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02/03/2016 09:40 CET | Aktualisiert 03/03/2017 06:12 CET

Ein Brief einer Schweizerin an Campino

Anthony Brown via Getty Images

"Lieber Campino

Es ist unwahrscheinlich, dass du diese Zeilen je persönlich lesen wirst. Ich würde mich sehr darüber freuen! Mein Dank richtet sich aber auch an den Rest der Band, an euer ganzes Team und die Fans, die das möglich machen.

Ich möchte euch von Herzen für eure Musik danken! Sie hat mich unglaublich geprägt und ist mitverantwortlich dafür, was ich heute für ein Mensch bin. Wie oft haben mir eure Lieder bei Trennungsschmerz geholfen.

Wir stimmten diesen Sonntag in der Schweiz über die Durchsetzungsinitiative ab. Sie wollte, dass kriminelle Ausländer ohne wenn und aber und ohne Beurteilung durch einen Richter ausgeschafft werden. Im Delikten-Katalog sind viele Bagatellen.

Mein Mann ist Deutscher und überholt gerne rechts. Es ist in der Schweiz eben auch schon rechts überholen, wenn man einfach rechts vorbeifährt, was in Deutschland anscheinend erlaubt ist.

Wir wären also raus wegen sowas. Oder Drogenhandel, also mit zuviel Gras erwischt werden. Oder Sozialbetrug, also zum Beispiel zwei Monate vergessen, das Kindergeld abzumelden, wenn die 17-Jährige Tochter die Ausbildung abbricht.

Am Zürcher HB liefen Hackenkreuze mit einem NEIN über den Bildschirm.

Die Ausländer in der Schweiz hatten eine riesige Angst, dass diese Initiative durchkommt und sie danach kein sicheres Leben mehr führen können. Wir haben Angst, dass ausländische Freunde wegen Bagatellen ausgeschafft werden.

Es bildete sich eine riesige Gegenbewegung, Politiker aller anderen Parteien sprachen sich vehement gegen die DSI aus, auch aus den Reihen der rechts konservativen SVP selbst, der Initianten.

Am Zürcher HB liefen Hackenkreuze mit einem NEIN über den Bildschirm. Alle sind dagegen, außer den Initianten selbst und leider eine grosse Menge SVP-Schäfchen, die sich nicht genau informieren. Leider haben wir zu lange zugeschaut und diese SVP mit ihrer Propaganda-Politik zu mächtig werden lassen.

Jetzt wird in dieser Debatte natürlich wie nach Silvester in Köln das Thema "Gewalt an Frauen" instrumentalisiert, um Hass zu schüren. Die bösen, bösen Ausländer sind die Einzigen, die Frauen gegenüber gewalttätig sind und müssen raus. Und dieser Punkt macht mir besondere Mühe.

Ich bin vor Jahren einmal beim Joggen im Wald fast vergewaltigt worden. Meine richtige Reaktion hat mich vermutlich gerettet, aber die Angst und das Gefühl ausgeliefert zu sein war trotzdem da. Ich hatte noch nie in meinem Leben solche Angst. Es war ein Schweizer und er ist ohne Strafe davongekommen. Ich habe den Vorfall damals der Polizei gemeldet, meinen besten Freundinnen und meinem damaligen Freund, inzwischen Ehemann, erzählt.

Wer denkt bei der Gewaltdebatte an die Opfer? Wer nimmt mich ernst?

Wenn über Gewalt an Frauen diskutiert wird und dieses Thema instrumentalisiert wird für irgendwelchen komischen Initiativen oder sonstige Propaganda, frage ich mich schon, wer denkt wirklich an die Opfer?

Ich habe das Erlebnis jahrelang verdrängt, aber jetzt wo man nicht um das Thema herumkommt in den Medien, ist es wieder hochgekommen und ich versuche es zu verarbeiten und darüber zu reden. Dabei habe ich festgestellt, dass die Gesellschaft mich nicht ernst nimmt.

Ich höre zur Zeit Sachen, auch von engstehenden Menschen wie "Du übertreibst, das war nicht so schlimm" oder "Das ist ganz ein lieber Kerl, ich kenne ihn, der hätte dir nichts getan", "Hättest halt nicht alleine in den Wald gehen müssen!" oder "Es ist ja nichts passiert."

Es war aber ich, die in dieser Situation war, daher kann ich doch beurteilen, wie schlimm es für mich war und ob er mir was getan hätte. Und für mich war es schlimm. Für mich ist nicht "nichts" passiert. Das macht mich sehr traurig.

Tatsächlich weine ich zur Zeit viel. Ich kann kaum schlafen, weil ich so viel denken muss.

Es ist nicht mal mehr das Erlebte an sich, sondern wie die Menschen damit umgehen, wie auch andere Opfer nicht ernst genommen werden. Als wäre es nichts Schlimmes, wenn ein Schweizer ein Gewaltverbrechen an einer Frau verüben wollte...

Deswegen will ich dir danken! Einmal mehr im Leben hilft mir eure Musik sehr und macht mir Mut! Ich glaube sogar eure Musik rettet Leben!

"Was zählt" war unser Hochzeitssong. Wenn ich mir ab und zu ältere Songs anhöre, fällt es mir wie Schuppen von den Augen, woher meine politische Einstellung kommt. Wenn ich mir eine Religion aussuchen müsste, wäre es das Hosentum und du mein Prophet ;)

Ich habe im Moment eine schwierige Zeit. Letzten Sommer haben wir einen Sohn bekommen und sind darüber überglücklich. Am 14. August 2015 konnte ich leider mit Wehmut nicht im Letzigrund Zürich sein, weil ich gerade im Spital ein Neugeborenes im Arm hielt ;)

Dann kam Paris. Ich wollte wissen, wer verantwortlich ist.

Etwa zeitgleich fing die Flüchtlingskrise an, die mich an sich schon emotional belastet hat. Wenn über tote Kinder berichtet wurde, sah ich unseren Kleinen an und stellte mir das Gefühl vor, wenn ihm etwas passieren würde.

Dann kam Paris. Das war der Zeitpunkt, zu welchem ich wissen wollte, wer jetzt genau dafür verantwortlich ist, dass ich nicht mehr ohne komisches Gefühl und Bilder im Kopf auf ein Rockkonzert kann.

Ich habe recherchiert, es herausgefunden und wollte darüber reden. Mit Freunden, auf Facebook, ich hab es auch auf politischen Diskussionsplattformen versucht. Keiner hat mich ernst genommen. Insbesondere ältere Männer haben mich belächelt.

Ich sagte: Ich kämpfe dafür, dass das Kind, das ich gerade in diese Welt gesetzt habe, nicht im 3. Weltkrieg aufwachsen muss.

Als Antwort hörte ich Sachen, wie "Es hatten schon viele Mütter Angst um ihre Kinder". Er hätte ja gleich schreiben können: "Ab an den Herd mit dir, Mutti!".

Weihnachten war unerträglich, dieses Geheuchel. Während die Menschen um mich fröhlich sich selbst beweihräuchert und teures Essen in sich gestopft haben, hätte ich kotzen können, wenn Tag für Tag darüber berichtet wurde, wie viele Kinder wieder ertrunken sind, wie vielen Menschen es elend geht.

Da habe ich beschlossen, ein Buch zu schreiben. Vielleicht lassen sich die Leute besser auf bestimmte Dinge aufmerksam machen, wenn es in einem Liebesroman verpackt ist. Das habe ich getan. Du, bzw. ihr kommt darin auch vor: Das klappt soweit ganz gut, bis auf die notorischen Realitätsverweigerer habe ich erste gute Rezensionen erhalten.

Wenn ich mir "Steh auf, wenn du am Boden bist" oder "Frauen dieser Welt" anhöre, geht es mir viel besser! Dann habe ich das Gefühl, verstanden zu werden! Ich hoffe darauf, "Die letzte Schlacht" gewinnen wir. Vielleicht können wir dann irgendwann mal sagen "Wünsch dir was". Von tiefstem Herzen vielen, vielen Dank dafür!

Ganz liebe Grüsse aus der Schweiz, Sylvia

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