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29/08/2015 10:50 CEST | Aktualisiert 29/08/2016 07:12 CEST

Social Media Weekly: #Merkel schweigt und #Schweiger redet

Kaum ein Thema beschäftigte sowohl die klassischen Medien wie auch das Social Web in den letzten Wochen so sehr wie die Flüchtlingsproblematik: überfüllte Asylunterkünfte, überforderte Behörden, blanker Fremdenhass, der sich nicht nur in Facebook-Posts wiederspiegelte, sondern auch in einer neuen Rekordzahl von Anschlägen auf Flüchtlingsheime. Hashtags wie #Freital, #Nauen oder #Weissach erlangten so traurige Berühmtheit. Über 300.000 Tweets identifizierte unser Tool Attensity Analyze in diesem Kontext alleine in den letzten knapp zwei Wochen.

Fast dreiviertel der tonalen Äußerungen waren dabei negativ. Negative Themenkategorien waren beispielsweise „Neonazi", „Rassismus" oder „Ablehnung". Die Themenliste im negativen Kontext wurde angeführt von „Mob", gefolgt von „Heidenau" und „Asylant/Flüchtling". Insofern waren in den negative Äußerungen sowohl Tweets von rechten Asylkritikern enthalten wie auch Tweets von Flüchtlingsunterstützern. Die negativen Äußerungen erreichten kurz vor dem Besuch der Kanzlerin in Heidenau ihren Höhepunkt, wie der Zeitverlauf deutlich macht:

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#Heidenau avancierte mit fast 194.000 Hashtag-Erwähnungen zum Top-Thema. Darunter auch sehr persönliche Äußerungen wie von @Paxter_Redwyn, die aufrütteln:

Die Transformer-Oma aus Marburg, von der @mauke190 berichtete, gehörte vermutlich ebenfalls dieser Generation an. Der Post landete mit über 700 Retweets auf Platz 7 der Top-Retweet-Liste, obwohl @mauke190 selbst nur 40 Follower hat. Zivilcourage going viral.

Unter den Äußerungen im Social Web gab es auch satirische Kritik am Geldmangel für neue Flüchtlingsunterkünfte, wie die von @ralphruthe:

Aber bei Twitter wurden auch Berichte über alltägliche Fremdenfeindlichkeiten geteilt, wie der von @Schmidtlepp. Der bescherte dem Drogerieanbieter Rossmann einen veritablen Shitstorm und zwang das Unternehmen zu einer schnellen Stellungnahme.

Auch in den Talksendungen war das Thema längst angekommen. Nachdem Schauspieler und Regisseur Til Schweiger schon in den Wochen zuvor mit seinem Engagement für Flüchtlinge in der Presse landete und auf facebook schon kein Blatt vor den Mund genommen hatte, war er natürlich auch ein idealer Talkshowgast für Maischberger.

Damals hatte die Männerfreundschaft zwischen dem Til und dem Siggi ihren Anfang genommen, was aber einige Twitter-User zu interessanten Spekulationen verleitete:

Bei Maischberger jedenfalls ging es dann richtig zu Sache zwischen Til Schweiger und dem CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

Ähnlich unterhaltsam übrigens auch die Auseinandersetzung zwischen dem bayerischen Innenminister Joachim Hermann und Blogger Sascha Lobo:

Beiden Sendungen gemeinsam war, dass rhetorisch geschulte Berufspolitiker von zwei Persönlichkeiten aus dem Tritt und um die Fassung gebracht wurden, die den üblichen „Wir-tauschen-nur-Argumente-aus-und-tun-uns-nicht-weh-Eiertanz" bei solchen Talkshows nicht mitmachten. Sowohl Til Schweiger als auch Sascha Lobo bekundeten vehement ihre Unterstützung für die Flüchtlinge und forderten die Politik zum Handeln auf.

Denn die hatte bereits schon viel zu lange keine klare Stellung bezogen in der Debatte, meint jedenfalls @ImreGrimm:

@mathiasrichel zeigte in seinem Post auf, dass wachsweiche moralische Verurteilungen einfach nicht mehr ausreichen. Pointiert stellt er dar, was Til Schweiger im Gegensatz zur Kanzlerin unter „klaren Worten" versteht:

Viele Twitter-User verurteilten die Untätigkeit der Politik, wie z.B. @fabikde:

Noch mehr aber brachte die Sprachlosigkeit der Politik zu den Ausschreitungen in Heidenau das Social Web auf. Vor allem Angela Merkel zog heftige Kritik auf sich, z.B. von Journalist und Blogger Stefan Niggemeier:

Selbst das ungeschickte Streicheln von Flüchtlingen wäre besser als ein komplettes Schweigen. wäre besser als ein komplettes Schweigen.

Bemerkenswert offen übte sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen Kritik am Verhalten der Kanzlerin:

Ähnlich vielsagend gab es Kritik mit leeren Zeilen von der Abendzeitung, wie der Post von @fensor dokumentiert.

In Windeseile etablierte sich der Hashtag #merkelschweigt. In über 23.000 Tweets wurde damit die Kritik an der Sprachlosigkeit der Kanzlerin geteilt.

So auch im Tweet von @Regeldelfin, Platz 4 der Top-Ten-Retweet-Liste:

Sogar ein Twitter-Account @merkelschweigt tauchte dazu auf, auf dem konsequenterweise nur Retweets gepostet wurden.

Nicht jeder war allerdings davon überzeugt, dass Reden besser wäre:

Und vom Social Web lässt sich die Kanzlerin sowieso nicht das Handeln diktieren, meint @ImreGrim:

Das Wortspiel mit einem Schweiger, der sich für Flüchtlinge in Rage redet, und einer Merkel, die nichts merkt, war da schon fast unausweichlich:

Dem konnte natürlich auch @BR_quer nicht widerstehen:

Da war es schon fast eine spürbare Erleichterung, als am 24. August die Kanzlerin über ihren Regierungssprecher endlich das Schweigen brach:

Glücklicherweise wartete das Social Web nicht auf die Kanzlerin, denn „klare Worte" hatten am Tag zuvor schon die Satiriker von @extra3 mit diesem neuen Wörterbucheintrag gefunden, der gekonnt Til Schweiger zitierte. @extra3 eroberte damit verdient Platz 1 der Retweet-Liste.

Vielleicht sollte man im Rahmen einer Bildungsoffensive dieses Wörterbuch nicht nur an besorgte Bürger zur Optimierung der Orthografie, sondern auch an die Politik verteile - zur Behandlung von Verschwurbelung, rhetorischer Glättung und Sprachlosigkeit.

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