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20/08/2015 04:38 CEST | Aktualisiert 20/08/2016 07:12 CEST

Social Media Weekly: RWE und das große Schweigen zu #EndeGelaende

Zugegeben, so ein bisschen konnte einem die Kommunikationsabteilung von RWE am Wochenende schon leid tun. Da musste das Unternehmen bereits in den letzten Wochen immer wieder den Konzernumbau rechtfertigen, dann raucht am Donnerstag nach der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen und einem Gewinneinbruch, der noch höher ausfiel als erwartet, der Aktienkurs ab und die Medien bohrten gnadenlos mit dem Finger in der Wunde.

Und obendrein erschien am Donnerstag Abend dann noch eine historische Abrechnung mit den Umweltschäden des Braunkohleabbaus bei Zeitonline:

Und ausgerechnet dieses Wochenende sucht sich die Aktivisten-Gruppierung „Ende Gelände!" für eine Anti-Braunkohle-Protestaktion in Garzweiler aus. Das reichte für gut 12.000 Tweets von Braunkohle-Gegnern und -Befürwortern. Die meisten Tweets kamen nach der Analyse unseres Social Analytics Tools Attensity Analyze erwartungsgemäß am Samstag, dem Tag der Protestaktion, zusammen.

Über die Anzahl der Protestteilnehmer und der im Einsatz befindlichen Polizisten gab es naturgemäß differierende Angaben. @Blockupy nannte 1.500:

Der taz-Journalist Malte Kreutzfeldt, der live vom Ort des Geschehens twitterte, nannte zwischenzeitlich etwa 200:

Die Rheinische Post berichtete in ihrer Online-Ausgabe vom 17. August, dass es laut Angaben der Polizei dann doch 805 Aktivisten gewesen waren, die in das Betriebsgelände von Garzweiler eingedrungen seien.

Die Mond- - pardon - Mars-Landschaft von Garzweiler eignete sich besonders gut für medienwirksame Aufnahmen der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Aktivisten, wie der Tweet von @deppentoeter zeigt:

Riesenhafte Maschinen und weiß gekleidete Sturmtruppen - kein Wunder, dass sich @MuschelCalc da in eine Szenerie aus „Krieg der Sterne" versetzt fühlte:

Unbefugtes Betreten eines Betriebsgeländes ist ganz klar illegal. Das sah nicht nur @BeiAnja so:

Dennoch hinterließen Bilder wie dieses von Malte Kreutzfeldt das schale Gefühl einer Menschenhatz.

RWE wusste wohl um die schädliche Außenwirkung solcher Bilder. Das Unternehmen machte jedenfalls in der Folge von seinem Hausrecht Gebrauch und forderte den Journalisten auf, das Gelände zu verlassen:

Das ist ein durchaus legitimes Vorgehen und nicht gleich ein Skandal, wie ihn @Jmhaas in seinem Tweet beschwört:

Der Journalist Malte Kreutzfeldt dokumentierte mit seinen Tweets auch die massive Polizeipräsenz - die anderenorts doch vermisst wurde, wie @Einstueckkaese mit seinem Tweet darlegte. Sein Kommentar landete auf Platz 1 der Top-Ten-Retweets:

Die Polizisten setzten gegen die nach Angaben der Polizei teilweise gewaltbereiten Aktivisten teilweise Schlagstöcke und Tränengas ein.

Da gab es Twitter-User, die dafür lauthals Beifall spendeten. Dumm nur, dass die Netzgemeinde sofort zurückverfolgen konnte, dass es sich zum Beispiel bei @willlistock um einen RWE-Mitarbeiter handelte, der mit seinen Äußerungen nicht unbedingt zur Deeskalation beitrug:

Der grundsätzlich ehrenvolle Versuch, für den eigenen Arbeitgeber in die Bresche zu springen, ging jedenfalls bei @willlistock ziemlich nach hinten los. Offensichtlich gab es noch weitere Twitter-User, die versuchten, gegen die Aktivisten Stimmung zu machen, wie der Tweet von @Janekrich nahelegt:

Aber zurück zu den Auseinandersetzungen der Polizei mit den Aktivisten per Schlagstock und Pfefferspray. Jürgen Döschner, WDR-Korrespondent der Tageschau, griff das Bild sehr pointiert in einem Kommentar auf und ließ sich sogar zu der Einschätzung hinreißen, dass die Aktion sehr wahrscheinlich illegal gewesen sei, aber angesichts der Umstände nachvollziehbar und deshalb legitim:

Er kritisierte vor allem, dass RWE eine Klage wegen Hausfriedensbruchs gegen die Aktivisten prüfen wolle. Für wie absurd er diesen Vorwurf hält, hatte er schon am Vortag mit einem Tweet über seinen persönlichen Twitter-Account deutlich gemacht:

Dieser Einschätzung schloss sich @BUNDjugend_Bln ebenfalls an:

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin sah das - qua Funktion - anders und teilte einen Kommentar der Rheinischen Post Online, in dem die Aktion scharf kritisiert wurde. Die Aktivisten seien zu weit gegangen, meint RP-Redakteur Christian Schwerdtfeger.

Die Begeisterung der Twitter-Gemeinde über diese zustimmende Meinungsäußerung des Ministers hielt sich allerdings mit einem mageren Retweet doch sehr in Grenzen.

Wirklich spannend war allerdings das große Schweigen von RWE zu den Vorfällen auf sämtlichen Social Media-Kanälen, das das Unternehmen mit geradezu merkelschem Stoizismus durchhielt. Weder auf der eigenen facebook-Seite, noch über die diversen Twitter-Profile @voRWEg_gehen, @we_are_rwe, @RWE_AG oder @rwetransparent (übrigens ein Account, der ausschließlich halbstündig die Menge des produzierten Stroms kommuniziert), griffen die Kommunikatoren den Konflikt auf - auch nicht, um die eigene Position deutlich zu machen.

Vier Twitter-Profile, eine Facebook-Seite und kein einziges Statement über diese Kanäle zu den Vorgängen oder Antworten auf kritische Posts. Dabei listet der Konzern in einer 36-seitigen Broschüre immerhin 54 Kommunikationsexperten im Konzern auf, davon auch eine ganze Reihe, die hier in Deutschland tätig sind.

Die hatten aber offensichtlich gerade Besseres zu tun. Zum Beispiel auf die Partnerschaft mit dem Puppenmuseum Bad Kreuznach hinzuweisen.

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