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09/04/2016 09:49 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 07:12 CEST

Helikopter-Großeltern: Von der Angst um die Enkelkinder

Big Cheese Photo via Getty Images

Ich bin keine Helikoptermama. Meine Kinder dürfen sich schmutzig machen, auf Entdeckungstour gehen, sie dürfen klettern, hinfallen, ihre Grenzen ausloten und so hoch schaukeln, dass mir schon angst und bange wird. Diese Erfahrungen sind für meine Kinder wichtig, davon bin ich überzeugt.

Sie haben in der heutigen Gesellschaft ohnehin nur mehr wenig Freiräume: Sie werden überwacht, überall hin begleitet, in den Kindergarten und zur Schule werden sie mit dem Auto geführt, das Rollerfahren wird auf eine Schrittgeschwindigkeit begrenzt. Kinder haben kaum mehr die Möglichkeit, ihre Welt auf eigene Fäuste zu erobern und zu entdecken.

Überall hören sie: „Pass auf, das ist gefährlich."

Oder: „Dafür  bist du noch zu klein, das kannst du noch nicht."

Oder: „Halt dich gut fest, sonst fällst du runter."

Alles wird angeleitet, selbst Ausflüge in den Wald werden als großes Spektakel organisiert. In vielen Menschen lebt die irrationale Angst, dem Kind könnte etwas zustoßen, wenn es eigenständig handelt. Bei uns sind es vor allem die Großeltern, die übervorsichtig mit ihren Enkelkindern sind.

 

Der Generationenkonflikt

Endlose Diskussionen über meinen freizügigen Erziehungsstil und die potentiellen Gefahren auf dem Schulweg (den meine Kinder alleine gehen), führten ihrer Meinung nach ins Leere. Ich werde schon sehen, was ich davon einmal habe, wird mir immer gesagt. Wenn meinen Kindern etwas zustößt, wenn sie entführt werden oder von Aliens geschrumpft werden, ich dürfe mich nicht wundern. Ich bin viel zu leichtsinnig.

Dabei belegen sämtliche Statistiken, dass die Gefahren für Kinder zurückgegangen sind. Das weiß ich. Dennoch treffen sie mit ihren Argumenten einen Nerv bei mir, der auch mich immer dazu bewegt, mein Verhalten zu reflektieren und zu hinterfragen, ob die Freiheiten, die ich meinen Kindern zugestehe, sie in Gefahr bringen. Denn wenn meinen Kindern etwas passiert, dann sind mir die Statistiken egal.

Natürlich steckt hinter dem Konflikt etwas ganz anderes: Wir erziehen unsere Kinder heute ganz anders als wir es noch erlebt haben. Freiheiten, die die Kinder heute haben, waren in unserer Kindheit kein Thema - es ging um Gehorsam, Disziplin und das Bild der perfekten Familie nach außen.

Wenn wir die Großeltern nun darauf hinweisen, dass unsere Kinder das dürfen oder wir bestimmtes nicht möchten, dann sagen sie was? „Euch hat es ja auch nicht geschadet". Was habe ich mich in den letzten Jahren über diesen Satz aufgeregt. Bis mir bewusst wurde:

Auch sie wollten als Eltern nur das Beste für uns. Sie haben alles gegeben, was sie konnte und was früher „richtig" war. Das wir heute vieles so ganz anders machen gibt ihnen das Gefühl, vielleicht etwas falsch gemacht zu haben. Doch wer weiß, wie unsere Kinder einmal handeln werden?

Die Angst der Helikopter-Großeltern

Wie auch sonst immer, meinen sie es ja nicht schlecht. Großeltern spielen heute im Leben der Enkelkinder eine andere Rolle, sie haben einen besonderen Stellenwert. Wenn sie einander sehen, ist es immer etwas Besonderes, nichts Alltägliches. Ihre Freude drücken sie in Boni fürs Taschengeld oder kleinen Geschenken aus. Doch wofür stehen diese Sachen?

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Sie stehen für Wertschätzung und für die große Bedeutung, die die Enkelkinder für ihre Großeltern haben. Das Gefühl, sie beschützen zu müssen und alles zu tun, dass sie als Familienweiterführer gut aufwachsen, ist ein hohes Ziel. „Wir haben ja nur sie. Wer weiß, wie viele Enkelkinder wir bekommen" hat die Oma einmal gesagt und mich damit zum Nachdenken gebracht.

In gewisser Hinsicht kann ich die Ängste auch nachvollziehen, denn auch ich musste mich daran gewöhnen, dass mein Kind alleine zur Schule geht und wieder nach Hause kommt. Ich wusste, ich kann es ihr zutrauen, ich wusste, dass sie schon so weit ist.

Aber woher sollen das die Großeltern wissen, die nicht auf engstem Raum mit ihr zusammenleben und sie im Alltag erleben? Sie können es nicht. Und natürlich haben sie mit ihren Befürchtungen und Ängsten auch Recht - ich kann den Fall des Falles nicht ausschließen. Ich kann nicht dafür sorgen, dass jeder Autofahrer die rote Ampel beachtet und auch stehen bleibt. Aber ich traue meinem Kind zu, vorsichtig und achtsam zu sein.

Genauso begleite ich mein Kind gerne bei ihren Abenteuern und freue mich, wenn sie mir nach einem aufregenden Nachmittag im Wald oder Unterholz von ihren Erlebnissen berichten. Da spielt sich das wahre Leben ab, da bekommt sie das, was sie braucht.

Ich werde weiterhin gegen Windmühlen kämpfen und darüber diskutieren, wieviel ich meinem Kind erlaube und wieviel Freiheiten ich ihr einräume. Wenn sich die Oma schon nicht von mir überzeugen lässt, dann lässt sie sich hoffentlich auf eine Abenteuerreise ihrer Enkelin mitnehmen und taucht mit ihr in Geschichten ein, die sie nur erzählen kann, weil sie nicht angeleitet wurde.

Die Autorin betreibt den Blog Welovefamily.

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