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10/10/2013 04:28 CEST | Aktualisiert 10/12/2013 06:12 CET

Mündige Verbraucher, sündige Verbraucher

Ob Pferdefleisch in der Lasagne oder Dioxin im Ei: Schuld sind immer wir Verbraucher. Schließlich wollen wir nur billig einkaufen, was können wir anderes erwarten? Diese Standard-Erklärung ist so falsch wie bequem, weil sie von den wahren Verantwortlichkeiten ablenkt. Doch die Zyniker in Industrie und Politik argumentieren munter so weiter. Wir müssen ihnen endlich das Handwerk legen.

Von Dr. Thilo Bode, Gründer und Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, für die Huffington Post

Man kennt die Leier: Die Lebensmittelindustrie schiebt uns Verbrauchern den Schwarzen Peter zu. Die Argumente sind stets die gleichen: Allein wir sind verantwortlich - und im Zweifelsfalle schuld: Erstens stimmen wir doch mit dem Einkaufswagen ab, entscheiden, welche Produkte wir kaufen. Und wenn wir, zweitens, immer nur billig-billig einkaufen wollen, müssen wir uns auch nicht wundern, wenn wir betrogen werden oder schlechte Qualität bekommen. Dann müssen wir halt genauer hinschauen.

Mündige Verbraucher, sündige Verbraucher: Es ist eine verkehrte Welt, in der sich nicht die Schwindler und Betrüger rechtfertigen müssen, sondern diejenigen, die betrogen und angeschwindelt werden. Doch die Schuldzuweisung verfängt, die Selbstkasteiung ist voll im Gange: Appellieren Lobbyisten und „Verbraucherschutz"minister in den Talkshows an die Eigenverantwortung der Konsumenten, so nicken wir betroffen.

Doch wie mündig sind wir - und wie sündig? Müssen wir Pferdefleisch und Dioxin hinnehmen, weil wir beim gehetzten Einkauf nach Feierabend die Etiketten nicht genau genug studieren, und weil wir nicht bereit sind, mehr für gute Lebensmittel auszugeben? Nein! Lebensmittelindustrie und manche Politiker machen es sich zu einfach - durchaus absichtsvoll.

Lüge Nummer 1: Die Verbraucher in Deutschland sind einer „Geiz-ist-geil-Mentalität" verfallen. Ja, die deutschen Verbraucher geben im Vergleich zu anderen Nationen pro Kopf einen geringeren Anteil an ihrem Einkommen für Lebensmittel aus - allerdings ist dies mehr Folge als Ursache, denn sie tun dies nicht um zu sparen, sondern weil das Preisniveau in Deutschland aufgrund des harten Wettbewerbs im Einzelhandel und der hohen Discounter-Dichte relativ niedrig ist. Viele Menschen sind bereit, mehr für Qualität zu bezahlen - wo sie diese vermuten. Sie kaufen nicht die Billigst-Eier, weil sie Käfighaltung ablehnen, und sie greifen zu teuren Markenprodukten, weil sie hinter all den schönen Werbeversprechen eine bessere Qualität erhoffen. Wo die Qualität sich aber nicht einmal vermuten lässt, ist der Griff zum günstigsten Produkt nur rational.

Lüge Nummer 2: Teuer ist besser - und billig schlechter. Dieser Automatismus greift gerade nicht: Ob ein höherer Preis auch tatsächlich eine höhere Qualität bedeutet, können wir im Supermarkt meist nicht überprüfen. Mitunter sind günstige Discounter-Ware und teurer Markenartikel ein und dasselbe Produkt. Und warum sollte Sicherheit eigentlich verhandelbar sein? Dioxin oder Pferdefleisch-Betrug sind unabhängig vom Preis inakzeptabel. Auch günstig muss sicher sein - wie auch die Bremsen nicht nur beim Porsche, sondern auch beim Polo funktionieren müssen.

Lüge Nummer 3: Verbraucher bestimmen mit ihren Kaufentscheidungen Angebot und Qualität. Mündig wären wir, wenn wir die Qualität eines Lebensmittels erkennen und Qualitäten vergleichen könnten, um dann die für uns richtige Auswahl zu treffen. Doch es steht eben nicht alles Wichtige auf der Verpackung: Wo kommt die Ware her, wie wurden die Tiere gehalten, kam Gentechnik zum Einsatz? Man lässt uns dumm. Die Folge: Es gibt praktisch keinen Qualitätswettbewerb bei Lebensmitteln, wohl aber einen Preiswettbewerb - denn anders als die Qualität zweier Produkte sind Euro- und Cent-Beträge für jeden vergleichbar. Erst durch verlässliche Information aber wird der Kunde König. Die Eier sind das beste Beispiel: Erst als eine klare Kennzeichnung der Haltungsform vor wenigen Jahren vorgeschrieben wurde, konnten wir die Käfigeier bewusst im Regal liegen lassen.

Der viel zitierte „mündige" Verbraucher ist nicht Realität, er taugt der Industrie nur als Bild, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. Warum sollte die Politik regulieren, wenn wir Verbraucher alles in der Hand haben? Warum Vorgaben für fairen Handel oder ökologische Herstellung machen, wenn der Zustand der Lebensmittelproduktion allein davon abhängt, welche Kaufentscheidungen wir treffen?

Die Wahrheit ist: Die Industrie tut alles dafür, dass wir unmündig bleiben. Bequemer ist das. Und besser fürs Geschäft.