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07/02/2017 12:06 CET | Aktualisiert 08/02/2018 06:12 CET

"Wie Diebe in der Nacht!"

Stoyan Nenov / Reuters

Ich bin kein politischer Mensch, war nie Mitglied einer Partei. Aber jetzt auf die Straße zu gehen, das ist eine Frage der Haltung, eine moralische Pflicht.

Diese Regierung ist so korrupt und erdreistet sich, unter dem Schutz des Gesetzes stehlen zu wollen.

Am Dienstag vergangener Woche hat die sozialliberale Regierung eine Eilverordnung erlassen, nach der Amtsmissbrauch erst mit Haft bestraft wird, wenn der Schaden 200.000 Lei beträgt - das sind etwa 50.000 Euro. Die Regierung hat das am Parlament vorbei beschlossen, in einer Zeit, da der Chef der Regierungspartei wegen genau so eines Delikts vor Gericht steht.

Da sind die Leute wirklich wütend geworden. Und sie sind es immer noch, auch wenn die Eilverordnung am Samstag zurückgenommen wurde. Schließlich sind diese Leute noch immer an der Macht.

Die Regierung könnte Rumänien von der Karte des zivilisierten Europa streichen

Niemand weiß genau, wohin sich Rumänien derzeit entwickelt. Die Regierung ist demokratisch gewählt. Aber für mich sieht es so aus, als sei die Demokratie trotzdem in Gefahr - wegen der Unfähigkeit der Regierung, Gesetze gegen die Korruption zu erlassen, eigene Fehler zu sehen und den Menschen wirklich zuzuhören und die inkompetenten und korrupten Minister nach Hause zu schicken.

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Im schlimmsten Fall könnte sie Gesetze erlassen, die Rumänien von der Landkarte des zivilisierten Europa streicht und das Land um fast 30 Jahre zurückwirft.

Ich hatte das Gefühl, unbedingt zur Demo gehen zu müssen

Die Rumänen, oder zumindest ein großer Teil von uns, kämpfen für Würde, für Ehrlichkeit. Am Sonntagnachmittag hatte ich jedenfalls das Gefühl, unbedingt zur Demonstration gehen zu müssen. Zumal ich schon mal frei hatte - oft muss ich als Theater-Regisseurin bis Mitternacht arbeiten.

Ich habe mich um halb acht am Abend mit ein paar Freunden am Romana-Platz getroffen, wie viele andere Grüppchen auch. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Paar, etwa Mitte 30, das hatte sein kleines Kind auf den Schultern. Es waren viele junge Leute mit Kindern dabei, aber auch Leute über 40, über 60. Alle zusammen sind wir dann zum Sieges-Platz gezogen, das ist nicht weit, knapp zwei Kilometer.

Ich bin 1989 als Studentin in der antikommunistischen Revolution gegen Ceausescu auf die Straße gegangen. Damals war die Stimmung so aggressiv, so angespannt.

Die Leute waren wütend, aber es war kein Hass da

Ganz anders am Sonntag. In den 27 Jahren ist eine gut ausgebildete Generation herangewachsen, die die Demokratie kennt, die ihre Rechte kennt. Es ging auf der Demo ausgesprochen zivilisiert zu.

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Die Leute waren wütend, leidenschaftlich, ja, aber es war keine allgemeine Aggression, kein Hass. Alle waren fokussiert auf das Problem. Selbst, als alle Parolen gegen die Korruption schrien, geschah das immer noch mit Hirn, mit Herz. "Noaptea ca hotii!", "Wie Diebe in der Nacht!" war einer unserer Slogans.

rumaenien

"I have seen smarter cabinets at Ikea", steht auf dem Schild eines Demonstranten. Es ist ein Wortspiel: cabinet bedeutet sowohl Kabinett aus auch Schrank. Foto: Herghelegiu

Wir wollen nicht mehr bestohlen und belogen werden. Wir sind entschlossen, nicht aufzugeben.

In den drei Stunden auf der Straße gab es dann zwei, nein, drei wirklich emotionale Momente, sie hatten etwas Kraftvolles.

Starke Momente

Einmal sangen alle Demonstranten zusammen die Nationalhymne. Es ist dieselbe Hymne, die wir in der Revolution 1989 gesungen haben, sie ist ein Schrei nach Freiheit. "Erwache Rumäne, aus deinem Schlaf des Todes" heißt es darin, "jetzt oder nie", "Leben in Freiheit oder Tod!"

Der zweite wirklich starke Moment war, als alle ihre Handys als Taschenlampen benutzt haben, ein wahres Lichtermeer. Leider hat mein Handy keine Lampen-Funktion, ziemlich frustrierend fand ich das in dem Moment. Ersatzweise habe ich den Monitor angemacht, so leuchtete es wenigstens ein bisschen.

Der stärkste Moment aber war für mich, als alle minutenlang still waren, um der Todesopfer der Revolution zu gedenken. Man steht inmitten von 200.000, vielleicht 300.000 Menschen. Und niemand spricht. In dieser Stille lag eine unheimliche Kraft.

Natürlich habe ich Korruption erlebt

Natürlich habe ich selbst auch Korruption erlebt. Bis vor Kurzem habe ich in einem Theater in Ploiesti gut 60 Kilometer von Bukarest entfernt gearbeitet. Das Theater erhielt eine neue Intendantin, der Bürgermeister hat sie uns aufgedrückt. Er gehört der Regierungspartei PSD an, gegen die jetzt alle protestieren.

Sie hat mich gezwungen, Szenen aus dem Stück "Fernlicht" der österreichischen Dramatikerin Catherine Aigner zu streichen. Darin ging es um einen Charakter mit übermenschlichen Kräften, er konnte verschiedene TV-Sender aus aller Welt empfangen. Als er einen rumänischen Sender empfing, sang er die Nationalhymne. Und ausgerechnet diesen Moment durften wir nicht zeigen.

Nach heftigen Protesten in den Medien hat der Schauspieler die Hymne wieder gesungen, auf eigenes Risiko.

Der Widerstand gegen diese Frau war ein persönlicher "Kampf" gegen das korrupte System, mein kleiner Protest. Und jetzt gehe ich für mein Land auf die Straße. Fürs große Ganze.

Dieser Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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