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28/07/2014 13:33 CEST | Aktualisiert 27/09/2014 07:12 CEST

Eine andere Liebe

Thinkstock

Gestern fuhr ich mit meinen beiden Kindern mit dem Bus in die Stadt. Da wir normalerweise mit dem Auto oder Fahrrad fahren, war diese Bustour natürlich besonders aufregend. So stellte mir meine Kleine auch unzählige Fragen über die Straßennamen, Verkehrsschilder, Brücken und allerlei anderes. Ich beantworte alles gewissenhaft und freute mich über die Begeisterung und das Interesse meines Kindes. Gegenüber auf dem Vierersitz saß eine ältere Frau, ich schätzte sie auf über 80 Jahre. Auch sie verfolgte uns mit Interesse und schmunzelte über meine Tochter.

Dann sagte sie plötzlich zu mir: „Wissen Sie, ich habe fünf Kinder und ich habe alle geliebt. Aber wenn ich die jungen Mamas mit ihren Kindern so sehe, denke ich, heutzutage ist es eine andere Liebe, als die, die wir zu unseren Kindern hatten. Ich hatte nicht die Zeit, Dinge zu erklären. Ich hatte auch nicht die Zeit, um mit meinen Kindern zu spielen. Und ich hatte keine Zeit, um mir über meine Kinder Sorgen zu machen. Sie liefen alle nebenher, waren da, oder auch nicht. Das Kochen auf der Küchenhexe, das Waschen im Waschkessel, das Bügeln mit heißen Kohlen, das Saubermachen und der Einkauf, all dies hat unglaublich viel Zeit und Kraft in Anspruch genommen.

Und wir hatten keine Männer, die uns im Haushalt halfen. Oder die sich gar um die Kinder kümmerten. Unsere Männer haben gearbeitet, vom Morgen bis zum Abend, und dann wollten sie verständlicherweise ihre Ruhe haben. Ich hätte es mir anders gewünscht, aber damals gab es kein anders." Dann stiegen wir aus und ihre Worte hallten noch lange in mir nach.

Das ich Kinder haben möchte, war mir schon als Jugendliche klar. Jedoch ließ die Erfüllung dieses Wunsches lange auf sich warten, und als ich dann mit meiner Tochter schwanger wurde, weinte ich Sturzbäche vor Glück. Von da an war alles anders! Ich hielt mich an alle Regeln, die eine Schwangere beachten sollte. Keinen Alkohol, nicht mal passiv Rauch, keine Wust, keinen Rohmilchkäse, keinen Räucherfisch oder Meerestiere, ich passte tunlichst auf, alle Gefahren für mein Ungeborenes zu vermeiden.

Ich nahm Schwangerschaftsvitamine und Omegaöl für die Entwicklung des Gehirns, freute mich auf jede Vorsorgeuntersuchung, kaufte Unmengen an Babysachen, richtetet das Kinderzimmer mit sehr viel Liebe zum Detail ein und schwebte im 7. Mamahimmel. Unsere damalige Nachbarin, eine ältere Bäuerin mit zwei Kindern sagte mir, sie hat bis zu den Wehen auf dem Feld gearbeitet und ist einen Tag später schon wieder auf dem Acker gewesen. Die Kinder schliefen den ganzen Tag im Kinderwagen und wurden nebenbei groß. Es war einfach keine Zeit für sie.

Als meine Kleine dann geboren wurde, war dies der schönste Moment meines Lebens. Ich habe sie nächtelang im Arm gehalten, angeguckt und konnte kaum glauben, dass ich nun Mama bin. Ich fühlte mich auf einmal wie eine Löwenmama, bereit alles für mein Kind zu tun. Sie nahm von einer Sekunde auf die nächste den wichtigsten Platz in meinem Leben ein. Die Elternzeit rückte in den Vordergrund, die Arbeit ganz weit weg. Die Tage drehten sich nur um sie.

Nicht nur mir ging es so, auch mein Mann war überwältigt von dem, was dieses kleine Wesen in ihm auslöste. Bei unserem zweiten Kind ging uns genauso. Vom Moment der Schwangerschaftsbestätigung, bis hin zur Geburt und dem hier und jetzt. Unsere Kinder sind unsere Nummer eins! Sie bekommen alles an Liebe und Aufmerksamkeit, die sich ein Kind nur wünschen kann und auch Sorgen und Ängste sind täglich vorhanden.

Keines der Kinder läuft hier nur so mit, sondern fast alle unsere Gedanken drehen sich um sie.

Und so geht es nicht nur unseren Kindern, sondern allen Kindern in unserem Freundeskreis. Wir nehmen uns unglaublich viel Zeit für sie. Wir spielen und basteln, wir gehen zum Reiten, Turnen, zur Musikschule und zum Theater, zum Fußball oder Hockey. Wir machen Ausflüge ans Meer, in die Berge, zum Baden an den See, ins Schwimmbad oder an den Strand. Wir machen die schönsten Familienreisen, immer mit dem Blick auf die gemeinsame Zeit.

Ja selbst das Backen und Kochen findet oftmals mit den Kindern zusammen statt. Meine Tochter konnte mit drei Jahren Möhren und Kartoffeln mit einem Kinderschäler schälen, mit vier Jahren benutzte sie ein normales Küchenmesser zum Zerschneiden vom Obst und Gemüse. Ich habe mir das Kochen als Jugendliche weitestgehend alleine beigebracht, meine Mutter hatte einfach keine Zeit dafür.

Auch unser soziales Leben hat sich verändert. Wir unternehmen viel mit anderen Familien und natürlich haben hierbei die Kinder den Mittelpunkt. Nicht nur bei den Gesprächsthemen, auch bei der Auswahl des Ausflugsortes. Am Abend gehen wir nicht mehr weg, sondern liegen erschöpft vom Tag mit den Kindern auf der Couch und lassen die Eindrücke und Erlebnisse Revue passieren. Wenn eine Pflichtveranstaltung läuft, knobeln wir darum, wer gehen muss und wer bei den Kindern bleiben kann.

Wir wissen, die intensive Zeit, die wir jetzt mit unseren Kindern haben, ist viel zu schnell wieder vorbei. Und ich bin froh, dass wir heutzutage die Möglichkeit haben, ihnen so viel mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung geben zu können und gemeinsam Dinge zu erleben, als es früher möglich war. Das wir Fragen beantworten können, auch wenn fünf Mal die Gleiche hintereinander kommt.

Das wir ohne Zeitdruck Frösche im Gras fangen, den nächsten Spielplatz erkunden, Stockbrot machen oder so viel Eis essen können, bis der Bauch fast platzt. Das wir als Familie einfach zusammen Spaß haben und die zweite Runde „Mensch ärgere Dich nicht" spielen, während nebenbei die Waschmaschine und der Trockner ihre Runden drehen und der Backofen unseren Nudelauflauf zubereitet.

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