerschaft ist ein "Upskilling" notwendig, denn auch ihre Tätigkeiten werden wissensintensiver werden und der Anteil an Routinetätigkeiten wird abnehmen.

Es geht in der automatisierten Produktion der Zukunft weniger um das „Bedienen" von Maschinen, sondern zunehmend um Prozessentwicklung und -supervision, Fehlerbearbeitung, Wartung und Instandhaltung. Kognitive und interaktive Tätigkeiten werden dabei wichtiger werden, in der Industrie wie in den Dienstleistungsbranchen.

Anpassungsqualifikationen notwendig

Nur mit entsprechenden Anpassungsqualifikationen wird es deshalb möglich sein, die "robuste Mitte" des deutschen Arbeitsmarkts zu erhalten und eine Polarisierung zu verhindern, wie auch eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit zeigt.

Gleichzeitig werden wir die nachholende Ausbildung und die Weiterbildung von Un- und Angelernten deutlich stärken müssen. Denn auch wenn beispielsweise durch den Versandhandel in Logistik und Lagerei zurzeit Arbeitsplätze entstehen, so wird gerade hier in naher Zukunft die Automatisierung viele Helfertätigkeiten überflüssig machen.

Die Qualifizierung von Un- und Angelernten wird aber, gerade in kleinen und mittleren Unternehmen, nicht von den Firmen allein gestemmt werden können. Da es hier auch um die Verhinderung von Arbeitslosigkeit geht, die in Deutschland inzwischen hauptsächlich auf ein Mismatch zwischen Qualifikationsnachfrage und (fehlender) Qualifikation der Arbeitslosen begründet ist, wird dabei zukünftig auch die Arbeitslosenversicherung eine größere Rolle spielen müssen.

Weiterbildungsrecht als Arbeitnehmerrecht

Diese Position wird inzwischen auch von Aart De Geus, dem Vorsitzenden der Bertelsmann Stiftung unterstützt. Ebenso wie ein Recht auf Weiterbildung, das in Zukunft vielleicht eines der wichtigsten Arbeitnehmerrechte sein könnte.

Die Bedeutung von Qualifizierung wird aber nicht nur durch den technologischen Wandel zunehmen, sondern auch durch mehr berufliche Flexibilität über den Lebensverlauf. Damit werden Aus-, Um- und Wiedereinstiege an Bedeutung gewinnen.

Um dies ohne Einbrüche in der Karriere und beim Einkommen meistern zu können, werden Qualifizierungsberatung und Weiterbildungsangebote während des gesamten Erwerbslebens auch für den Einzelnen immer wichtiger.

Vor diesem Hintergrund sind Arbeitnehmer, Unternehmen, Betriebs- und Tarifpartner ebenso gefordert wie die Politik und sozialstaatliche Institutionen wie die Bundesagentur für Arbeit. Alle müssen zu einer neuen Qualifizierungs- und Weiterbildungskultur beitragen. Nur so können die Chancen der Digitalisierung von Arbeit genutzt und Risiken minimiert werden.

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