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31/03/2016 06:00 CEST | Aktualisiert 01/04/2017 07:12 CEST

Wenn Angst zum Protest wird...

moodboard via Getty Images

Brüssel, Paris, London, Madrid - Europa und die Schweiz sind nicht mehr die sichere Heimat von einst. Auch die Flüchtlingswelle löst Angst und Unsicherheit aus. Politik und Medien spielen dabei eine sehr wichtige Rolle. Der Medienpsychologe *Prof. Dr. Daniel Süss analysiert die Zusammenhänge. Ein Gespräch über Wirkung, Bewirtschaftung, Verantwortung, Lösungen.

Die Stimmung in der Gesellschaft wird dominiert durch Angst und Unsicherheit. Als Folge rücken die Schweiz und Europa politisch immer mehr nach rechts. Stimmen Sie dieser These zu?

„Dieser Trend besteht. In einem Land oder einer Region mit vergleichsweise sehr hohem Wohlstand und hoher Sicherheit führen wirtschaftliche oder politische Krisen dazu, dass man Verlustängste entwickelt. Man kann nur verlieren, wenn es zu einer Verschiebung von Macht oder Wohlstand kommt.

Das führt zur Suche nach Kräften, die einem die Bewahrung des Status Quo versprechen. Wer sich gefährdet fühlt von Entwicklungen, die aus individueller Kraft nicht abzuwehren sind, regrediert in ein kindliches Muster und sucht Autoritätsfiguren, welche versprechen, die Bedrohung abzuhalten und die Angst zu bewältigen."

In der Schweiz wird diese Angst durch die SVP bewirtschaftet. Ist sie Profiteur oder Manipulator?

„Die SVP profitiert von real existierenden Bedrohungen, indem sie diese besonders ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt und personalisiert. Zugleich bietet sie scheinbar einfache Lösungen, welche an alten Mythen der Eidgenossenschaft anknüpfen, wie zum Beispiel der Protest gegen „fremde Richter".

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Sie appelliert an den Stolz und die Rückbesinnung auf ein altes, die Tugenden der Schweiz idealisierendes Selbstbild. Sie beeinflusst nicht die bestehenden Probleme, sondern die Zuschreibung von Schuld oder verborgenen Absichten bei „inneren oder äusseren Feinden". Dadurch entsteht eine verkürzte Sicht auf die Komplexität der Herausforderungen, und die Menschen werden dazu geführt, an einfache Lösungen zu glauben."

Auffällig ist die Sprache der Rechtspopulisten. Sie betrachten sich als „Vertreter des Volkes", im Gegensatz zur „Elite". Gleichzeitig werden schwache gegen schwächere ausgespielt. Was steckt psychologisch hinter dieser Art von Kommunikation?

„Sich selbst als „Stimme des Volkes" zu stilisieren und andere als unrechtmässige Elite zu bezeichnen, ist eine einfache und durch die ganze Menschheitsgeschichte vertraute Form, Leute hinter sich zu scharen, die sich benachteiligt oder schwach fühlen. Der Neid auf scheinbar Bessergestellte wird bewusst gefördert. Das haben auch linke oder Mitteparteien immer wieder so gemacht.

Der Neid auf scheinbar Bessergestellte wird bewusst gefördert.

Wer sich als Teil des Volkes fühlen kann, das heisst „zur Mehrheit zugehörig", erhebt Ansprüche nach Durchsetzung der eigenen Ziele. Es wird dann auch suggeriert, dass Eliten nur für ihre eigenen Interessen sorgen und zwar auf Kosten des Volkes. Die Eliten (egal ob wirtschaftliche, politische, kulturelle, spirituelle, akademische und so weiter) werden abgewertet als illegitime Nutznießer von Privilegien.

Dass praktisch jede Gesellschaftsform gewisse Eliten ausbildet, welche ihre besonderen Kompetenzen und Ressourcen in den Dienst der Gesamtgesellschaft stellen sollen - was sie natürlich nicht immer tun - und Privilegien dadurch legitimieren, wird ausgeblendet."

Im Internet taucht immer häufiger der Begriff "Eidgenosse" auf. Andere bezeichnen sich bereits als "Helvetiker". Sie betrachten sich also nicht mehr "nur" als "Schweizer". Was bedeutet diese nationalistische Hierarchie?

„Mit solchen Begriffen, welche an historischen Epochen anknüpfen, die bis zur Gründung des modernen Bundesstaates 1848 durchlaufen wurden, versucht man, eine Grenze zu ziehen zwischen den legitimen Repräsentanten des schweizerischen Volkes oder seiner Werthaltungen und anderen Kräften im Land, welchen man mit diesen historisierenden Bezeichnungen unterstellt, eben nicht das Ursprüngliche und Eigene zu vertreten, sondern Einflüsse anderer Nationen und Machtzentren.

Dabei wird ausgeblendet, dass die Schweiz und ihre Vorläufer-Staatsformen in den verschiedensten Epochen in engem Austausch und in machtpolitischen sowie wirtschaftlichen Vernetzungen mit anderen Zentren stand."

Welche Rolle spielen die Medien bei der Entwicklung? Haben Sie generell den Eindruck, dass diese ihre Verantwortung als vierte Macht wahrnehmen?

„Für die unabhängigen publizistischen Medien wird es immer anspruchsvoller, die notwendige Aufmerksamkeit zu generieren, um sich im Markt behaupten zu können. Dabei besteht die Gefahr, dass emotionalisierende und personalisierte Botschaften stärker aufgegriffen werden als sachliche und differenzierende. Alle Medien erfahren einen Trend zur Boulevardisierung.

Eine ausgewogene Berichterstattung und Kommentierung der Ereignisse und Perspektiven ist Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie in einer Wissensgesellschaft. Wenn Medien der Themensetzung und der Interpretation der Probleme und Lösungen, von populistischen Gruppierungen folgen, dann nehmen sie die Rolle als vierte Gewalt oder als Instanz der Selbstreflexion der Gesellschaft nicht mehr wahr."

Beim Abstimmungskampf gegen die Durchsetzungs-Initiative mobilisierten die Gegner vor allem über Social Media. Haben soziale Netzwerke die klassischen Medien an Bedeutung überholt?

„In der Medienforschung wurde das Phänomen der Schweigespirale beschrieben: Wenn Menschen mehrheitlich eine bestimmte Meinung in den Medien und in Kampagnen vernehmen, die nicht der ihren entspricht, dann nimmt die Überzeugung zu, in der Minderheit zu sein und man beginnt zu schweigen oder die eigene Meinung zu hinterfragen. Die sozialen Netzwerke haben hier das große Potenzial, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, in der verschiedene Meinungen und Positionen im Fokus der Aufmerksamkeit bleiben können.

Die klassischen Medien haben ihr Monopol eingebüßt.

Die klassischen Medien sind nach wie vor wichtig, um das Meinungsspektrum in politischen und anderen offenen Fragen abzubilden, aber sie haben ihr Monopol eingebüßt. Es ist eine Form von Interaktion entstanden zwischen den Verlautbarungen und Diskursen in klassischen Medien und in sozialen Netzwerken."

Was ist der Unterschied zwischen einer klassischen Medienkampagne und einer Kampagne über Social Media?

„In Kampagnen über soziale Netzwerke werden Botschaften und Appelle viral verbreitet und sie erreichen eine höhere Authentizität durch die persönliche Verbundenheit, die zwischen Absender und Empfänger bestehen. Ein Appell von einem persönlichen Bekannten oder Freund hat mehr Gewicht als eine anonyme Ansprache.

Zudem entsteht das energetisierende Gefühl, an einer rasch wachsenden kraftvollen Bewegung teilhaben zu können. Wer auf der eigenen Portraitseite eines Netzwerkes eine politische Botschaft weiter verbreitet, wird auch eher selbst dem Appell folgen und zum Beispiel abstimmen gehen. Das ist wie bei den Neujahrsvorsätzen: Wer diese vielen anderen mitteilt, wird eher konsequent bleiben und sie umsetzen."

Als problematisch erweist sich in den Social Media die Tonalität. Sprachlich gibt es längst keine Tabuthemen mehr. In welchem Zusammenhang steht das mit der Entwicklung, welche durch diese Unsicherheit geprägt ist?

Die Kommunikation über digitale Medien hat einen enthemmenden Effekt. Man erlebt nicht sofort eine Reaktion eines Gegenübers, wie am Stammtisch oder in einer politischen Diskussion in einem Saal. Manchmal vergisst man, wer alles erreicht wird durch eine Botschaft. Man wähnt sich im Kreis der Freunde und Gleichgesinnten oder man fühlt sich geschützt im eigenen Raum, aus dem heraus man etwas Spontanes in die Welt hinausruft.

Tweets oder Kommentare können aus einer aktuellen Stimmung heraus impulsiv versandt werden und man realisiert erst später, dass diese Aussage später aus dem Kontext herausgerissen eine ganz andere Bedeutung annehmen und zum Beispiel dem Absender massiv schaden kann."

Das Sprichwort sagt: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Was läuft in jemandem ab, der mit einer für ihn scheinbar bedrohlichen Situation konfrontiert wird?

„Typischerweise engt Angst den Fokus der Aufmerksamkeit ein. Es kommt zum „Tunnelblick". Man versucht, sich rasch zu orientieren und eine geeignete Abwehr des Bedrohlichen zu finden: Flucht oder Angriff. Oder sich an eine starke Autoritätsfigur anklammern. Alte Reaktionsmuster aus der Kindheit werden aktiviert.

Typischerweise engt Angst den Fokus der Aufmerksamkeit ein. Es kommt zum „Tunnelblick".

Nicht nur die aktuelle Angst, sondern alte Ängste steigen auf und färben die aktuelle Wahrnehmung ein. Wenn sich jemand schwach fühlt, wird er oder sie unbewusst nach einer Elternfigur suchen, die Schutz und Rettung verspricht oder sich einer starken Gruppe anschliessen, die Sicherheit spendet.

Angst kann zu reaktiver Aggression führen. Wer sich bedroht fühlt - auch wenn objektiv keine Gefahr droht - wird versuchen, das Bedrohliche abzuwehren, durch Angriff oder das Aufbauen eines Schutzwalles. Man sucht schnell einen Sündenbock, den man für die eigene Angst verantwortlich machen kann."

Was ist die beste Antwort auf Angst und Unsicherheit in einer Gesellschaft? Mit welcher Art von Kommunikation können Politik und Medien dagegen antreten?

„Ein sinnvoller Umgang mit Unsicherheit ist, eigene Ressourcen zu mobilisieren, Widerstandskraft aufzubauen und sich ein möglichst klares Bild der effektiven Bedrohlichkeit der Lage zu verschaffen. Es ist hilfreich, sich nicht sofort auf eine einzige Interpretation der Lage zu fixieren, sondern verschiedene Perspektiven einzunehmen, um die Probleme und die möglichen Lösungswege auszuloten.

Man sollte die gewählten Bewältigungsschritte immer wieder kritisch evaluieren und allenfalls Kurskorrekturen vornehmen. Ein politisches System, das eine demokratische Entscheidungsfindung ermöglichen will, pflegt deshalb die Vielfalt der Meinungsäußerungen und einen sachlichen Diskurs dazu. Die Medien sollen als Foren diesen Meinungsbildungsprozess unterstützen und kritische Reflexionen zu allen vorliegenden Positionen beisteuern.

Der Fokus der Medien sollte dabei nicht nur auf den Sorgen der Bevölkerung liegen, sondern auch auf den Hoffnungen. Für beides gibt es regelmäßige Befragungen in der Schweiz. Das, was den Menschen Angst macht, soll durchaus thematisiert werden. Aber auch das, was den Menschen Optimismus ermöglicht. Und es sollen Lösungswege aufgezeigt werden."

Aber was ist, wenn keine einfachen Lösungen präsentiert werden können? Bei der Flüchtlingskrise ist das beispielsweise kaum zu erwarten. Was heißt das für die Zukunft?

„Kommunikation, die Probleme benennt, ohne sie aufzubauschen oder herunterzuspielen, beinhaltet Hinweise auf Lösungswege, aber auch transparente Aussagen dazu, wo man noch keine Lösungen gefunden hat.

Die Flüchtlingsströme sind sicherlich eine Herausforderung, die mit schrittweisen Lösungen beantwortet werden müssen. Es wäre verfehlt, eine „Hau-Ruck-Lösung" zu verkünden, welche alles klärt. Vertrauen in die Bewältigungsfähigkeit einer Krise entsteht, wenn man kontinuierlich kommuniziert und aufzeigt, worin die nächsten Lösungsschritte bestehen."

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*Daniel Süss ist Professor für Medienpsychologe an der ZHAW (Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften). Er leitet die Abteilung Studium und Forschung. Seine Spezialgebiete sind unter anderem Gewalt und Medien, Journalismus und Öffentlichkeit, Neue Medien, Medienpädagogik, soziale Kompetenzen und Risiken.

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