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09/02/2015 04:02 CET | Aktualisiert 11/04/2015 07:12 CEST

Ausländer rein! Nur als Einwanderungsgesellschaft bleiben wir Wachstumsgesellschaft

Viele haben verstanden, dass wir künftig auf Einwanderer angewiesen sind. Unsere Gesellschaft wird sich dadurch verändern. Sie wird internationaler, was ein großer Vorteil ist. Trotzdem gibt es Vorbehalte und diffuse Ängste. Denen müssen wir begegnen.

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Dieser Beitrag ist Teil der Huffington Post-Themenreihe "Ausländer rein", die sich mit den Chancen, Möglichkeiten und Herausforderungen von Migration beschäftigt. Bei Interesse, einen Beitrag zu diesem Thema beizusteuern, melden Sie sich unter blog@huffingtonpost.de.

In den kommenden zehn Jahren scheiden über 6 Millionen Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben aus. Würden wir nichts ändern, könnten bald schon viele Unternehmen ihre Arbeitsplätze nicht besetzen. Ihnen fehlen dann Fachkräfte, sie könnten ihre Aufträge nicht erfüllen oder würden sie verlieren. Wir hätten kein Wachstum, unser Wohlstand würde kontinuierlich sinken und die Rente wäre nach und nach unbezahlbar. Deswegen: Nur als Einwanderungsgesellschaft bleiben wir Wachstumsgesellschaft.

Natürlich haben wir auch im Inland noch Potenziale, die wir nicht vergessen dürfen. Soziale Konflikte wegen Einwanderung müssen wir bereits im Vorfeld vermeiden. Eine Million junge Menschen zum Beispiel haben keine Ausbildung. Denen müssen wir eine zweite und, wenn nötig, auch eine dritte Chance geben. Auch bei der Erwerbstätigkeit von Frauen etwa können wir noch zulegen, deswegen müssen wir unter anderem die Kinderbetreuung weiter ausbauen.

Doch all das wird nicht reichen. Wir brauchen zusätzlich eine große Zahl an Einwanderern. Hier gibt es drei Gruppen: Erstens Flüchtlinge und Asylsuchende, die aus humanitären Gründen zu uns kommen. Von ihnen bleibt ein Teil auch dauerhaft, so dass wir sie so schnell wie möglich in Arbeit bringen müssen.

Zweitens kommen EU-Bürger zu uns. In den vergangenen zwei Jahren kamen fast eine Millionen Menschen aus Europa. Das war ein großes Glück, denn ohne sie hätte es keinen Überschuss in den Kassen der Sozialversicherung gegeben und kein Wirtschaftswachstum. Doch niemand weiß, ob sie auch bleiben.

Viele kommen jetzt, weil sie bei uns größere Chancen für sich sehen als in ihrer Heimat. Läuft es in den Herkunftsländern wirtschaftlich wieder besser - was wir alle hoffen und woran wir arbeiten -, kehren sie womöglich wieder zurück und umgekehrt werden weniger Menschen zu uns kommen.

Auf die Wanderungsbewegung dieser beiden Gruppen haben wir nur sehr begrenzt Einfluss. EU-Bürger genießen Freizügigkeit. Flüchtlinge, die manchmal nur ihr nacktes Leben und das ihrer Familien retten konnten, werden wir selbstverständlich weiterhin aufnehmen.

Neues Einwanderungsgesetz

Bei allen anderen Einwanderern, der dritten Gruppe, brauchen wir Steuerungsmöglichkeiten in die eine wie in die andere Richtung. Wir haben zwar viele gute Vorschriften, aber das Einwanderungsrecht ist immer noch extrem zersplittert. Es gibt 50 verschiedene Aufenthaltstitel.

Kaum einer - und schon gar kein potenzieller Einwanderer - blickt da durch. Daher plädiere ich für ein neues Einwanderungsgesetz, das die Vorschriften bündelt. Es wäre auch ein starkes Signal an junge, gut ausgebildete Menschen, die nach Deutschland kommen und hier ihr Glück machen wollen. Denen müssen wir das Zeichen geben: Ihr seid willkommen!

Ich bin offen für gute Vorschläge. Bisher überzeugt mich am meisten ein nachfrageorientiertes flexibles Punktesystem, um gut ausgebildete Fachkräfte für den Arbeitsmarkt zu bekommen. Wir sollten Kriterien festlegen, mit denen wir flexibel auf unseren jeweils aktuellen Bedarf reagieren können.

Deutschland für Einwanderer attraktiv machen

Für die Anwerbung von Fachkräften aus aller Welt brauchen wir klare Regeln. Ziel muss es aber sein, Einwanderung nach Deutschland attraktiv zu machen. Wir befinden uns in einem harten Wettbewerb um die besten Köpfe. Ein Einwanderungsgesetz muss qualifizierten Menschen die berechenbare Chance bieten zu uns zu kommen, und unsere Unternehmen bei der Suche nach Spezialisten unterstützen.

Viele haben verstanden, dass wir künftig auf Einwanderer angewiesen sind. Unsere Gesellschaft wird sich dadurch natürlich verändern. Sie wird internationaler, was angesichts der Globalisierung ein großer Vorteil ist. Trotzdem gibt es Vorbehalte und diffuse Ängste. Denen müssen wir begegnen und offen über die Regeln und Chancen von Einwanderung reden.

Die SPD-Bundestagsfraktion wird in den nächsten Wochen eine Bestandsaufnahme vornehmen und ein Positionspapier vorlegen. Ich hoffe auf eine breite Debatte über die Zukunft unserer Einwanderungsgesellschaft. Die muss jetzt beginnen, denn wir brauchen das Einwanderungsgesetz bald.

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