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04/12/2016 09:00 CET | Aktualisiert 05/12/2017 06:12 CET

Liebe Lochis, versteht es endlich: Wir sehen die Welt mit den Augen, die schon viel mehr gesehen haben als eure.

Milton Brown via Getty Images

Dieser Artikel ist eine Antwort eines Erwachsenen auf die Vorwürfe der Lochis gegenüber älteren Generationen.

...hängt die ganze Zeit am Handy - und ist nur auf der Jagd nach dem nächsten Selfie.

Tatsächlich kann dieser Eindruck entstehen. Als ich kürzlich in Wien war und recht oft die U- Bahn benutzte, war es erschreckend auffallend, wie viele Leute sich mit Smartphones beschäftigten. Das zog sich über alle Altersstufen hinweg, allerdings durchaus proportional abnehmend mit steigendem Alter.

Selfis scheinen vorwiegend junge Frauen zu machen, besonders Asiaten scheint diese Art der Selbstdarstellung zu gefallen. Deutlich mehr junge Menschen benutzen das Smartphone auch während sie gehen. Dabei scheinen sie sogar von entgegenkommenden Fußgängern zu erwarten, dass diese ihnen ausweichen.

Soziale Netzwerke sind kein Mist, sie machen uns das Leben in vieler Hinsicht leichter. Sie sind unser Zugang zur Welt.

Soziale Netzwerke können bisweilen auch ganz heftig asozial sein. Sie bergen die Gefahr, dass man sich selbst in einer sogenannten Filterblase einschließt. Das trifft gleichermaßen für alle Generationen zu. Sie sind nicht der Zugang zur Welt, sondern nur der Zugang zu einer in sich geschlossenen virtuellen Region.

Denn Facebook beispielsweise ist so konzipiert, dass man sich die Informationen, welche dem jeweiligen Benutzer über die Timeline zu gespült werden, selbst zusammenstellen kann. Wer und was nicht gefällt, wird ausgeschlossen. Die Filterblase eben.

Wir sind offen für Neues. Für neue Technologien, neue Ideen.

Ist es nicht voreingenommen, anderen damit quasi zu unterstellen, sie seien nicht offen für Neues, nur weil sie älter sind? Das ist ein recht subjektiver Eindruck. Ist es nicht eher so, dass Menschen grundsätzlich dazu neigen, gewohnte Strukturen nicht aufgeben zu wollen und sich schwer damit tun, neue Umstände anzunehmen?

Jüngere Menschen haben vermutlich geringere Berührungsängste gegenüber neuen Technologien oder Lebenssituationen. Ob das pauschal immer die beste Herangehensweise ist, darf man in Zweifel ziehen.

Ich bin leidenschaftlicher Starwars- Fan, auch noch mit über 50 Jahren Lebenserfahrung. Allerdings muss ich mich nicht unbedingt dem Gedränge in der Kino- Vor- Premiere aussetzen, sondern besitze inzwischen die Gelassenheit, 2 Wochen später in weniger hektischer Kulisse den Film zu genießen.

Bin ich verkalkt oder nicht mehr zeitgemäß, weil ich es bescheuert finde, wenn Leute tagelang vor Apple- Filialen campieren, um als erste das aktuelle iPhone kaufen zu können?

Keine Generation zuvor hatte so viel Druck in der Schule...

Woher wollt ihr das wissen, liebe Lochis? Euch gab es noch lange nicht, als in Schulen noch strenge Sitten galten. Auch damals gab es für die Schüler bereits Druck, vielleicht gestaltete sich dieser etwas anders als heute. Aber im Vergleich, liebe Lochis, das müsst ihr den Alten einfach glauben, möchtet ihr lieber heute als früher die Schule besuchen. Es bieten sich heute weitreichendere Bildungsmöglichkeiten unter deutlich verbesserten Umständen.

Die Welt, die ihr uns hinterlasst, ist nicht die Welt, in der ihr später leben müsst. Bitte begreift das endlich.

Liebe Lochis, damit habt ihr recht und meine ungeteilte Zustimmung. Pauschalisierung hilft nicht weiter. Es sind weder pauschal die „Alten", noch die „Jungen", die dafür verantwortlich sind, dass so vieles falsch läuft. Allerdings fehlt euch die Lebenserfahrung, beurteilen zu können, ob es früher angeblich so viel besser gewesen sein soll. Gefühlt drehte sich die Welt langsamer.

Es gab schließlich keine Smartphones, welche ständig die Menschen dazu zwingen, Nachrichten zu beantworten, deren Sinnhaftigkeit in hohem Maße in Frage gestellt werden darf. Kommunikation fand vorwiegend persönlich in Echtzeit statt und geschriebene Nachrichten wurden in Briefen versendet, worauf man mindestens 2 Tage warten musste.

Was heutzutage als wohltuende Entschleunigung erachtet wird, war damals der Normalzustand. Während es heute als Normalität empfunden wird, zwischen hunderten TV- Programmen in Farbe und HD- Qualität wählen zu können, war man froh, wenn in den siebziger Jahren 3 Programme in schwarz- weiß einige Stunden am Tag zur Verfügung standen. Und das einzige Empfangsgerät im ganzen Haus mussten sich alle teilen.

Vieles, was heute als selbstverständlich empfunden wird, war damals Utopie oder musste schwer erarbeitet werden. Anstatt einen eigenen Computer zum 10. Geburtstag von den Eltern geschenkt zu bekommen, mussten eure unmittelbaren Vorfahren zum Teil sich am Wochenende das Badewasser teilen.

Der Wohlstand der heutigen Generation musste hart erarbeitet werden von jenen, die euch, liebe Lochis, nicht verstehen. Dabei wurden schlimme Fehler begangen, wie die Gründe für den Klimawandel oder jener Atommüll, der noch vielen Generationen Sorge bereiten wird.

Wenn ihr diese Welt besser gestalten wollt, hilft es nichts, früheren Generationen Versagen und Unverständnis vorzuwerfen, aber ebenso in dieses Karussell einzusteigen, welches in keiner Weise die vorhandenen Probleme lösen will. Ihr müsstet es anhalten und dafür auch bereit sein, auf viel Luxus und Annehmlichkeiten zu verzichten.

Seid ihr bereit dazu?

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