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04/01/2017 12:33 CET | Aktualisiert 05/01/2018 06:12 CET

Armut, die eine Gesellschaft zerstören kann

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Viele, zu Viele tummeln sich tagtäglich und fast selbstvergessend in dem trügerischen Slogan:

Shoppen Sie sich glücklich!

Doch unser Land hat in wachsendem Maße auch noch ein anderes Gesicht - nämlich die Not und die Armut! Da sind viele Arbeitslose, viele Einkommensschwache und viele Wohnungslose.

Unsere Hauptstadt steht wirtschaftlich gut da und doch drohen eine halbe Million Berliner in die Armut abzurutschen! Die meisten dieser Menschen leben in Neuköln ( 25,3 Prozent ), die wenigsten in Steglitz-Zehlendorf ( 8,4 Prozent ).

Die Altersarmut steigt überdurchschnittlich - 43 000 Rentner liegen mit ihrem zur Verfügung stehenden Lebensunterhalt knapp an der Armutsgrenze.

Fast jeder dritte Berliner Jugendliche lebt in Armut - 63 200 waren es im Jahre 2015! Das sind 29,2 Prozent aller 18-bis 25-jährigen in Berlin! Ein Anstieg um fast vier Prozent zum Vorjahr!

Und das alles in dem Wissen: Die Jugend ist unser höchstes Gut!

Die Zahl der einkommensschwachen Haushalte wächst stetig. Besonders Alleinerziehende, Familien mit Migrationshintergrund und kinderreiche Familien stehen sich enormen finanziellen Belastungen gegenüber. Größtes Problem sind die steigenden Mieten. So lebt jedes fünfte Kind in der Region von SGB/Hartz IV und 40 Prozent aller Kindergärten der Stadt verlangen monatliche Zusatzzahlungen zwischen 140 und 400 Euro. So kann ein soziales Miteinander nicht gelingen!

Geschätzt gibt es in unserer Stadt zudem 3 000 bis 6 000 Obdachlose und weit über 10 000 Wohnungslose!

Wer mit offenen Augen durch die Stadt fährt oder geht, erkennt das enorme Anwachsen der schlafenden Menschen unter Brücken, in Hauseingängen, in der U-Bahn, in Schächten und Parkanlagen.

Trotz Milieuschutz, Mietpreisbremse und Ankauf von Sozialwohnungen hat sich die ehemalige gute soziale Mischung zunehmend verschlechtert.

Ein weiteres Voranschreiten des sozialen Ungleichgewichts innerhalb Berlins muss endlich und auf lange Sicht tatkräftig verhindert werden! Besonders in der Bildung und beim Wohnen müssen Senat und Bundespolitik mehr für die Armutsbekämpfung tun!

Eine der größten Aufgaben der neuen Landesregierung muss deshalb auch der Kampf gegen steigende Mieten und soziale Verdrängung sein!

Unzählige Ehrenamtliche und Träger der Wohlfahrtsverbände kämpfen unter größten Mühen und finanziellen Anstrengungen gegen Armut und Obdachlosigkeit!

Vielerorts wird zu Spenden aufgerufen, um das Leid wenigstens zu lindern. Der enorme Bedarf an Kleidung, Nahrung, medizinischer und sozialer Betreuung spiegelt sich nicht mehr in den genehmigten Budgets durch den Senat wieder. Mieten und kommunale Gebühren steigen aber gerade in den Brennpunktbereichen - ehemals angemietete Flächen reichen längst nicht mehr aus.

Es geht nicht nur um arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Integration von Flüchtlingen, es geht auch seit Jahren ausstehende arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für eine Million Langzeitarbeitslose und die letztendlich daraus resultierende Not mitten unser uns. Es geht nicht nur um Wohnungen für Flüchtlinge, es geht um massenhaft fehlenden und bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Haushalte.

Vielleicht haben uns die vielen Flüchtlinge, die bei uns Hilfe suchen, erst die Augen für all das geöffnet, was in Deutschland um uns herum an Not und Armut gewachsen ist - ganz sicher wurde zu lange schon ganz einfach weggeschaut!

Den großen Kirchen fällt häufig die Aufgabe eines "Armutsbeauftragten" zu. Ist aber Armut tatsächlich nur ein mittels Erziehung und Bildung zu lösendes Problem oder fehlt den staatlichen Strukturen nur das nötige Kleingeld und der entschlossene Wille, endlich zu helfen?!

Wird Armut als individuell zu bearbeitendes Problem konzipiert, läuft das immer auf ein selbstverschuldetes Scheitern hinaus und fördert damit die Stigmatisierung der betroffenen Menschen erheblich! Die Prekarisierung kompletter familiärer Lebenslagen und die daraus folgende Einschränkung der Lebensbedingungen sind in unserer Wirklichkeit eine tatsächlich nicht zu bestreitende Tatsache!

Der Aufruf an die Politik muss deshalb lauten: Schluss mit der Stigmatisierung Obdachloser, Schluss mit dem kollektiven Wegschauen, Schluss mit dem überstrapazierten Mitleidsgefasel, Schluss mit der Verachtung menschlicher Not!

Eine Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht!

Forderungen muss deshalb sein: Die sofortige Unterbringung der Obdachlosen in bereitgestellte Unterkünfte, eine medizinische und soziale Betreuung, die Rückführung der Menschen in ein ziviles Leben und Miteinander sowie eine bessere notwendige finanzielle Ausstattung der jeweiligen Träger für eine existenzielle Grundversorgung!

Die Armut und die Not brauchen nicht das hunderprozentige Mitleid der verantwortlichen Stellen, sondern fünf Prozent echte und wahrhaftige Hilfe!!!

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