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09/04/2016 12:13 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 07:12 CEST

Bildungsimperativ als „Sackgassen-Retro"

skynesher via Getty Images

Bildung ist ein hehres Gut. Und Kosten, Kraft und „collective effort" sollten nicht gescheut werden, um einer nachwachsenden Generation einen optimal möglichen Ausbildungsparcours zu ermöglichen. Dabei gibt es einen pädagogisch relvanten Bildungsimperativ (im Sinne von Kants „Sapere aude"), der Politik, Gesellschaft, Hochschulen, Schulen, Kindergärten und alle an Bildung beteiligten Player dazu aufruft, Bildung elementar zu fördern, Menschen mit Bildungsangeboten zu konfrontieren und Bildung als integralen Bestandteil einer lebenswürdig-gesunden Gesellschaft zu forcieren.

Obwohl alle das Wort von der „Notwendigkeit der Bildung" und der Bildungsförderung im Munde führen, so ist doch vieles eher als eine Art Sackgassenjazz codiert: Gelder versanden, Drittmittel werden nur mühsam (und oft verquickt mit Firmeninteressen oder mit Tendenzabsichten) eingespielt - und obendrein bleibt das starre universitäre System der Bundesrepublik nach wie vor in einer verkrusteten Systemstarre stecken, die wenig vertikale Durchlässigkeit erlaubt.

Nicht zuletzt, was einen geplanten Aufstieg in den akademischen Hierarchien oder auch die fast schon skandalöse hochschulpolitisch verhinderte Neufassung der Honorarregelung für Privatdozenten angeht.

Kaum attraktiv für talentierte Studienköpfe bleibt - vor allem nach der Reform von der C- zur W-Besoldung - die Vergütung akademischer Positionen. Letztlich war diese Umstellung ein Downgrading der Hochschullehrer, die mit nichts zu rechtfertigen war - außer dem Motivationsfaktor Kostensenkung in akademischen Haushalten und politischen Vergabetöpfen.

Nicht nur sind die akademischen Gehaltsstrukturen deutlich unter dem Niveau vergleichbarer Toppositionen in der Wirtschaftswelt, sondern sie bieten zudem kaum „Zugewinnchancen". Es sei denn, man lehnt als Professor Rufe anderer Hochschulen ab und handelt dann ein höheres Salär bei der aktuellen Universität aus.

Kurios und für ein Gerechtigkeitsfixiertes Land eine Unmöglichkeit ist nach wie vor der sog. Privatdozentenstatus, der einer Prekariatskaste ähnelt: nicht einen Cent kassiert ein Großteil der deutschen Privatdozenten, obgleich jeder Privatdozent verpflichtet ist, unentgeltlich Lehrveranstaltungen abzuhalten und Prüfungen abzunehmen. Ein solcher „Fall" wäre in der freien Wirtschaft nirgends auch nur ansatzweise geduldet ohne einen größeren Medienskandal.

Zu begrüßen in Sachen Hochschulbildungsentwicklung bleibt allerdings eine gewisse Retrophilosophie in Sachen Studienfächerkanon: Nicht nur sind Hybridfächer (etwa an der Zeppelin Universität am Bodensee oder im Major-Minor-System der Leuphana Universität Lüneburg) weiter im Kommen, sondern erste deutsche Adressen bieten auch ein klassisches Studium im Liberal-Arts-Fahrwasser an (etwa die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg).

Waren früher die „großen Wissenschaftler" meist an drei bis fünf Universitäten in ihrer eigenen Studienbiographie unterwegs, so gibt es zunehmend Hochschulen, die von Anfang an ein fixes Zwei- bis Dreiländermodell anbieten. Ganz aktuell lancierte die ESCP (älteste Business School der Welt!) ein Dreiländermodell, ferner wäre der gerade eingeführte World Bachelor der Bocconi Universität in Mailand aufzuführen (mit Auslandszeiten in Kalifornien und in Asien).

Hochschulen erfinden sich dabei gerade grosso modo neu. Sie möchten mehr vom Geldtopf, intensivere Innovationen, bessere Köpfe im akademischen Lehrkörper und letztlich auch mehr Stimmgewicht in den kleinen und großen Entscheidungsprozessen beim Thema „Bildung der Zukunft" und „Die Zukunft der Bildung".

Ein Land, das sich einerseits weitgehende Grenzenlosigkeit (mit allen Finanzierungsrisiken und Sozialphobien, die gerade in statu nascendi allerorts registrierbar sind) gönnt, andererseits aber nur wenig Geld, Leidenschaft, Energie und Fokus auf die universitäre und außerschulische Aus- und Fortbildung legt, macht nicht den Eindruck, dass es einmal zu den „Giganten der Zukunft" - egal, wie man diese auch definieren mag - gehören wird.

Die Hochschulwelt ist keine Moralinstanz. Aber Moral - und vor allem die ehrliche Redlichkeit des freien Denkens und Forschens - steht der Universität gut, wenn sie sich im Stimmengewirr des gesellschaftlichen Meinungsbasars Gewicht und gestaltende Kraft erhalten will. Die akademische Bildung ist ein bleibendes Gut einer fortschrittlichen Nation. Wer hier spart, spart an der Zukunft.

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