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21/03/2014 11:30 CET | Aktualisiert 21/05/2014 07:12 CEST

Steigen oder fallen die Preise?

dpa

Aktuell geht das Deflations-Gespenst um. Europa sei in einer Abwärtsspirale mit sinkenden Preisen und schwacher Nachfrage, waren Wirtschaftsexperten. Doch die Deutschen sorgen sich vor dem Gegenteil: Inflation. Ob aus instinktiven oder historisch verankerten Gründen - das sei dahingestellt. Die wirtschaftliche Intuition der Masse und die Warnungen der Experten klaffen so weit auseinander wie nie zuvor.

Dabei sprechen einige Indizien dafür, dass die fehlende Sorge der Bürger vor Deflation gar nicht so irrational ist, wie die Experten behaupten. Deren Angst vor Deflation ist nämlich ausgesprochen naiv. Denn fallende Preise sind in vielen Branchen eine alltägliche Herausforderung. Die Preise für Mobiltelefone beispielsweise sind in den letzten 20 Jahren dramatisch gefallen, und niemand wünscht sich heute die Rückkehr des 10.000 Euro Handys oder Telefonate für 10 Euro die Minute. Die Mobilfunk-Anbieter haben es geschafft, trotz angeblich so gefährlich fallender Preise zu florieren. Ähnliches gilt für Computer, und so ziemlich alle anderen technischen Gerätschaften.

Fallende Preise sind also nicht automatisch eine Gefahr für Unternehmen und die Wirtschaft. Im Gegenteil! Wenn Preise fallen, werden Unternehmen gezwungen, ihre Produktivität schneller zu erhöhen, als bei steigenden Preisen.

Positive Erfahrungen mit Deflation

In der Vergangenheit hat übrigens gerade Deutschland überaus positive Erfahrungen mit Deflation gemacht und seit Jahrzehnten erfolgreich mit fallenden Preisen gewirtschaftet. Gerade der viel beschworene Exportsektor konnte trotz Deflation der Exporterlöse jahrzehntelang wachsen. Die D-Mark wertete zwischen 1952 (Beitritt der Bundesrepublik zum System von Bretton Woods) und ihrem Höchststand im Jahr 1995 gegenüber dem Dollar um über 200 Prozent auf, also etwa 2,7 Prozent pro Jahr.

Auch gegenüber europäischen Währungen gab es zeitweise dramatische Aufwertungen. Zwischen 1967 und 1979 stieg die D-Mark jährlich um über vier Prozent. Mit jeder Aufwertung sanken die D-Mark Erlöse, die Exporteure aus Verkäufen in Fremdwährung erzielen konnten. Die Exportwirtschaft litt also unter dauerhafter Deflation. Geschadet hat ihr das wenig. Ganz im Gegenteil. Die deutsche Exportwirtschaft gilt als eine der erfolgreichsten der Welt und ist der Motor der hiesigen Wirtschaft. Exporteure verschiedenster Branchen haben es erfolgreich geschafft, sich in diesem deflationären Umfeld zu behaupten. Es ist kein Zufall, das deutsche Unternehmen heute als die produktivsten gelten. Die jahrzehntelange Deflation der Exportpreise war eine der treibenden Kräfte hinter der Steigerung von Qualität und Effizienz.

Leichte Deflation verkraftbar

Doch wie erging es der Konkurrenz in anderen Ländern? Die hatten den Vorteil, dass ihre Währungen abgewertet wurden, sie also ihre Produkte billiger verkaufen konnten. Wenn ein bisschen Inflation positiv ist, dann müssten sie die deutsche Exportwirtschaft heute übertrumpfen. Geholfen hat ihnen der kurzfristige inflationäre Vorteil wenig. Politiker der ehemaligen Dauerabwerter jammern noch heute über die Stärke der deutschen Exporte. Langfristig gesehen war der Weg, Produktivität und Qualität aufgrund deflationärer Preise zu verbessern, der erfolgreichere.

Die negativen Auswirkungen von Deflation werden in der aktuellen Diskussion völlig überbewertet. Es ist klar, dass drastisch einbrechende Preise viele Unternehmen ruinieren würden. Doch davon sind wir weit entfernt, und auch die Warner vor Deflation sehen dies nicht als realistisches Szenario. Ein oder zwei Prozent Deflation, die derzeit schon als Katastrophenszenario dargestellt werden, kann die Wirtschaft ohne weiteres verkraften.

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