BLOG
04/12/2015 11:06 CET | Aktualisiert 04/12/2016 06:12 CET

Ich war ein Flüchtlingskind: Heute bin ich stolz auf unser Land

CHRISTOF STACHE via Getty Images

"Wir schaffen das." Es ist der Satz, der immer wieder von der Bundeskanzlerin genannt wird: Wir schaffen das. Es hört sich mittlerweile wie ein Mantra an. Wie das hinduistische "Om" in Zeiten des bevorstehenden Sturms, ein Mantra, besänftigend und beruhigend zugleich. Die Bilder von den Flüchtlingen, die wir tagtäglich sehen, sind durchaus beunruhigend.

Menschen fliehen vor dem Tod, sehnen sich nach Sicherheit, suchen nach Schutz - sie schauen erwartungsvoll auf Deutschland, das "gelobte Land". Die Bundeskanzlerin hat immer wieder betont, dass wir uns vor dieser Herausforderung nicht verschliessen dürfen.

Aber die Frage ist tatsächlich: Schaffen wir das?

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Tageslage

Wir sind täglich mit Berichten von Übergriffen gegen Flüchtlingsheime konfrontiert, selbst von körperlichen Angriffen gegen Flüchtlinge. Und es gehen Wutbürger auf die Straße, getrieben von der "Sorge".

Denken wir nicht mehr an Adriano? Denken wir nicht mehr an Solingen? Denken wir nicht an Rostock-Lichtenhagen? Denken wir nicht an die Vielzahl von Angriffen, die einen fremdenfeindlichen Hintergrund haben? Denken wir nicht an unsere eigene Geschichte? Und: wie war das nochmal mit der NSU?

In dem Lied Adriano rappt Afrob in seiner Strophe:

" (...) Alter, schau die letzen Jahre haben das mir zu oft bewiesen

Dass die Menschen sich erheben, wenn die Leute nicht mehr leben

Doch dann ist es zu spät, ihr solltet öfters drüber reden

Also sag wie ist das möglich? Mal ist es doch tödlich

Gerechtigkeit, denn nicht nur Adriano hat es nötig (...)"

Selbstreflexion

Ich spreche ganz bewusst von unserer Geschichte. Ich mag einen ungewöhnlichen Namen haben, aber ich bin einer der neuen Deutschen. Ich bin mir unserer speziellen Verantwortung vor dem Hintergrund der NS-Unrechts bewusst. Und ich bin mir meiner Verantwortung vor dem Hintergrund meiner eigenen Geschichte als Flüchtlingskind bewusst.

Ohne dieses Land und seine Menschen wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Deutschland hat mich geprägt. Nicht nur sind die tamilsch-preußischen Tugenden an mir abgefärbt (namentlich Organisation, Pünktlichkeit, Disziplin), sondern vielmehr haben mich die Menschen zu dem gemacht, der ich heute bin.

Ich war privilegiert auf die besten Schulen zu gehen, die ein Flüchtlingskind in der ehemaligen Hauptstadt besuchen konnte. Ich konnte in einer multikulturellen Umgebung aufwachsen, verschiedene Religionen und meine besten Freunde kennenlernen sowie von den wunderbarsten Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden. Ich stehe hier, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.

Sicherlich hatte ich meine Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Wie kann ich vergessen, wie der Sicherheitsmann meine Mutter und mich auf Schritt und Tritt im Geschäft verfolgte. Nach dem Einkauf wurden nur wir von ihm und der Kassiererin vor allen Leuten aufgefordert, unsere Taschen zu entleeren. Es war erniedrigend. Wie kann ich vergessen, wenn der Busfahrer nur meine Busfahrkarte beim Einsteigen sehen wollte- aber nicht die der anderen Fahrgäste?

Wie kann ich die ignoranten, teilweise rassistischen Fragen vergessen wie:

"Woher kommst Du eigentlich?"

"Du sprichst aber tolles Deutsch."

"Wann gehst Du eigentlich wieder zurück?"

Hoffnung

Und nichtsdestotrotz: ich bin stolz auf unser Land und auf unsere Menschen. Die oben genannten Beispiele sind leider Einzelfälle und sind Teil meiner Sozialisation. Meine Mutter erzählte mir kürzlich folgende Geschichte, die mich die traurigen Vorfälle der Vergangenheit vergessen ließ. Ein deutscher Junge, circa neun Jahre alt, spazierte vor einigen Tagen mit einem syrischen Flüchtlingskind, ungefähr gleiches Alter, in ein bekanntes amerikanisches Schnellimbissrestaurant hinein.

Der deutsche Junge näherte sich der Kasse und bestellte ein "Happy Meal" und fragte den syrischen Jungen, was er denn gerne zum Mittagessen haben möchte - wobei der deutsche Junge ganz penibel darauf achtete und eine Vorauswahl von Menüs traf, die kein Schweinefleisch enthielten.

Als der Junge mit der Bestellung für beide fertig war, fragte meine Mutter den deutschen Jungen: "Ist das Dein Klassenkamerad?" Der Junge antwortete: "Ja, er kam vor drei Monaten nach Deutschland. Er musste seine Heimat verlassen mit seiner Familie" ... der Junge hielt inne, er war bereits außer Atem.

Er erzählte dann weiter und wedelte ganz aufgeregt mit den Händen: "Böse Menschen wollten sie umbringen. Er ist aber nicht nur mein Klassenkamerad, sondern auch mein Freund. Ich mag ihn. Ich habe mein Taschengeld aufgespart, damit ich ihn zum Mittagessen einladen kann. Ich weiß, es ist nicht viel. Aber ich will, dass er und seine Familie sich bei uns in Deutschland wohlfühlen. Wir müssen doch helfen."

Wir schaffen das

Als meine Mutter mir diese Geschichte erzählte, standen mir die Tränen in den Augen. Kinder sind so rein, ihre Seele so klar, ihre Intentionen weise und unbekümmert. Sie sind die wahren Riesen.

Ich bin stolz auf mein Land und seine Menschen - wir sind nicht die hässlichen Deutschen, selbst wenn es Pegida und die AfD gibt. Wir sind nicht diejnigen, die Flüchtlingsheime anzünden und den Menschen, die Hoffnungen suchen, Angst einjagen. Wir sind nicht diejenigen, die mit den Holzknüppeln in der Hand herumwedeln und den Flüchtlingen die Grausamkeit des Krieges wieder in Erinnerung rufen.

Nein, das ist nicht mein Deutschland. Das ist nicht unser Deutschland.

Dieser Junge jedoch: das ist unser Deutschland.

Ich glaube an die Größe und die Warmherzigkeit unseres Landes, das einst einem Jungen mit einem lustigen Namen und seinen Eltern Schutz bot. Denn das, was wir damals schafften, schaffen wir auch jetzt wieder.

Wir schaffen das.

Umfrage des Allensbach-Instituts: 45 Prozent der Deutschen trauen sich nicht, Flüchtlings-Meinung offen zu sagen

In der Flüchtlingsdebatte: Gauck fordert: Bürger sollen auch mal "das Maul aufmachen"

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite