BLOG
31/03/2016 07:56 CEST | Aktualisiert 01/04/2017 07:12 CEST

Hauptsache nackt

Andreas Kuehn via Getty Images

Das Model Gisele Bündchen hat's getan, die Schauspielerinnen Pamela Anderson, Eva Mendes, Miley Cyrus, Helena Bonham Carter und soeben auch Emma Thompson ("Eine zauberhafte Nanny"): Sie alle stellten ihren nackten Körper zur Schau, um auf ein höheres Anliegen aufmerksam zu machen. Und die Welt jubelt.

Die entblößte Weiblichkeit der Damen dient im Kampf für verschiedenste soziale Zwecke: Gegen die Ausbeutung von Tieren (Eva Mendes, Pamela Anderson), für die Krebsvorsorge (Miley Cyrus), für den Klimaschutz (Emma Watson), für mehr Toleranz gegenüber stillenden Müttern in der Öffentlichkeit (Gisele Bündchen), gegen Überfischung (Helena Bonham Carter und Emma Thompson).

Letztere posierten für die britische "Fish Love"-Kampagne hüllenlos und mit einem toten Thunfisch zwischen den Beinen, beziehungsweise einem schwarzen Degenfisch in der Hand.

In der Regel sind es prominente Frauen, die mit einem nackten Auftritt Aufmerksamkeit für irgendetwas generieren möchten. Die Fotos sind auf ästhetisch hohem Niveau und die Geschwindigkeit, mit denen sie von applaudierenden Medien verbreitet werden, ist schneller als der Kiemenschlag einer Blauforelle.

Es sind dieselben Medien, die permanent und überall hinter jedem Nachteil einer Frau Sexismus wittern. Es sind dieselben Frauen, die permanent und überall gegen jegliche Form von Sexismus ankämpfen.

Sexualität aus einem schönen Aktfoto herauszudenken, ist mir unmöglich

Den weiblichen Körper einzusetzen und zum (politischen) Objekt zu degradieren, geht aber offenbar in Ordnung, solange es den eigenen Absichten dient. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber Sexualität aus einem schönen Aktfoto herauszudenken, ist mir unmöglich - außer vielleicht, das Foto liefert den Duftstoff des toten Fisches gleich mit, so à la 4D-Erlebnis.

Vor einigen Jahren galt Nackt-Aktivismus als neue, provokative Form des Protestes. Die Damen der "Femen"-Gruppe entblössten in der Ukraine ihre Körper und die ganze Welt schaute hin.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Heute protestieren alle gegen alles nackt - Studentinnen gegen den Stierlauf von Pamplona, Moderatorinnen gegen Instagram. Wir sind abgebrüht. Nackt-Aktivismus gestaltet sich für die Sache mittlerweile so wirkungsvoll wie Kaugummi kauen gegen das Hungergefühl.

Soziales Engagement ist gut. Seinen berühmten Namen für übergeordnete Anliegen einzusetzen, löblich. Die Welt braucht Aktivisten, um Umdenken und Veränderungen herbeizuführen.

Aber warum muss das nackt sein?

Was genau hat ein nackter Frauenkörper mit Tierrechten zu tun? Wie viele Thunfische und Degenfische und Nerze sind von Tod oder Qual verschont geblieben, weil eine Frau für sie in aller Öffentlichkeit ihre Brüste gezeigt hat?

Und wen unterstützen solche Nacktbilder denn am meisten? Ist es nicht eben so, dass die Damen das Leid von Lebewesen nützen, um Aufmerksamkeit für sich selber zu schöpfen? Die Schauspielerinnen Thompson & Co. könnten ja auch ein Symposium zur Überfischung veranstalten oder mit ihren prominenten Mitstreiterinnen Flyer am Piccadilly Circus verteilen.

Besonders sexy ist das aber nicht. Das Medienecho und die Begeisterung der Öffentlichkeit würden wohl ausbleiben. Dann doch lieber bei einer hippen Hochglanz-Fotokampagne mittun.

Ich habe nichts dagegen, wenn Frauen sich nackt ablichten lassen, um ihr Image zu beleben, die Eitelkeit zu befriedigen, egal was. Nacktsein als Mittel zum Zweck scheint mir vertretbar - solange man dazu steht. Selbstinszenierung im Namen von sozialem Aktivismus ist scheinheilig.

Der Beitrag erschien ursprünglich in der Basler Zeitung.

Auch auf HuffPost:

Darum solltest du sofort aufhören, einen BH zu tragen

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: