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19/04/2016 05:53 CEST | Aktualisiert 27/04/2017 07:12 CEST

Eine neue Euro-Krise? Nein, da es kein Limit für die Geld-Flut gibt

THIERRY CHARLIER via Getty Images

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Steuert die Eurozone auf eine neue Finanz-Krise zu? Nein. Aber Europa und insbesondere der Euroraum haben den Einbruch von 2008/2009 längst nicht durchschritten. Die Eurozone steckt nach wie vor in einer wirtschaftlichen Krise, die vor allem von schwachem Wachstum und fehlendem Vertrauen geprägt ist.

Die Konjunktur schleppt sich so dahin, die Preissteigerungsraten (Inflation) sind gering und die Arbeitslosigkeit verharrt auf einem recht hohen Niveau. Zweifellos, es gibt Aufwärtstendenzen, so verbesserte sich der Index der Industrieproduktion für die Eurozone von rund 90 im Krisen-Frühjahr 2009 auf nun 104 Punkte und die Arbeitslosigkeit sank von mehr als 12 Prozent in der Spitze auf nun 10 Prozent.

"Florierende Wirtschaft geht anders."


Deflationär bleiben jedoch die Preise, sie sanken zuletzt mit einer Jahresrate von minus 0,1 Prozent und die Industrieproduktion legt im Februar 2016 im Vergleich zum Vorjahr lediglich um 0,8 Prozent zu. Florierende Wirtschaft geht anders.

Warum kommt die Konjunktur in der Eurozone nicht besser in Schwung? Ein wichtiger Grund dafür ist sicherlich die Schuldenkrise. Auf den 19 Staaten der Eurozone lasteten gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal 2015 im Schnitt nach wie vor Miese in einer Höhe von 91,6 Prozent.

Dieser Durchschnittswert verschleiert jedoch die Schulden-Wahrheit. Bei Ländern wie Griechenland standen zuletzt 171, bei Italien 135 und bei Portugal 131 Prozent in der Statistik. Schulden, die abgebaut werden müssen. Diese Konsolidierung bremst das Wachstum.

Zudem wirken solche Schulden nicht gerade vertrauensbildend auf die eigene Bevölkerung und auf mögliche Investoren. Die Verunsicherung bleibt hoch, auch wenn der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB/ECB), Mario Draghi, so ziemlich alles versucht, um dieses Unbehagen mit reichlich Liquidität zu verwässern.

Draghi will alles geben


Am 26. Juli 2012 sprach Draghi in London die entscheidenden Worte: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough." Um den Euro zu retten, werde er, innerhalb des Mandats, alles tun - und man soll ihm besser glauben, es werde genug sein. Alle Spekulanten und Hedgefonds dieser Welt verstanden die Warnung.

Die Zinssätze für Staatsanleihen in der Eurozone kamen seitdem deutlich zurück. In Deutschland beispielsweise sank kürzlich die Umlaufrendite, ein Durchschnittswert aller Bundesanleihen, auf ein Rekordtief von null Prozent. Wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble neue Schulden macht, muss er bis zu einer Laufzeit von fast zehn Jahren keine Zinsen zahlen, erst ab zehn Jahren sind es ungefähr 0,1 Prozent, also fast nichts.

Aber auch in Griechenland, Spanien, Italien oder Portugal sanken die Zinsen und haben die dortigen Staatshaushalte entlastet. Die niedrigen Zinsen wurden allerdings nur unzureichend genutzt, um Reformen anzuschieben und die Haushalte merklich zu konsolidieren. So schwelt das Schuldenproblem weiter und die Wirtschaft siecht.

Zugleich verbaut die Einheitswährung Euro den Krisen-Ländern den Weg einer Währungsabwertung, um auf den Weltmärkten wieder wettbewerbsfähig zu werden. Es bliebe nur eine reale Abwertung über die Löhne und somit eine Absenkung des Lebensstandards, was aber politisch nur schwer durchsetzbar ist. Eigentlich müssten diese Länder raus aus dem Euro und ihre (dann neue) Währung (zum Preis höherer Zinsen) abwerten - zugleich müssten die Schulden gestrichen werden. Politisch ist aber auch das unrealistisch.

Die Schlüsselrolle von Draghi und der EZB


Draghi und der EZB kommen deshalb die Schlüsselrolle bei der Eurokrise zu. Erst kürzlich betonte Draghi wieder, dass es „kein Limit" und auch noch zahlreiche „Instrumente" gebe, um die Zinsen noch weiter nach unten, die Inflation rauf sowie die Wirtschaft und die Kreditvergabe wieder in Schwung zu bringen.

Bereits jetzt müssen Banken für ihre Einlagen bei der EZB bezahlen (Negativzinsen), es gibt Null-Leitzinsen und die EZB kauft Monat für Monat für Milliardensummen Staatsschulden an den Märkten auf. Nein, eine neue Eurokrise droht nicht. Mario Draghi würde dann einfach noch mehr, noch viel mehr ... Mancher sieht schon in einem möglichen Bargeldverbot und der Abschaffung der 500er-Scheine Vorboten diese möglichen „noch mehr", um damit die Voraussetzungen für negative Zinsen auch für Sparer zu schaffen.

There is no free lunch! Einer muss in der Wirtschaft immer die Zeche zahlen. Im Moment sieht es sehr danach aus als wären das die Sparer, für die klassische Sparformen wie das Sparbuch, Festgeld, Staatsanleihen oder Lebensversicherungen, die allesamt keine Zinsen mehr abwerfen, nicht mehr funktionieren.

Eine gute Alternative könnten in dieser Situation langfristige Anlagen in Aktien international tätiger Unternehmen aus der Eurozone oder ein DAX-Indexfonds (ETFs) sein. Hier können Investoren von einem niedrigen Euro (höhere Wettbewerbsfähig der Euro-Unternehmen) und den tiefen Zinsen (günstige Refinanzierung der Unternehmen bei Investitionen) über Dividenden und steigende Kurse profitieren.

Ob es Draghi gelingen wird die Wirtschaft mit der Geld-Flut wieder zu beleben? Ein Seil kann man schwer anschieben, was heißt, dass auch die Nachfrageseite, die Konsumenten und Investoren, wieder Mut fassen müssen, Geld auszugeben und Kredite nachzufragen. Geld genug wäre da, an was es fehlt ist Vertrauen. Es kann nur bei einer langfristigen und klugen Reformpolitik wachsen.

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