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16/01/2016 12:36 CET | Aktualisiert 16/01/2017 06:12 CET

Leonardo DiCaprios Oscar-Dilemma

Getty

"Gebt Leonardo DiCaprio endlich seinen Oscar!" Die Welt ist sich einig: Leo verdient für seine schauspielerische Leistung in The Revenant die höchste Auszeichnung im Filmbusiness, den Academy Award für den besten Hauptdarsteller - schon alleine deshalb, weil er das Goldmännchen in seiner langen Karriere noch nie gewonnen hat. Das ist eine sympathische Theorie, jedoch absolut lächerlich.

In The Revenant spielt Leo den Pelztierjäger Hugh Glass, der 1823 auf einer Expedition einen Bärenangriff überlebt, dann aber von seinen Kollegen in der Wildnis zurückgelassen wird. Er gewann dafür den Golden Globe und wurde für den Oscar nominiert.

Leos Darstellung von Glass ist gut - so gut es eben geht für einen Schauspieler, der während der über zweistündigen Vorführung geschätzte 20 Sätze spricht, die Hälfte davon in einer Fremdsprache, die andere Hälfte, verletzungs-bedingt, in herausgepressten Gruntzlauten.

Er robbt ausgiebig durch die Wildnis, reitet, macht Feuer, präsentiert über weite Strecken den einen, schmerzverzerrten Gesichtsausdruck. Die mentale und physische Tortur seines Überlebenskampfes nimmt man ihm auf jeden Fall ab (keine Ironie). Für den Dreh zog Leo sich bei Minustemperaturen aus, sprang in einen eisigen Fluss, ass rohes Bison, isolierte sich vom Rest der Filmcrew.

Diese taffe Aufzählung taugt ja auch wunderbar zur Vermarktung des Streifens. Aber ist sie aussergewöhnlich? Leo deswegen am Rande körperlicher Grenzen? Nicht wirklich. Nach einem "Take" versorgt üblicherweise eine Clique überverwöhnender Assistenten die strapazierten Stars, mit Daunenmantel und Thermokanne, ein gewärmter Wohnwagen steht bereit - eine kostspielige Produktion darf sich schliesslich nicht wegen der Grippe des Hauptdarstellers verzögern.

(Die einzigen, die sich eine Erkältung holen, sind die Statisten; sie müssen bei Szenenwechsel oft stundenlang in der Kälte ausharren - ich erlebte es während meiner Schauspielausbildung bei verschiedenen Hollywood-Produktionen).

Leo ist unbestritten einer der erfolgreichsten Schauspieler unserer Zeit. Er verdient einen Oscar - den für das beste Händchen bei der Auswahl seiner Filmrollen. Wie kaum ein anderer Hollywoodstar ist er ein Garant für klingelnde Kassen und grossartigen Filmstoff:

Aviator, Blood Diamond, The Wolf of Wall Street, allesamt genial und Leo für jeden einzelnen geehrt mit einer Oscar-Nomination. Gewonnen hat dann immer ein anderer, einfach, weil er besser war - zuletzt Matthew McConaughey als Aidskranker in Dallas Buyers Club. Leos Darstellung eines ehrgeizigen Wall Street-Bankers war dagegen chancenlos.

Es wird nicht an den Anstrengungen des 41-jährigen liegen, wenn ihm die Mitglieder der Academy den Oscar am 28. Februar wahrscheinlich abermals verwehren. Es wird aufgrund seiner Rolle des Abenteurers Glass geschehen, die schlicht zu wenig menschliche Tiefen und Schwächen hat, um damit schauspielerisch über alle Massen hinauszuragen.

Vielleicht liegt ja gerade darin Leos Oscar-Dilemma. Bisher hat er eben keinen Transsexuellen verkörpert, keinen Aidskranken, hat sich nicht bis auf die Knochen runtergehungert, kaum komplexe, vielschichtige Charaktere porträtiert - Rollen, die von der Academy tendenziell mit einem Goldmännchen belohnt werden. Ob er das überhaupt kann, wird sich bei einem entsprechenden Part zeigen. Wahrscheinlicher ist, dass Leo sich um solcherlei Auszeichnungen gar nicht schert.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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