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05/12/2016 09:45 CET | Aktualisiert 06/12/2017 06:12 CET

"Work-life-balance ist ein Schrei nach Freiheit, und nicht nach Flexibilität" - was Arbeitgeber über die junge Generation lernen müssen

Betsie Van der Meer via Getty Images

Viele Menschen, auch aus der Wirtschaft, labern über die "junge Generation". Nicht wenige halten sie für bequem und zu fordernd, mit zu hohen Ansprüchen. Es fehle ihnen an Ehrgeiz und sie lebten in ihrer ganz eigenen Welt. Doch das ist Unfug - Die jungen Leute, die nun langsam auf den Arbeitsmarkt kommen, beweisen Sinn für das, auf was es ankommt: Die Frage, wie sie Sinn in ihrem Leben und damit auch in ihrer Arbeit finden. Und wenn die eine Welt nicht zu ändern ist, wandern sie in eine parallele Welt.

Geschwätz über Generationen

Schon allein bei dem Begriff "Generation Z" bin ich skeptisch. Die Einteilung in Generationen, die alle irgendwelchen festgelegten Kategorien entsprechen, ist verkürzt, verflacht und künstlich konstruiert. Das Gerede von diesen Generationen mit ihren angeblichen Eigenschaften ist eine Kastration der Betrachtung - wieder nur ein Thema, an dem sich einige Berater eine goldene Nase verdienen wollen. Da gibt es wenig Empirisches und viele dieser Attribute gelten für mehrere Generationen.

Sinnentleerte oder sinnvolle Arbeit

Man sagt, dass die jungen Leute weniger arbeiten und mehr andere, freie Zeit wollen. Dabei geht es hier doch überhaupt nicht um Arbeitszeit oder "Freizeit", sondern um Sinn und Freiheit der Entscheidung! Und dieses Thema beschäftigt uns alle. Ich setze mich ja genauso mit der Frage auseinander: Wie gehe ich mit hunderten von Mails um, die mich täglich bis in die Nacht erreichen? Oder mit sinnlosen Routinen, die ich früher in meiner Managerzeit und heute in meinen politischen Aktivitäten erlebe.

Der Unterschied zwischen Industriearbeit und Wissensarbeit

In der Industrie-und Servicegesellschaft und insbesondere in der Industriearbeiterschaft geht es um die von Arbeitsministerin Nahles propagierte Arbeitszeitflexibilität und die damit verbundenen Kompromissformeln zwischen Arbeitgebern und abhängig Beschäftigten.

Gerade bei der wachsenden "Kreativen Klasse" in der Wissensarbeit geht es aber in Wirklichkeit darum, ob der Einzelne ein Recht auf Selbstbestimmung hat oder nur funktionieren soll bzw. Objekt arbeitsrechtlicher und arbeitsgesetzlicher Normierung ist. Diese Frage gilt übrigens genauso für andere Generationen, aber sie gewinnt eben auf der Zeitschiene immer weiter an Schärfe gerade für die junge Generation.

Mehr zum Thema: Warum es wenig Sinn macht, über Generationen XYZ nachzudenken

Doch wir erleben immer noch Führung und Mitbestimmung 1.0 in einer Wirtschaftswelt, die immer noch nicht durch Sinnstiftung und individuellen Beitrag des Einzelnen definiert wird, sondern durch kaskadierte Ziele des göttlichen CEO, der Orden und Epauletten verteilt oder durch vom Betriebsratsfürsten durchverhandelte Kollektiv-Regelungen zur Arbeitszeit.

Junge Generation als Katalysator

Mit diesen veralteten Strukturen der Macht, den überkommenen Sitten und Gebräuchen, müssen sich die jungen Leute auseinandersetzen und ich wage zu behaupten, dass es hier erst noch zu einem richtigen Clash kommen wird - zwischen den Jungen sowie frisch gebliebenen und den Etablierten.

Ich selbst sehe die jungen Leute als eine große Chance für Deutschland. Sie sind klug und gut ausgebildet für eine technologisch getriebene Arbeitswelt, in der nicht nur die digitale Vernetzung eine immer größere Rolle spielt, sondern auch die soziale Innovation in einer anderen Arbeitswelt. Sie haben nicht nur Medienkompetenz, sondern tragen das Digitale in ihrer DNA. Damit schaffen sie zudem die besten Voraussetzungen für eine Entwicklung, die wir dringend brauchen, hin zu einer Gründer-Ökonomie.

Sie haben das Zeug dazu, wirkliche digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die fundiert und nachhaltig sind. Es kann ja schließlich nicht darum gehen, einfach Software zu entwickeln, mit der man 20.000 Pizzafahrer auf die Straße bringt, und das dann digitalen Wandel nennen! Nein, wir brauchen innovative und tragfähige Modelle für die digitale Zukunft.

Das ist extrem wichtig, wenn wir uns darüber Gedanken machen, wie wir auch künftig Wagniskapitalgeber gewinnen können. Dafür brauchen wir nicht nur die politischen, sondern auch die richtigen kulturellen Rahmenbedingungen. Der richtige "Unternehmer-Spirit" ist in dem Zusammenhang natürlich wichtig. Ich denke, das Thema Gründung wird mit den jungen Generationen auf jeden Fall einen Schub bekommen.

Der Sinnlosigkeit Schnippchen schlagen

Klar ist aber: Die Motivation der jungen Leute kann nur leben, wenn in der eigenen Arbeit ein Sinn erkannt wird. Ich habe erst vor wenigen Tagen mit zwei jungen Studenten geredet, die mich zuvor auf einer Vorlesung in Augsburg gehört hatten und die nun auf mich zukamen. Sie erzählten mir unter anderem von ihrem Praktikum bei Siemens: Es langweile sie zu Tode! Sie fragten sich "was sollen wir tun? Wir erleben eine solche Sinnlosigkeit dort!"

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Ihnen konnte ich nur sagen: Sucht nach dem Anderen, nach den Möglichkeiten, dort zu sein, wo neue Geschäftssysteme und -logiken zu entwickeln sind. Sucht etwas, bei dem ihr wirklich mithelfen könnt, egal ob es spin-offs von Osram sind, ob es verzweifelnde Sanierungsfälle oder naiv-optimistische Gründungen sind. Und bitte: Fragt nicht nur untertänig, wo ihr etwas lernen könnt, sondern auch selbstbewusst, wo ihr etwas beitragen könnt.

Das sind meiner Ansicht nach die zentralen Fragen, um die man sich kümmern muss, bevor man sich über die Jugend beschwert, die angeblich nur auf Verkürzung oder Flexibilität der Arbeitszeit aus ist. Die Jugend hat ein Recht darauf, alte Systeme und Vorstellungen infrage zu stellen. Wenn es ihnen um den Sinn von Arbeit geht, kann ich sie nur ermutigen, diese Frage zu stellen.

Das Stichwort work-life-balance ist ein Schrei nach Freiheit, und nicht nach Flexibilität. Denn die Menschen haben dann Lust auf work-life-balance wenn "work" sinnlos ist. Es geht, um es mal salopp zu sagen, sich nicht anöden zu lassen von dem "alten Scheiß".

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit ist also richtig und wichtig. Oft wird sie allerdings zugunsten von Geld, Macht und Sex zurückgestellt. Liebe junge Generation, ich kann nur sagen, lasst euch nicht von diesen falschen Göttern ködern.

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