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05/12/2015 10:37 CET | Aktualisiert 05/12/2016 06:12 CET

Worte können zu Waffen werden...

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Es gab Zeiten, da wurden im Journalismus die Worte meist mit Bedacht gewählt. Doch die Qualität in der Branche sinkt mit den Budgets der Redaktionen. Das Ergebnis ist eine Sprache, von der man nicht mehr weiß, ob der Journalist am Stammtisch saß, ehe er in die Tastatur griff oder ob der Stammtisch den Journalisten nachplappert.

„Der Unterschied zwischen dem richtigen und dem beinahe richtigen Wort ist wie der Unterschied zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen." Das sagte einst Mark Twain. Daran errinnert man sich teilweise kaum noch, aber Worte können zu Waffen werden.

Brennende Strafräume, rudernde Politiker


Es kann durchaus belustigend sein, wenn Journalisten über die berühmten Stränge schlagen. Brennende Strafräume habe ich als Hobbykicker zum Glück nie erlebt, bei den Profis soll es das aber geben („Jetzt brennt es lichterloh im Strafraum").

Warum ruft niemand die Feuerwehr? Spannend ist Vorstellung, dass eine Mannschaft in der Tabelle „vorrückt". Welche Waffen setzt sie bei ihrem Vorstoß ein? Aber auch Politiker werden gelegentlich seltsame Tätigkeiten zugeschrieben. Alleine die Vorstellung, dass Angela Merkel „zurückrudert", löst bei mir Kopfkino aus. Ich wünsche ihr dann ein Motorboot.

IS ist ein PR-Name


Worte können Waffen sein. Diese Waffen haben ihren Ursprung oft in der PR. Ein aktuelles Beispiel ist der Begriff „IS". Er besagt, dass die Terroristen im Namen des islamischen Staates, also aller Muslime, die Welt terrorisieren.

Den Begriff haben sie bewusst geprägt und die Journalisten übernehmen ihn brav. Selbst die Verantwortlichen der Medien haben aber nicht bemerkt, dass sie damit Extremismus fördern - denn mit dem Begriff „IS" wendet sich die Stimmung pauschal gegen alle Muslime.

Sie stehen unter Generalverdacht und bestimmten Kreisen kommt das nicht ungelegen.

Daesh mögen die Terroristen nicht


Die Online-Plattform "Watson" erläuterte den Unterschied „IS" und „Daesh":

„Das Wort hat seinen Ursprung im arabischen Namen der Terrormiliz. Der IS heißt im Original «al-Dawla al-Islamiya fi Iraq wa al-Sham», was das Akronym DAIISH ergibt. Im Englischen wird dies meistens «Daesh» geschrieben. Die Terrormiliz hasst den Ausdruck.

Denn die englische Schreibweise ähnelt dem arabischen Wort «dahes», was soviel heißt wie «derjenige, der Zwietracht sät.» Auch erinnert es an «daes» - «derjenige, der etwas zertrampelt». Der Gebrauch des Wortes «Daesh» ist im IS-Gebiet verboten. Wer es ausspricht, riskiert, dass seine Zunge herausgeschnitten wird, berichtet NBC."

Despektierliche Stammtischformulierungen


Im Asyl- und Flüchtlingswesen gibt es offizielle Formulierungen und beides ist auch nicht das Gleiche. Der Asylbewerber (oder Asylsuchende) will in der Schweiz bleiben, der Flüchtling sucht Schutz - will aber wieder nach Hause gehen.

Kürzlich habe ich jedoch in einer Zeitung erneut den Begriff Asylant gelesen. Diese despektierliche Stammtischformulierung sollte nicht zum Wortschatz eines Journalisten gehören. Er sollte vor allem nicht gefördert zu werden und die wahrscheinliche Haltung des Journalisten kenne ich bereits.

Hoffentlich kennt er den Unterschied zwischen Asylbewerber und Flüchtling, denn er hat Macht - und ohne Wissen ist das nicht ungefährlich.

Im Islam gibt es keinen Papst


Nicht weniger unsinnig ist die Forderung von Journalisten, sie kommt immer, dass sich „die Muslime zu wenig von den Extremisten distanzieren". Wer das fordert, sollte dringend einem Imam in seiner Region aufsuchen und sich das System erklären lassen.

Der Wiler Imam Bekim Alimi hat es mir erklärt: Der Koran ist etwa so vielseitig zu deuten, wie die Bibel. Während es bei den Christen aber den Papst als höchste Instanz gibt, der die Deutung steuert, gibt es das bei den Muslimen nicht.

Jeder kann den Koran interpretieren, wie er das für richtig hält - also auch Extremisten. Wenn Journalisten diese Forderung aufstellen, kann sie nicht erfüllt und damit gegen den Islam als Ganzes verwendet werden. Wissen ist Macht, Unwissenheit gefährlich.

Drei Spinner, eine Schlagzeile


Die Onlineplattform "20Minuten" „bastelte" jüngst aus drei positiven Zuschriften zu den Attentaten von Paris die Schlagzeile „Schweizer Extremisten feiern die Attentäter".

Samir K., Mohammed K. und Almedina K. freuten sich in den sozialen Netzwerken darüber. Das ist ohne Zweifel bedenklich, aber ein Medienschaffender der daraus eine Geschichte mit einem so reißerischen Titel „bastelt", ist sich seiner Verantwortung nicht bewusst. Das ist nicht einmal mehr Boulevard, das ist billig.

Ein Journalist, der so arbeitet, darf sich später nicht über die aufgeheizte Stimmung beschweren oder das seine Tonalität von bestimmten Parteien übernommen wird - er lieferte die Munition!

Fazit:


Die Aufgabe von Journalisten ist es nicht für „Stimmung" in der Bevölkerung zu sorgen. Ihre Aufgabe ist es aufzuklären, sachlich und objektiv zu berichten. Sie sollten Fragen beantworten. Worte sind das verbindende Element zwischen Gedanke und Handlung.

Profis mit Verantwortungsgefühl sollten also sorgsamer mit ihnen umgehen, denn Worte können zu Waffen werden...

Comic dient zur Aufklärung: Hier greift ein kleines Mädchen öffentlich die ISIS-Propaganda-Methoden an

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