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05/01/2016 06:47 CET | Aktualisiert 05/01/2017 06:12 CET

Anfälle an Neujahr

Thinkstock

Vor ein paar Jahren nahm ich mir an einem Silvesterabend nach dem vierten Glas Champagner vor, mich zur Abwechslung ein bisschen geistig zu bilden und Französische Literatur zu lesen. Das Rezitieren aus Klassikern würde mich bei Smalltalks im Kreise topgebildeter Menschen ziemlich gut dastehen lassen.

Ich belegte einen entsprechenden Lehrgang und gab Unsummen für Bücher aus. Der Kurs war unanständig schwierig, ich ein Dauer-Frustbündel, zwei Monate und ein angelesener Sartre später brach ich die Übung ab.

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"Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, in wissenschaftliche Gesetze einzugreifen. Ihr Ursprung ist pure Eitelkeit. Ihr Resultat ist gleich Null." Was Oscar Wilde schon früh erkannte, belegen heute unzählige Studien:

Gute Vorsätze verfolgen wir durchschnittlich vier Monate lang; etwa 90 Prozent davon halten wir nicht ein. Und obwohl wir im vornherein um unser Versagen wissen, halten sich Selbstverbesserungsanfälle am Jahresanfang ungebrochen.

Wer hat den Unsinn eigentlich erfunden? Laut Überlieferungen gehen Neujahrsvorsätze bis in die Antike zurück. Vielleicht witterte damals der Inhaber eines Fitnessstudios im alten Griechenland das Geschäft seines Lebens und rieb den nach der Jahreswende gemästeten Bürgern diesen "neuen Brauchtum" unter die Nase. Oder es war Gott höchstpersönlich, der damit unsere Selbstreinigungs-Sensoren aktivieren möchte.

Neujahrsvorsätze sollten abgeschafft werden

Wer es auch war - Neujahrsvorsätze sollten abgeschafft werden. Das Scheitern macht uns doch nur depressiv und unglücklich. Und auch unsere Mitmenschen machen die Vorsätze unglücklich:

Als Neo-Abstinenzfanatiker, die jetzt auf Nikotin oder Cremeschnitten verzichten, werden wir zu unausstehlichen Griesgrämern; mit der Januar-Invasion sämtlicher Fitnessstudios im Lande treiben wir die Ganzjahres-Sportler zur Weißglut; mit etwas Alkohol intus sind wir schlichtweg lustiger und geselliger (und manche Zeitgenossen erträglicher).

Nehmen wir den Klassiker. Der Vorsatz, mit dem Rauchen aufzuhören scheitert meistens schon im Januar, weil unser Gehirn unbewusst und automatisch auch schlechte Gewohnheiten abruft, vor allem, wenn sie während Jahrzehnten gespeichert sind.

Das besagt eine Untersuchung im "Psychological Science". Wenn sich bei der Entwöhnung noch Begleiterscheinungen wie Gewichtzunahme hinzugesellen, bleiben die Vorsätze meist ganz auf der Strecke, so die Psychologen.

Das bringt uns wieder zu Herrn Wildes Bonmot und dem Bestreben, die über die Festtage angesammelten Kilos bis im März wieder loszuwerden. Total illusorisch, wie die Studie "New Year's Res-Illusions" der Universität Cornell zeigt:

Während der Weihnachtsferien steigen Ausgaben für Lebensmittel durchschnittlich um fünfzehn Prozent, drei Viertel der zusätzlichen Summe werden für ungesunde Produkte bezahlt. Anfangs Jahr nehmen die Käufe gesunder Produkte gegenüber der Weihnachtszeit zwar um 30 Prozent zu, die Käufe ungesunder Lebensmittel bleiben aber auf dem Niveau der Weihnachtszeit. Die Speisen enthalten im Januar im Schnitt 890 Kalorien mehr als vor der Weihnachtszeit.

Vielleicht ist das Reizvolle an Neujahrsvorsätzen ja das Gefühl der Selbstkontrolle, das sie einem geben. Auch wenn unrealistisch, ist Optimismus großartig, aber dafür müssen wir nicht Silvester abwarten. Und wer sagt überhaupt, dass ein flacher Bauch in ein paar Jahren noch in Mode ist? Sich dann wieder ein Ränzlein anfuttern zu müssen, scheint mir doch auch anstrengend.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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