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30/06/2015 12:18 CEST | Aktualisiert 30/06/2016 07:12 CEST

Abdul Adhim Kamouss spricht Klartext

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Bildquelle und Copyright: Abdul Adhim Kamouss

Nachdem ich die Sendung im September 2014 aufmerksam mitverfolgt hatte und die Antworten als unbefriedigend und abgeblockt empfand, brannte in mir die Neugier, zu erfahren, was Abdul Adhim Kamouss eigentlich noch sagen wollte.

Die Fragen, die in der Diskussion gestellt wurden, können nicht in zwei kurzen Sätzen beantwortet werden, da die Themengebiete ziemlich breit gefächert ist. Es gibt Bücher wie Sand am Meer, die sich mit diesen Thematiken beschäftigen und sogar diese reichen bei Weitem nicht aus. Wie soll also ein Mann es innerhalb von ein paar Minuten schaffen, auch nur das Wesentliche zu erklären, wenn er innerhalb dieser Minuten dazu noch mehrmals unterbrochen wird?

Deshalb habe ich ein Interview mit Herrn Kamouss geführt, um zu sehen, was er eigentlich in dieser Runde sagen wollte und noch einiges mehr.

Herr Kamouss, könnten Sie sich kurz vorstellen? Wo kommen Sie ursprünglich her (Marokko, Heimatstadt)?

Ich bin im Jahre 1997 nach Deutschland gekommen, um zu studieren. Mein Studium habe ich an der TU Berlin als Dipl.-Ingenieur in Elektrotechnik abgeschlossen. Ich habe in der Forschung beim Fraunhofer-Institut gearbeitet, bei der deutschen Bahn als Planungsingenieur und danach als freiberuflicher Ingenieur. Parallel führe ich momentan ehrenamtlich in Deutschland Predigten und Imam-Aufgaben aus, speziell in Berlin in mehreren Berliner Moscheen. Ich bin verheiratet, habe Kinder und wohne in Berlin.

Was ist Ihr Ziel? Was möchten Sie mit den Youtube-Videos erreichen?

Youtube und das Internet allgemein sind neue Plattformen im Bereich der Medien. Heutzutage ist das zu den herkömmlichen Medien wie Fernseher, Radio und Zeitungen die Konkurrenz Nr. 1. Die meisten Bürger entnehmen ihre Informationen dem Internet. Wir sind allerdings nicht nur auf Youtube aktiv, sondern auch im realen Leben und zwar in Berlin und in anderen Bundesländern (Seminare, Vorträge).

Das, was Sie in Youtube sehen, sind nur Aufnahmen von den Aktivitäten, die wir in den verschiedenen Moscheen machen, d.h. nicht, dass ich in einem Raum sitze und einen Kameramann kommen lasse, der mich aufnimmt und anschließend lade ich das Video hoch. Die Aufnahmen sind sozusagen zweitrangig, denn die Hauptveranstaltungen finden real statt, also in den Moscheen. Über den Youtube-Kanal erreichen wir andere Menschen, die keine Möglichkeit haben, Vorträge zu hören. Es gibt viele Muslime in Deutschland, die in bestimmten Städten und Dörfern leben, wo in Moscheen beispielsweise nur Türkisch gesprochen wird.

Sie haben kein Angebot in deutscher Sprache und durch den Youtube-Kanal ermöglichen wir den Zugang zu den islamischen Informationen auf Deutsch. Natürlich haben wir damit auch eine größere Reichweite als nur Berlin. In Berlin sitzen vielleicht nur 200-300 Leute im Vortrag, aber wenn es aufgenommen und hochgeladen wird, erreichen wir tausende Menschen.

Wo haben Sie sich das islamische Wissen angeeignet?

Ich bin in der islamischen Bewegung geboren und groß geworden. Seit dem 6. Lebensjahr lerne ich stetig dazu. In Marokko hieß die islamische Bewegung damals Jama'a al Islamiyya. Dort habe ich meine Jugend verbracht. Ich war aktives Mitglied in dieser Gruppe. Ab dem 6. Lebensjahr bin ich in der Umgebung von Wissenden und Gelehrten aufgewachsen. Das Wissen habe ich auf klassische Art und Weise mündlich von den Gelehrten mitbekommen.

Mein Bruder ist selbst ein Scheikh und Imam in Marokko. In meiner Kindheit habe ich von ihm gelernt. Danach lernte ich durch die Jama'a al-Islamiyya und die Gelehrten, die in unserer Stadt, in den jeweiligen Moscheen waren. Wir haben auch viele Schulen in der Hauptstadt Rabat, die religiöse Wissenschaften anbieten, an denen ich teilgenommen habe. Bis zum 19. Lebensjahr war ich mit dem Wissenserwerb beschäftigt. Ich war durstig und hungrig und habe jeden Tag nur an Wissenssitzungen teilgenommen, bis ich Marokko verlassen habe.

Dann bin ich nach Deutschland gekommen und habe meinen Wissenserwerb weiter vertieft und habe hier auch von großen Scheikhs wie Dr. Salim (der Präsident des Gelehrtenkomitee's der Schafi-i-Madhab (eine der vier Rechtsschulen) in Libanon), der in der Al-Nur-Moschee war, gelernt. Ebenfalls habe ich durch Gelehrte, die Europa besucht und Seminare Angeboten haben, teilgenommen und gelernt.

Die Reise des Wissenserwerbs endet nicht, unabhängig davon wie alt man ist oder wird. Man ist immer in diesem Prozess. Ich habe auch Lizenzen und Bestätigungen von Gelehrten in den verschiedenen Wissenschaften, wie etwa den Hadithwissenschaften, erhalten.

Was geht in Ihnen vor, wenn man vom Jihad in Verbindung mit den IS-Kämpfern redet?

Der Begriff „Jihad" wird heutzutage missbraucht und mit Kampf verbunden. Von den IS-Kämpfern und ihresgleichen wird er ebenso missbraucht, indem der Jihad eigentlich als Terror definiert wird, indem sie Unschuldige töten, Menschen aus ihren Dörfern vertreiben, nur weil sie vielleicht Nichtmuslime sind. Sie töten sogar ihre Glaubensbrüder, nur weil sie andere Meinungen vertreten.

Jihad, wie ihn der IS und seinesgleichen als Fahne tragen, ist kein Jihad. Das ist Kriminalität und Terror und hat mit dem Islam nichts zu tun. Was hat der Jihad damit zu tun, dass man Dörfer oder die Einwohner der Dörfer zum Islam zwingt? Was hat es mit dem Islam zu tun, dass man Menschen versklavt, Gefangene misshandelt, quält und abschlachtet wie die Schafe? Der Jihad, den der IS propagiert, nennt sich Terrorismus. Sie haben vom Islam nichts verstanden. Sie haben ihre Menschlichkeit und ihre Herzen verloren.

Meines Erachtens sind die meisten von ihnen krank. Sie haben psychische Belastungen. Sie sind lieblos erzogen und groß geworden. Und das sind nur die Ergebnisse ihrer Erziehung (Natürlich gibt es auch andere Fälle. Das ist von mir pauschal erläutert), in der sie keine Liebe bekommen haben und keine Barmherzigkeit bekommen haben. Diese Menschen haben sich da gefunden. Sie kommen aus verschiedenen Orten, Ländern und Kontinenten. Dort haben sie eine Gruppe gefunden, die ihren Hass in dieser Form zeigt.

Was sagen Sie zu der Meinungsäußerung, dass „Jihadisten" durch Vorträge der Prediger beeinflusst werden?

Natürlich gibt es Einflüsse. Man darf nicht unterschätzen, dass die Inhalte von Predigten bestimmter Prediger radikalisierend auf die Jugendlichen wirken. Für mich gibt es Prediger, die direkt radikalisierend sind, d. h. sie verbreiten Hass und insbesondere Hass gegenüber Andersgläubigen. Sie haben eine ganz schlimme Philosophie, wie sie gegenüber den anderen sind. Es gibt Prediger, deren Methoden für die Radikalisierung nährend und stärkend wirken, nämlich die Prediger, die nur sich auf dieser Erde sehen und sagen: „Wir sind die Muslime und wir sind die Besten und alle anderen sind nur verdorbene Menschen und Seelen. Sie kommen alle in die Hölle."

Durch ihre Methoden verbreiten sie indirekt Hass. Und verursachen bei ihren Zuhörern eine Denkweise, dass alle anderen Menschen schlimm und unreine Seelen sind und dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das ist vielmehr eine Philosophie, die bei den Zuhörern eingepflanzt wird. Es gibt aber auch indirekte Radikalisierer, die nicht zu Hass und nicht zur Ausgrenzung aus der Gesellschaft aufrufen. Sie beleidigen und provozieren nicht. Sie predigen zwar Barmherzigkeit und Gutes, aber sie können trotzdem radikalisierend wirken, ohne dass sie es merken.

Dazu gehört auch Abdul Adhim. Also meine Wenigkeit. Ich habe niemals Hass gepredigt. Ich habe niemals gepredigt, dass wir die anderen schlecht sehen sollen, oder dass wir besser sind, aber ich habe in meiner Predigerzeit festgestellt, dass man Fehler macht, in dem man nicht die richtige Auswahl der Themen trifft, in denen man sich mit dem Verständnis des Islam und mit der Quran-Exegese, also sich mit klassischen Wissenschaften beschäftigt.

Da produzieren wir zwar religiöse Menschen, aber nicht zeitbewusste Menschen. Menschen, die nicht bewusst mit ihrer Zeit und ihrem Ort, wo sie leben, umgehen. Deshalb war das ein Fehler von mir. Deshalb habe ich gesehen, es fehlt vieles in meinen Predigten. Es fehlt Aufklärung, innerislamische Aufklärung in verschiedenen und heiklen Themen, die sehr problematisch sind. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es die ganze Zeit gefehlt hat.

Das war auch unter anderem das, was ich auch in der Günter-Jauch-Sendung versucht habe, zu erklären. Leider habe ich kein Gehör gefunden. Ich entwickle mich während meines Lebens als Prediger hier in Deutschland, gewinne jedes Jahr neue Erkenntnisse und an Weisheit dazu, was auch nur menschlich ist. Meine gewonnenen Erkenntnisse sind, dass die Themen, die ich für meine Predigten auswähle, richtig wirken müssen und zwar positiv in den Köpfen der Zuhörer, dass sie eine bessere Übersicht über ihr Leben hier in Deutschland kriegen, dass wir die Themen ansprechen, die uns interessieren.

Und dazu kommt auch noch die Aufklärung nach außen, bei den Nichtmuslimen. Wir müssen mit ihnen in Dialog treten und versuchen, ihre Fragen über den Islam zu beantworten, dass Islam keine Religion des Hasses und der Ausgrenzung ist. Darum bemühe ich mich jetzt.

Was sagen Sie dazu, dass die Scharia in Deutschland kein Platz hätte, da alle friedlich zusammenleben sollten?

Derjenige, der so eine Aussage trifft, hat nichts von der Scharia verstanden. Das sind diejenigen, die mit dem Begriff oberflächlich umgehen. Der Begriff Scharia umfasst die Erziehung, die Lebensweise, die Lebenseinstellung und den Charakter eines Muslims. Die Scharia macht aus uns gesunde Gesellschaftsmitglieder, die gut mitwirken, friedlich leben, barmherzig mit den Mitmenschen zusammenleben. Leider kommen die Journalisten der verschiedenen Zeitungen nicht aus dem theologischen Bereich, sodass sie über solche Themen sprechen und schreiben könnten.

Das, was mir dort fehlt, ist, dass sie keine Islamwissenschaftler einstellen, die ihre Beiträge schreiben, denn sie könnten es besser darstellen. Die Leute schreiben über die Scharia, den Jihad in einer oberflächlichen Weise. Dadurch wird ein Bild in den Köpfen erzeugt, das falsch und oberflächlich ist. Das sehen wir an Beispielen, dass man die Scharia mit dem Hand abhacken und mit der Todesstrafe verbindet.

Dabei redet kein Muslim in Deutschland, wenn er über die Scharia redet, über diese Dinge. Wir wissen, dass es ein nicht islamisches Land ist, dass es ein demokratisches Land ist, wo die die Muslime als Minderheit leben und keiner kommt auf die Idee, dass hier die Scharia als Staatsverfassung eingeführt wird. Jemand, der so etwas sagt, lebt auf dem Mond oder auf dem Mars.

Aber nicht in Deutschland. Die Scharia gebietet uns das Gute und verwehrt das Schlechte. Jeder Muslim kann unabhängig von der deutschen Verfassung seine eigene Scharia ausleben, d. h. z. B. dass Unzucht verboten ist, das weiß jeder Muslim und dass Zinsen nehmen und geben verboten sind. Ich kann meine Scharia praktizieren, während ich in Deutschland lebe, in dem ich keine Zinsen gebe und nehme, in dem ich keine Unzucht begehe, indem ich nicht bestimmte Schändlichkeiten aus Sicht des Islam begehe und damit praktiziere ich auch die Scharia.

Das steht nicht im Gegensatz zur Verfassung, weil diese das auch bewahrt und versichert, dass jeder seine Religion frei ausleben darf. So verstehe ich die Scharia, die der Muslim nach den Geboten und Verboten des Islams auslebt.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen für Radikalisierung?

Das ist eine ganz große Frage. Dafür braucht man ja ein Extra-Referat. Deshalb war ich auch bei Günter Jauch eingeladen, damit ich meine Meinung über die Radikalisierung äußere. Die Radikalisierungsursachen bei den Muslimen sind genauso wie bei den Nichtmuslimen.

Wenn man auf die muslimischen Organisationen schaut, nämlich die Moscheen und die islamischen Vereine, sehe ich auch schon die Ursache, da es dort nicht genug Aufklärung gibt. Verschiedene Moscheen in Deutschland verbieten den Predigern, den Imamen, dass sie bestimmte Themen ansprechen, wie z. B. Jihad, weil sie immer Ängste haben, vom Verfassungsschutz beobachtet und überwacht zu werden. Also sind sie Standard-Imame, die nur z. B. über rituelle Waschung und über gewöhnliche Themen wie Paradies, Hölle usw. predigen.

Aber die Themen, mit denen sich unsere Jugendlichen beschäftigen, werden in den Moscheen nicht thematisiert. So etwas ist mehr im Internet vertreten und dort ist eine virtuelle Moschee, wo die Jugendlichen evtl. radikalisiert werden. Dazu kommen noch die Bücher, die ausgedruckt und übersetzt werden. Leider sind es oft Bücher, die in verschiedener Hinsicht radikalisierend wirken. Viele Bücher werden in einer zusammengefassten Form verfasst. Wenn man in dieser Form übersetzt, dann gehen sehr viele bedeutende Informationen verloren.

Daraus resultiert, dass falsche Informationen bei den Lesern ankommen und diese Leser sind die Jugendlichen. Es wird z. B. über die Loyalität und Lossagung geschrieben, dass der Ungläubige nur zu hassen ist, dabei unterscheidet man nicht in diesen Manuskripten zwischen dem Ungläubigen, der die Muslime bekämpft, vertreibt, unterdrückt wie im Fall von den Mekkaniten mit dem Propheten Mohammed (Allahs Segen und Frieden auf ihm) und dem Ungläubigen, der friedlich mit den Muslimen lebt.

Solche Aussagen und Bücher werden verbreitet, ausgedruckt, sogar manchmal verteilt. Wenn man die Predigtszene betrachtet, dann sieht man, dass der religiöse Diskurs nicht gesund ist. Es ist vielmehr radikalisierungsfördernd, indem man nicht die Jugendlichen mit ihren Themen verbindet, dass z. B. Probleme aus dem Ausland hierhin importiert werden, siehe: Shia und Sunna. Wir in Deutschland haben mit Shia gar kein Problem, wir Sunniten, aber im Irak und in Syrien usw. schon.

Prediger können das leider nicht unterscheiden, dass wir hier einen anderen Zustand haben, dass wir hier friedlich leben. Dann brauchen wir hier auch nicht diesen Hass zu uns nach Deutschland importieren. Dazu kommt auch der Staat und wie dieser damit umgeht. Die Medien sind für mich auch radikalisierend, wenn die Muslime die ganze Zeit nur Hetze gegen den Islam, gegen gläubige Muslime und muslimische Organisationen sehen und dass der Verfassungsschutz und der Staat verkrampft mit dem Thema „Islam" und den islamischen Organisationen umgehen.

Wenn etwas gestartet wird, z. B. eine Initiative in Gefängnissen von gemäßigten Muslimen, von gemäßigten Organisationen, wird alles verboten. Alle Türen werden geschlossen. Alles mit der Begründung „sie haben Kontakte zur Muslimbrüderschaft, sie haben Kontakte zu dem und zu dem." Dadurch gibt es eine schlechte Stimmung. Es gibt ein Misstrauen gegen die islamischen Organisationen.

Wenn man die Zeitungen liest, Talkshows sieht, wie sie gegen den Islam hetzen, z. B. bei den Podiumsdiskussionen sehen wir oft, dass fünf Gegner des Islams eingeladen werden und einer, der die Muslime vertritt. Er soll diesen fünf Gegnern antworten. Das ist ungerecht. Das alles verursacht unter den Muslimen, die eine islamische Identität haben, Misstrauen. Bei den Jugendlichen, die eventuell auffällig für die Radikalisierung sind, entsteht kein Misstrauen mehr, sondern Hass und dann sehen sie den Anderen als Feind.

Die Außenpolitik Deutschlands kommt auch noch dazu, wie z. B. mit dem Konflikt in Syrien umgegangen wird. Baschar Al-Assad tötet seit 5 Jahren sein Volk und das alles vor den Augen dieser Welt. Wir sehen, dass er mit der Maschinerie bombardiert, die aus Deutschland importiert wird. Dass so etwas nicht gestoppt wird, verstehe ich nicht, auch nicht, wie der Konflikt Palästina/Israel thematisiert wird, wie die Politik und die Medien dazu stehen und mit Doppelmoral berichtet und thematisiert wird. Alle Themen sind miteinander verknüpft und verursachen diese Stimmung des Misstrauens.

Was ist Ihre Stellungnahme zu der Aussage „Die größtverfolgte religiöse Gruppe sind die Christen"?

Das stimmt nicht. Es kann ja sein, dass sie in bestimmten Ländern verfolgt werden. Aber das ist nicht die größtverfolgte Religionsgemeinschaft. Das ist meine Stellungnahme. Ganz knapp.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie würden radikalen Islamismus predigen?

Das ist falsch. Derjenige der das behauptet, hat meine Predigten nicht gehört.

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In der Mehrheitsgesellschaft gerät Religion immer mehr in den Hintergrund, so die Aussage von Experten. Was sagen Sie zu dem Vergleich "Gott würde zur Rache als Abdul Adhim zurückkommen"?

Derjenige, der so eine Aussage trifft, trifft das auch nicht einfach so. So ein Mensch beobachtet den religiösen Diskurs unter den Muslimen und er trifft eine Aussage, die zwar richtig ist, wenn man den aktuellen Diskurs betrachtet, aber leider nicht auf Abdul Adhim zutrifft. Im religiösen Diskurs der Muslime sehen wir in vielerlei Hinsicht das Bild von Gott als des strafenden, vernichtenden, verfluchenden Gottes, eines Gottes der nur darauf wartet, dass Unheil verbreitet wird und dann vernichtet er.

Viele von den Predigern stärken dieses Bild, ohne dass sie es merken. Aber dieses Bild Gottes stimmt so nicht. Das, was ich predige, ist vielmehr der liebende, vergebende, verzeihende und barmherzige Gott. Gott im Islam, Allah, ist der, der Menschen alles vergibt, wenn sie Reue und Dankbarkeit zeigen. Selbst wenn diese Menschen in die Irre gehen, sich angestrengt und bemüht haben, Ihn kennenzulernen und es trotzdem nicht geschafft haben.

Er bestraft nicht solche Menschen. Die Verse, die wir sehen, die vielleicht problematisch erscheinen, dass Allah die Ungläubigen verflucht oder in der Hölle schmoren lässt, sind Verse, die mit dem Kontext zu verbinden sind. Der Koran ist in Mekka herabgesandt worden und diejenigen, die den Propheten (Allahs Segen und Frieden auf ihm) kannten, kannten ihn mit seiner Wahrhaftigkeit.

Danach kam eine Zeit, wo Götzendienst und Schändlichkeit verbreitet waren. Er (Allahs Frieden und Segen auf ihm) kam, um sie aus diesen Finsternissen herauszubringen. Er rief sie zum Monotheismus und zum Guten auf. Dabei haben sie ihn und seine Anhänger verleugnet, bekämpft und vertrieben. Dann kam der Koran mit diesen Versen. Das sind die Ungläubigen, die die Wahrheit erkannt, aber verleugnet und bekämpft haben.

So einer ist ein Gegner und ein Feind Gottes auf dieser Erde. Man muss den Koran mit diesem Kontext lesen, dann weiß man, wie das gemeint ist. Es gibt Leute, die nicht glauben, nicht weil sie Allah ablehnen, sondern weil sie keine Möglichkeit hatten, Allah kennenzulernen, weil die Botschaft zu ihnen nicht rein und sauber angekommen ist.

Allah kam zu ihnen als der Strafende, als einer, der blutgierig ist, ein Zerstörer. Natürlich wird er nicht an diesen Allah glauben. Wenn einer, der so eine Aussage trifft, über den islamischen Diskurs spricht, dann würde ich sagen, er könnte recht haben, in vielerlei Hinsicht. Wenn er das über den Islam sagt, dann ist das aber falsch.

Was sind Ihre Aussagen in Predigten zur Prävention gegen Radikalisierung?

Das ist die Aufklärungsarbeit, die ich mache. Wenn Sie jetzt z. B. die Unterrichtsreihe „Widerlegung" sehen: Da hab ich viele Themen gehabt, die genau der Aufklärung dienen, z. B. über Sätze wie „Tötet die Ungläubigen da, wo ihr auf sie trifft." oder wie man mit Kriegsgefangenen umgeht und das Thema Loyalität und Lossagung, oder „Schlagt sie", was Frauen angeht, uvm. Mit diesen Themen versuche ich ein Gleichgewicht zu schaffen.

Ich sage, es reicht. Wir haben soviel über Paradies und Hölle, Tag der Auferstehung, Grab und Tod, Halal (erlaubt) und Haram (verboten) gesprochen. Das gibt es zu Genüge. Das, was wir brauchen, ist dass wir ein Tiefenverständnis und treffende Interpretationen des Islams entwickeln und diese an unsere Mitmenschen weitergeben - innerislamisch, aber auch nach außen unter die Nichtmuslime.

Wie verstehen Sie die Integration?

Ich bin für Integration der Muslime in Deutschland. Das kann ja nur gut sein. Wir sind eine Gemeinschaft. Eine Gesellschaft, in der wir miteinander gut umgehen, darin müssen sich die Muslime integrieren. Sie müssen auch etwas für den Aufbau dieser Gesellschaft leisten. Sie müssen positiv wirken, aktive Mitbürger sein und die Religionszugehörigkeit spielt hierbei gar keine Rolle.

Das bringt uns hier in Deutschland zusammen. Das können wir nur erreichen, wenn wir miteinander friedlich leben und wenn wir den Dialog unter uns fördern und auch einander kennenlernen. Aber ich habe etwas gegen Assimilation. Dass man seine Identität verliert, wenn es heißt „Du kannst nur integriert werden, wenn du kein praktizierender Muslim bist" und dass man den Islam so sieht, als wäre es eine Gefährdung für den sozialen Frieden.

Ein(e) praktizierende(r) Muslim(a) kann genauso integriert werden, wie ein(e) praktizierende(r) Jude(in), Christ(in). Deshalb muss es die Mehrheitsgesellschaft endlich den Islam auch so sehen. 99.9% der Muslime - sind ja auch bekannte Statistiken - leben friedlich, wobei die Radikalen nicht mal 0,01 % bilden. Die meisten Muslime in Deutschland sind vernünftige Bürger, die hier auch gesund und positiv mitwirken.

Also ich bin voll für die Integration. Wir brauchen Muslime in allen Bereichen, in der Politik, Wirtschaft, und auch im sozialen Leben, dass sie auch mitwirken in Form von Vereinen, der zivilen Gesellschaft und ohne dabei die Identität und den Glauben zu verlieren. Das ist eine Sache, die jedem gewährt sein muss: die Religionsfreiheit und deren Ausübung.

Sehen Sie sich als integriert?

Ja, natürlich. Ich spreche die deutsche Sprache. Ich habe hier meine Ausbildung absolviert. Ich arbeite auch in meinem Bereich. Ich lebe vernünftig und bin gut zu den Mitmenschen. Ich habe keine Probleme, pflege gute Beziehungen zu meinen Nachbarn und habe auch deutsche Familie. Meine Frau ist Deutsche.

Meine Kinder sind somit zur Hälfte deutsch und marokkanisch. Ich bilde sogar ein Symbol der Integration. Das ist der Punkt zwischen den beiden Welten sozusagen. Ich fühle mich wohl und in dieser Gesellschaft gar nicht verkrampft. Meine Aufklärungsarbeit steht nicht im Hindernis mit meiner Integration.

Was ist an diesen Schlagzeilen dran, dass sie in der Al-Nur-Moschee in Berlin nicht mehr predigen dürfen?

Der Vorstand der Al-Nur-Moschee hat beschlossen, mir diese Plattform nicht mehr anzubieten, weil sie andere Ansichten vertreten. Sie möchten nicht, dass ich zu den Medien spreche. Sie haben mir auch andere Bedingungen gestellt, die gar nichts mit den Medien und Günter Jauch zu tun haben.

Viel mehr sind das bürokratische Bedingungen in der Moschee, die ich nicht einsehe und nicht akzeptiere, z. B. dass ich zu keinem von den Medien sprechen soll, das heißt, man will mich irgendwie versklaven und das erlaube ich niemandem. Das ist meine Zunge und mein Mund. Ich kann sprechen, wie ich möchte. Ich bin dort kein Angestellter, aber auch kein Mitglied gewesen. Und ich hatte mit ihnen keine Vereinbarungen und keinen Vertrag. Ich arbeitete dort immer als Gastredner, wie in vielen Moscheen in Berlin.

Sie könnten mir sagen „Erwähne nicht die Al-Nur-Moschee oder sprich nicht im Namen der Al-Nur-Moschee." Das tue ich ja nicht. Das ist ihr Recht. Aber dass man mir sagt „Sprich nicht zu den Medien als Abdul Adhim Khamouss", das sehe ich nicht ein. Deshalb möchte ich frei sein und ich bin frei und werde immer frei sein. Keine Organisation, keine Strömung, keine politische Partei wird auf mich, so Gott will, Einfluss ausüben. Ich möchte die Anerkennung meiner Arbeit durch Gott in den Vordergrund stellen. Sie haben meine Ansicht nicht akzeptiert und somit ist es zustandegekommen. Seitdem darf ich dort nicht mehr predigen.

Also waren es so gesehen verdrehte Tatsachen, die in den Schlagzeilen dargestellt wurden?

Die Leute wissen nicht über die Einzelheiten Bescheid. Eigentlich war das eine bürokratische Bedingung für meinen Sonntagsunterricht. Man will mir eine Bedingung stellen, dass der Unterricht nicht mehr so läuft, wie er seit 14 Jahren lief, sondern man wollte mitwirken, jemand anderes sollte mit mir zusammen den Vortrag halten und viele anderen Aspekte, womit ich nicht einverstanden war. Das war Punkt Nr. 1 und dann kam die Bedingung mit den Medien dazu.

Zum Schluss noch die Frage: Konvertierte Muslime haben oft das Problem Weihnachten, Ostern oder auch Geburtstage mit der Familie zu feiern, weil es „Haram" sei. Viele haben das schlechte Gewissen, dann etwas falsch zu machen? Was ist Ihr persönlicher Rat für solche Konvertiten?

Mein persönlicher Rat ist, dass sie wissen sollten, dass das nur eine Meinung einer Gruppe von Gelehrten ist. Es gibt die anderen Gelehrtenseite, die das erlauben, weil Beglückwünschen, Besuchen der Eltern und ihnen Freude zu bereiten nichts damit zu tun hat, dass man den Unglauben bestätigt oder dass man die Kreuzigung von Jesus usw. anerkennt. Das ist nicht die Meinung, die ich vertrete.

Ich vertrete die Meinung, wenn die Eltern, die Nichtmuslime sind, ihre Feierlichkeiten haben, sollen die Kinder ruhigen Gewissens bei ihnen sein. Das hat nichts mit Ablehnung des Islams zu tun, besonders wenn diese Eltern gar nicht praktizierende Christen sind und das ist die Realität. Ich meine, wenn ich z. B. über Berlin spreche: 70 % glauben nicht an Gott, aber sie feiern trotzdem Weihnachten.

Sie glauben nicht an Jesus, an die Bibel usw. - Warum sollen die muslimischen Konvertiten, nicht zu ihren Eltern gehen und mit ihnen den Abend verbringen, mit ihnen Essen trinken und sich freuen? Das ist überhaupt kein Problem und gehört dazu. Derjenige, der das verbietet, verbietet das leider nicht tiefgründig. Er hat die Sache nicht tiefgründig betrachtet.

Natürlich sollen die Muslime nicht an religiösen Feierlichkeiten in der Kirche teilnehmen, an Gottesdiensten z. B., aber darüber reden wir hier ja nicht. Wir reden über das Beisammensein. Die konvertierten Muslime sollen endlich mal an diese Sache ohne schlechtes Gewissen herangehen, ohne verkrampft zu sein.

An Gottesdiensten teilnehmen heißt: Wenn man dabei ist, bestätigt man die Zeremonie mit seiner Anwesenheit, aber wenn man im Herzen nur zum Beglückwünschen hingeht, dann hat das nichts mit der Anerkennung des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu tun. Dann spricht auch nichts dagegen. Aber etwa als Zeuge dabei sein, das sollte man besser nicht. Dann bist du so gesehen in einem Vertrag, wo die Richtlinien gegen den Islam sprechen.

Wir haben auch christliche Freunde. Wenn sie z. B. heiraten, dann gehen wir hin und beglückwünschen sie.

Vielen Dank für das angenehme Gespräch Abdul Adhim.

Dieses Interview erschien zuerst bei tatjana-rogalski.de und i-blogger.de


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