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23/03/2016 12:53 CET | Aktualisiert 24/03/2017 06:12 CET

Wir müssen neu über Grenzen nachdenken

Getty Images

Dass die Grenze der Ort der Erkenntnis und der Wahrheit ist, dürfte seit Paul Tillich (gest. 1965) kein Geheimnis mehr sein. Aber dass wir in turbulenten Zeiten neu über Grenzen und Grenzbedeutung nachdenken müssen, ist nicht nur ein Privileg von Intellektuellen, Philosophen oder Theologen.

Grenzen sind Identitätskonturen, die Sinn stiften. Und wer grenzenloses Dasein propagiert, der ist offenbar an der Diffussion und Diskriminierung von Identitäten interessiert.

Libertäre Grenzbefreiungsmatrizen wurden zwar seit den 68er-Zeiten gerne als die non-plus-ultra-Ratio vermarktet und angepriesen; doch: tempora mutantur!

Es scheint derzeit kaum eine größere Krise zu geben als die Grenz-Krise: die Krise um das Nichtverstehen von sinnvollen, reflektierten und begründeten Grenzen, die Identitäten wahren und Identifikationen erlauben.

Peter Sloterdijk scheint derzeit der einzige Denker von Rang zu sein, der dem Thema Grenzen eine positive Konnotation zuschreibt. Die sonstige "Linkselite", aber kurioserweise auch die noch gestern vornehmlich "orthodox-rechten" Vordenker sind sich mittlerweile einig darin, dass Grenzfragen keine Identitätsfragen markieren.

Aus einer werteethischen, philosophiegeschichtlichen und demokratischen Sicht ist dies ein fataler Fehler, der das westeuropäische Wertekorsett noch triftig treffen könnte.

Denn eine weitgehende "Flutung" von Grenzen ohne souveränen Umgang mit den Eckpunkten geographischer, räumlicher und auch mutatis mutandis ethnischer Konturen sind nicht nur Einlasstore für undomestizierbares Chaos.

Sondern auch eine derzeit mehr als notwendige Katharsis und Reflexion der Werte (die längst überfällig erscheint) wird damit an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt.

Allen voran der Münchner Soziologe Nassehi (und sein Gesinnungsgenosse Herfried Münkler von der Humboldt-Universität Berlin) scheinen die Zeichen der Zeit und deren perspektivische Konnotationen nicht zu erkennen und altliberalen Maximen zu folgen, die aktuelle Freiheiten massiv aufs Spiel setzen.

Die Reflexion der Grenze sollte auf der Werte-Tafel der Vordenker neu in den Blick geraten, um nicht den Wertekonsens von Jahrhunderten ohne Not herzuschenken und die als wahr erkannten Motive der eigenen Geistesgeschichte kampflos zu opfern.

Schon vor Jahren notierte Sloterdijk im ersten Band seiner Kritik der zynischen Vernunft: "Wenn die Dinge uns brennend auf den Leib rücken, muß eine Kritik entstehen, die das Brennen zum Ausdruck bringt. Sie ist keine Sache richtiger Distanz, sondern richtiger Nähe."

Dieses Brennen für ein Werte-Ethos reflektierten und profilierten Grenzbewusstseins ist mehr denn je notwendig, um akute Notwendigkeiten und agile Handlungsstränge zu erkennen und das Gestalten der akuten Krisen beherzt und mit Verve anzugehen.

Distanzen sind hier nicht dienlich; nur die Flamme, die brennt, kann dem Dilemma zu Leibe rücken.

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