BLOG
21/12/2015 04:53 CET | Aktualisiert 21/12/2016 06:12 CET

Die Kunst des Scheiterns: Das ist Sepp Blatters letzter Fehler

2015-12-18-1450424465-407523-Absturz.jpg

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Zwei Themen werden in keinem Jahresrückblick 2015 fehlen: Fifa und VW. Der milliardenschwere Verein mit Sitz in der Schweiz und der internationale Autokonzern mit Sitz in Deutschland wurden durch immer neue, negative Schlagzeilen durchgeschüttelt. Beide sind längst nicht „über den Berg", niemand weiss was noch kommt. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen den Fällen: Während Martin Winterkorn zügig seinen Stuhl räumte und schrittweise aus den Schlagzeilen verschwand, „klebt" Sepp Blatter an der Macht, versucht krampfhaft sein Image und seinen Namen zu retten - obwohl er beides längst verspielt hat. Doch die Kunst des rechtzeitigen Abganges ist eine hohe Kunst. Nicht alle beherrschen sie: Macht macht süchtig.

Rückzug aus der Schusslinie


23. September 2015: Martin Winterkorn tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Grund ist der Abgas-Skandal bei VW, der inzwischen auch andere Automarken erfasst hat. Der 68-jährige Topmanager zog die Notbremse und sich aus der Schusslinie zurück. Ob unschuldig oder nicht, spielt an dieser Stelle keine Rolle, obwohl sich Fragen stellen: Hat er nichts gewusst? Hat er es gewusst und bei der Vertuschung mitgeholfen?

Noch schlimmer wäre, wenn sich herausstellen würde, dass er aktiv mitgewirkt hat. In jedem Fall war er klug genug, loszulassen, von der verführerischen Macht - die korrumpiert. Sollte ein Berater im Spiel gewesen sein, dann ist er kompetent. Es war also fast der „perfekte" Abgang gewesen, wäre da nicht die Tatsache, dass er klammheimlich sein Gehalt in Millionenhöhe weiter bezieht und das ist - angesichts der unsicheren Jobzukunft von tausenden Arbeitern - schon sehr zynisch.

Vertrauen sank ins Bodenlose


27 Mai 2015: Die Polizei verhaftet sieben Fifa-Funktionäre, die zum Fifa-Kongress anreisten vor einen Zürcher Nobelhotel. Hinter der Aktion steht ein Rechtshilfegesuch aus den USA, umgesetzt durch das Bundesamt für Justiz. Schlagartig wurde es auch offiziell zum Thema, dass beim Fussball-Weltkonzern „möglicherweise" etwas nicht stimmt, nachdem es die Spatzen schon fast von den Dächern pfiffen.

Zu diesem Zeitpunkt war das Vertrauen der Fussballgemeinschaft bereits sehr tief gesunken, spätestens nach dem Entscheid der Fifa, die WM nach Katar zu vergeben. Dieser Entscheid, frei von Logik und Vernunft, roch förmlich nach Korruption. Die Vergabe nach Russland muss ebenfalls kritisch hinterfragt werden. Da konnte Sepp Blatter noch so oft dementierten, dass etwas „im Staate Fifa faul ist".

„Wenn Sie in eine Position mit Macht kommen, dann kommen Sie in eine neue Situation. Sie sind nicht mehr der alte Mensch". Jeder kann gut oder böse werden, Macht verändert unweigerlich."

Philip Zimbardo, emeritierter Professor für Psychologie an der amerikanischen Stanford University

Quelle: FAZ

Bleibt im Lebenslauf eingebrannt


Beide Manager werden nicht schadlos aus ihrem Fall herauskommen. Das bleibt im CV drin, ebenso wie den unfähigen Verwaltungsräten sowie dem Manager Philipp Bruggisser, welche das Swissair-Grounding vom 2. Oktober 2001 zu verantworten hatten. Der Schweizer Nationalstolz blieb für immer am Boden. Danach wird ein Comeback schwierig.

Bruggisser hat es versucht. Sein Referat zur Zukunft der Luftfahrtbranche in 2012 endete im öffentlichem Spott. „Peinlich, peinlich" war die freundlichste Formulierung. Seither ist es ruhig um ihn geworden, angeblich ist er ausgewandert. Eine ähnliche Erfahrung steht nun Winterkorn und Blatter bevor. Der VW-Manager hat den Schaden durch seinen Rückzug gemindert, Blatter lebt den Schaden sehr engagiert aus. Ist er Masochist?

System der persönlichen Korruption


Keine Frage, Sepp Blatter hat viel für den Welt-Fussball geleistet. Seine Leistung war, dass er sehr gut - man könnte sagen zu gut - mit kleinen Verbänden zusammenarbeitete, sie zu Komplizen machte. Sie erhielten die gleichen Beiträge wie grosse Verbände, zum Beispiel der DFB. Damit konnten die Funktionäre in Saus und Braus leben. Das taten viele.

Als Dankeschön wählten sie ihn wieder und wurden als Gegenleistung ins Präsidium geholt. Irgendwann verlor Sepp Blatter den Boden unter den Füssen, seither „schwebt" er in seiner eigenen Welt, immer wieder bestärkt durch Ja-Sager, mit denen er sich umgab. So war es kein Wunder, dass er nicht richtig reagieren konnte, als die sprichwörtliche Bombe platzte. Willkommen im realen Leben.

2015-12-18-1450424554-7570730-Macht.jpg

Bild: Daniel Rettig

Vom Sonnenkönig zum Bettler


Seither ist der Walliser eifrig bemüht, sein Denkmal zu demontieren. Einen „schönen" Abgang wünscht er sich beim nächsten Fifa-Kongress, wenn sein Nachfolger gewählt wird - Illusion. Es ist tragisch, zusehen zu müssen, wie der alte Mann um sein moralisches Rest-Überleben kämpft. Sein Ansehen hat er verspielt, kein Kredit mehr. Bitte verlassen sie das Casino.

Es ist ein peinlicher, persönlicher Prozess, der öffentlich abgewickelt wird. Der grosse Mann des Weltfussballs wird seine Bühne viel zu spät verlassen, degradiert zur Witzfigur, die Mitleid erregt. Vom Sonnenkönig zum Bettler mit nur noch einem offiziellen Freund: Wladimir Putin oder wie Herbert Grönemeyer einst sang: „Du steigst nach unten." Im Gegensatz zu „Du fällst nach oben"

Der Abgang ist bedeutend


Aus dem Fall Blatter lassen sich wertvolle Lehren ziehen. Vergleicht man sein - selber gewähltes - Schicksal mit dem von Martin Winterkorn, zeigt sich mit erschreckender Deutlichkeit, wie bedeutend der Abgang ist. Der Samurai Yamamoto Tsunetomo, Verfasser der „Hagakure", schrieb einst: „Das Ende ist wichtig in allen Dingen."

Vielleicht lernen künftige Führungskräfte daraus und machen es besser..

Fragwürdiger Vorschlag: "Niemand verdient ihn mehr": Putin fordert Nobelpreis für Sepp Blatter

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.