BLOG
31/01/2016 11:36 CET | Aktualisiert 31/01/2017 06:12 CET

"Dschungelcamp lässt mich gute Literatur vergessen"

dpa

Ich lese derzeit den Roman Hundert Tage des Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss. Er erzählt die Geschichte eines Entwicklungshelfers in Ruanda zur Zeit des Genozids 1994. Literaturkritiker überhäufen das Werk mit Lob - Bärfuss' Romandebüt gehört zu den besten Büchern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ich stecke seit drei Monaten auf Seite 120 fest.

Bärfuss schreibt Sätze wie: "Wir saßen im Herzen des schwarzen Kontinents, aber es war einfach nicht heiß genug, um den metaphysischen Schreck zu fühlen." Oder "Man findet den Tod an jeder Ecke, Krankheit in jedem Winkel, Verderbnis und Hoffnungslosigkeit in jedem Gesicht, aber Entwicklungshelfer kriegt man dort keine zu sehen." Eine wuchtige, wundervolle Bildsprache eingebettet in eine Geschichte, die aufrüttelt, zum Denken anregt, manche Passagen lese ich zweimal, so wunderbar sind sie, und verweile auf dem staubigen Boden einer ungreifbaren Hoffnungslosigkeit. Es ist alles ganz weit weg.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Nackt-Models, TV-Sternchen und Ex-Fussballer

Ich gucke derzeit die RTL-Sendung Ich bin ein Star- Holt mich hier raus! Sie zeigt den Aufenthalt von Nackt-Models, TV-Sternchen und Ex-Fussballern im Australischen Dschungel 2016, wie sie Mehlwürmer essen, sich anzicken und belangloses Zeug reden. Journalisten nennen es "ein Spiel auf der Klaviatur niedrigster Affekte" und "Geistige Umweltverschmutzung" (Welt.de) - und berichten wohl deshalb täglich vom Geschehen aus dem Promi-Lager.

Mit über sechs Millionen Zuschauern pro Folge gehört das Dschungelcamp zu den erfolgreichsten TV-Formaten im Deutschen Fernsehen. Die Bewohner sagen Sätze wie: "Die Dinosaurier haben viel Scheisse gebaut, darum sind sie ja auch vernichtet worden." Oder "Pflanzen sind die intelligentesten Lebewesen auf dem Planeten." Oder mein Favorit: „Leider kann ich mir keine Namen merken. Ich weiß nicht, wer Johnny Cash ist. Johnny ist ein lustiger Name. Und „Cash" ist halt Money. Johnny Cash ist jemand, der Geld macht."

Mit meinen Freundinnen, die aus der Anwalts-, Bank-, Versicherungsbranche stammen, kommentieren wir solche Dinge manchmal schadenfreudig auf WhatsApp, schicken noch ein Closeup-Bildchen mit von der fetten Hausspinne über unserem Cheminée ("einsaugen oder essen?") - ein wahrhaft girliehaftes Gruppenerlebnis. Wir amüsieren uns über die Bewohner, wir solidarisieren uns mit ihnen, bemitleiden sie, wir führen Diskussion über Brustimplantate, weinende Männer, Egomanen und die Kotzfrucht.

Appell an niederste Instinkte

Es ist alles ganz nah. Fordert uns nichts ab, wir umarmen diese Freiräume des Trashigen wie Koalas ihren Eukalyptusbaum. Ganz freiwillig lassen wir uns von dem "Appell an niederste Instinkte" unterhalten, lassen täglich Verschmutzung an unserem Geiste zu, während der seelenreinigende, bildende und hinreissende Bärfuss vergessen auf dem Nachttisch schlummert. Vielleicht sind wir ja selber Menschen mit niedrigen Instinkten, vielleicht leiden wir unter geistiger Ausdünnung wie sechs Millionen andere.

Und wenn schon. "Man kann nicht immer Niveau zeigen, schliesslich ist man keine Wasserwaage", wusste schon der deutsche Dichter Erhard Horst Bellermann. Debatten um Geschmack oder Niveau eines Dschungelcamps, oder ob die Show "unchristlich" ist (Welt.de), sind doch genauso sinnfrei wie gewisse Sprüche über Dinosaurier - nur bergen Letztere die grössere Portion Humor.

Bärfuss und Dschungelcamp, das ist wie Broccoli und Schokolade. Das eine ist nützlich und tut einem gut, das andere flutscht einfacher hinunter.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

Auch auf HuffPost:

Dschungelcamp 2016: Für was ist der berühmt? Australier finden großartige Worte für deutschen Dschungel-Prom

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.