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08/03/2016 17:04 CET | Aktualisiert 09/03/2017 06:12 CET

Mein Ja zum wir!

Alexander Koerner via Getty Images

"Wenn man etwas erreichen will, muss man auch die erreichen, die gemeinsam das Erreichbare mit erreichen wollen!" - ein absoluter Grundgedanke während meiner Tätigkeit in der Notunterkunft "Altes Rathaus Wilmersdorf".

Wenn ich heute auf diese 6 Monate zurückblicke, so war das rundherum eine spannende, aufregende und große Herausforderung!

Der Charakter des Hauses ist wahrscheinlich für nicht wenige Bürger gewöhnungsbedürftig und schwimmt gewiss in seinen Grenzen zur angeblichen Normalität deutschen Befindens.

Doch die Zeiten haben sich geändert und manchmal ist es eben notwendig, sich auch selbst zu ändern!

Jeder Tag verlief und verläuft anders, irgendwann in den Bahnen der Routine. Menschen, die vor Krieg, Hunger und wirtschaftlichem Elend geflohen sind, werden mit "deutschen Normen" konfrontiert und sind teilweise nicht in der Lage, diese zu verstehen bzw. auch zu leben. Dieser Weg der Integration wird noch sehr lange anhalten.

Unser Verständnis und die daraus folgenden emotionalen Ausbrüche bei Helfern und Mitarbeitern sind vielfach neu und stoßen nicht selten bei uns als Bürger auf Verwirrung. All das unter "Kontrolle" zu halten, ist eine Mammutaufgabe, die nur im Miteinander, niemals im Gegeneinander gelöst werden kann!

So gesehen hat mir mein Ja zum Wir einen großen Erfahrungsschatz beschert, für den ich zudem sehr dankbar bin!

Menschen in Deutschland "fahren" ihre gelernten Muster, jede Abweichung kostet Zeit, Nerven und führt manchmal zu Veränderungen im Verhalten, die vermeidbar wären, hätte man sich darüber ausgetauscht.

Verbesserungen in Strukturen werden immer notwendig sein, gehen in aller Regel einher mit ständigem Umdenken und machen doch so letztlich all die konstruktiven Lernprozesse in unserem Leben aus.

Ziel war es, den Menschen soweit wie möglich etwas Lebensqualität zu bieten. Und hier war und ist es zwingend erforderlich, recht viele Angebote zu kreieren, um der Langeweile in solchen Einrichtungen jeglichen Boden zu entziehen.

Gewalt darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben!

Freundlichkeit, aber auch sachliche und notwendige Auseinandersetzungen sind und bleiben dabei die wichtigsten Faktoren im Zusammenleben - Gewalt darf überhaupt keinen Platz haben!

Es bedarf einer gewissen Strenge und notwendiger Handlungen, um genau das zu vermeiden, was in anderen Unterkünften an der Tagesordnung war - nämlich körperliche Gewalt!

Frauenrechte und Kinderrechte mussten und müssen immer wieder neu erklärt werden, da es in den Heimatländern vielfach eine scheinbar "geduldete" Züchtigung von Frauen und Kindern gab.

Man spricht immer wieder von anderen Kulturkreisen und deren Gesetzeslage und dass wir uns in Deutschland mehr oder weniger daran orientieren sollten. Das ist allerdings nicht der Weg! Wer Hilfe leisten will, muss auch diesen Faktor ganz klar beachten - die Bereitschaft zur Hilfe darf nicht im Chaos des falsch verstandenen Mitleids untergehen!

Helfer müssen auch für sich entscheiden, wie sie helfen wollen und hier wäre es in jedem Falle ratsam, vorher das Gespräch mit den jeweiligen Verantwortlichen zu suchen.

Sprachbarrieren, falsche Körperhaltung oder falsche Handzeichen können schnell missverstanden werden - gegenseitiger Frust ist da schon vorprogrammiert. Schnell projiziert man die Schuld in eine andere Richtung und schnell ist großer Schaden angerichtet - Misstrauen und Unverständnis können sehr schnell zum Kampfplatz der Emotionen werden!

Wenn solche Dinge bei Antritt dieser durchaus schwierigen Arbeit beachtet werden, klappt es auch mit der Verständigung und gegenseitigen Achtung.

Helfer und Mitarbeiter müssen immer und in jedem Falle Hand in Hand arbeiten!

Wichtig ist auch, dass die Träger der Einrichtungen nicht nur den finanziellen Profit sehen, sondern sich mit allen anderen Verantwortlichen hinsichtlich notwendiger Investitionen einigen und diese auch tatsächlich auf den Weg bringen. Große Hilfe leisten hier Sponsoren und Unterstützer.

Vielleicht noch eine Anmerkung für die politisch Verantwortlichen: Das Ehrenamt darf im "Gewinnspiel der Träger" keine Einbahnstraße sein! Ehrenamt ist keine Selbstverständlichkeit und auch kein Zwang zur Solidarität! Vielleicht wäre es sinnvoll, eine gewisse Ausgleichspauschale für diese Helferstruktur einzurichten.

Es kann nicht sein, dass Helfer selbst in Not geraten, finanziell am Ende sind und sich nicht einmal einen Fahrschein leisten können! Hier muss die Politik ansetzen und unbedingt Verbesserungen vornehmen! Die Last der Krise liegt zu einem Drittel bei dem Träger, aber 2/3 bei den Helfern!

Unterstützung ist daher zwingend angesagt!

Es sollte und muss noch einmal neu nachgedacht werden! Wo liegen die Stärken und Schwächen - auch Schwächen können Stärke sein!

Solange sich aber Regierungen nicht in die tatsächliche Realität einbringen, solange wird irgendwie ein Nebelschleier über dieser Flüchtlingspolitik liegen.

Ich wünsche allen, die sich mit großer Verantwortung für das Wir entscheiden, ein erfolgreiches Gelingen und eine nie versiegende Kraft und Zuversicht!

Thomas de Vachroi

Berlin, den 07.03.2016

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