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04/02/2016 06:24 CET | Aktualisiert 16/02/2017 06:12 CET

Was, wenn mein Grapscher ein Flüchtling gewesen wäre

KENZO TRIBOUILLARD via Getty Images

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Ich habe Jennifers Bericht "Wie ich als Gast den Übergriff eines Masseurs erlebte" gelesen und kann dieses "wie gelähmt sein" sehr gut nachvollziehen.

Bedenklich finde ich die Kommentare von überwiegend Männern unter Jennifers Bericht, die behaupten sie wäre selbst schuld, sie hätte ja gehen können. Die Überheblichkeit von jemandem, der ziemlich sicher noch nie so etwas erlebt hat, ansonsten würde er das nicht schreiben, wissen zu wollen, wie man sich in einer solchen Situation fühlt, ist unerträglich.

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Es spielt dabei keine Rolle, ob Mann oder Frau betroffen ist. Es ist nun mal aber so, dass nicht ausschließlich, aber hauptsächlich Frauen Opfer von solchen Übergriffen werden. Mein Mann hat es mir bestätigt. Er ist so gut er kann für mich da. Aber er gibt zu, dass er die Gefühle, die in einer Frau in einer solchen Situation vorgehen, nicht nachvollziehen kann. Schlichtweg weil er als kräftig gebauter Mann diese Art von Angst nicht kennt.

Man kann Tipps geben. Es wäre im Fall von Jennifer tatsächlich wichtig, diesen Masseur darauf aufmerksam zu machen, dass sein Verhalten nicht richtig war und ihn anzuhalten, seinen Job professionell auszuüben.

Vielleicht ist es an der Zeit, wirklich darüber zu reden.

Vielleicht hat sie das beim Management auch getan. Es ist aber sicher keine gute Idee, einer Frau vorzuwerfen, sie sei selbst schuld. Das ist brutal! Das redet sie sich bis zu dem Moment, wo sie ihr Schweigen bricht und den Vorfall ausformuliert ja selbst ein. Daher wäre es eher angebracht ihr Mut zu machen.

Vermutlich passieren solche Sachen viel öfter als man denkt und als Frau schämt man sich danach und denkt tatsächlich, man war selber Schuld oder so schlimm ist es ja gar nicht gewesen. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit darüber zu reden.

Es kann auch eine Befreiung sein, sich die Sache von der Seele zu schreiben. Deswegen habe ich mich entschlossen, auch meine Geschichte mit euch zu teilen. Und vermutlich kann es jemand, der selbst ähnliches erlebt hat, besser verstehen.

Über die Belästigung stand nichts in der Zeitung

Vorab möchte ich erwähnen, ich habe den Vorfall am Tag danach der Polizei gemeldet. Ich habe mich sehr ernst genommen gefühlt und zwei Tage später konnte ich den Täter auf einem Bild identifizieren. Er war der Polizei bereits bekannt und sie haben ihn entsprechend zur Rede gestellt.

Für eine Anzeige hat es nicht gereicht, weil "eigentlich" gar nichts passiert ist. Was mich aber irritierte war, dass darüber nichts in den Zeitungen stand, nicht einmal eine kurze Pressemitteilung.

Ich hätte das wichtig gefunden, da es vielleicht die eine oder andere Frau, die auch ab und zu im Wald unterwegs ist, etwas vorsichtiger hätte werden lassen, wenn sie wüsste, wer sich da zurzeit rumtreibt und nicht festgenommen wurde. Denn es war nicht auszuschließen, dass der Betroffene mutiger wird und es, vielleicht mit mehr Erfolg, wieder versucht.

Ich habe gegoogelt, andere "versuchte Vergewaltigungen" wurden in der Presse herumgezogen, meist wurde dabei erwähnt, dass der Täter dunkelhäutig war oder einen ausländischen Akzent hatte. Wieso also wurde mein Fall nicht zumindest in einem kleinen Artikel in der Lokalzeitung erwähnt?

Ich vermute, dass nichts darüber berichtet wurde, lag daran, dass der Täter Schweizer war.

Der Vorfall fand in der Schweiz statt. Auch wir haben Parteien, die gerne Ausländerfeindlichkeit schüren, weil das nun mal Wähler bringt. Sie haben leider dadurch sehr großen Einfluss und viel Geld. Ich vermute, dass nichts darüber berichtet wurde, lag daran, dass der Täter Schweizer war.

Und die Tatsache, dass es anscheinend eine Rolle spielt, welche Nationalität der Täter hatte, ob darüber berichtet wird oder nicht, macht mir Angst und ich fühle mich dabei als Spielball der Politik.

Nun also dazu, was passiert ist: Es war ein warmer Sonntag Anfang September 2008. Ich ging wie so oft Joggen im nahegelegenen Wald, damals noch ohne Handy, nur mit einem MP3-Player. Zynische Zungen könnten sagen, ich hätte es provoziert, weil ich nur eine halblange Jogginghose und ein enges T-Shirt anhatte.

Kurz darauf überholte er mich mit seinem Mofa und hielt wenige Meter vor mir wieder an.

Aber es sind sich ja alle einig, dass wir keine Burkas tragen sollen. Ich joggte also bis ich von weitem einen kräftigen Mann sah, vielleicht Mitte 30, der auf seinem stehenden Mofa saß und in sein Handy tippte. Ich dachte mir nichts dabei und joggte an ihm vorbei. Kurz darauf überholte er mich mit seinem Mofa und hielt wenige Meter vor mir wieder an.

Ich fand das etwas merkwürdig, joggte aber wieder an ihm vorbei, als ob nichts wäre. Kurz darauf dasselbe Spiel nochmal. Langsam wurde mir etwas mulmig. Ich erreichte kurz darauf eine Unterführung, die unter einer Bahnlinie durchging.

Auf der anderen Seite war eine Treppe. Diese ging ich hoch, in der Annahme, dass er mir die Treppe hoch mit seinem Mofa nicht folgen würde. Vermutlich etwas naiv, aber was soll man in einer solchen Situation schon denken.

Ich joggte weiter und als ich mich nach kurzer Zeit nochmal umdrehte, gefror mir das Blut in den Adern, als ich sah, wie er sein Mofa die Treppe hochtrug. Das war der Moment, in dem es nicht mehr nur Paranoia sein konnte.

Tausende von Gedanken schossen mir durch den Kopf. Man kann sagen, ich hatte Todesangst. Schließlich wusste ich ja nicht, was er von mir wollte, ob er mich "nur" vergewaltigen will oder schlussendlich sogar umbringt. Ich überlegte, was für Möglichkeiten ich hatte.

Mir fiel beim besten Willen nichts ein, außer einfach weiter zu rennen und so zu tun, als wäre nichts.

Vom Waldweg weg in den dichteren Wald rennen? Wenn er schneller war als ich, was gut möglich war, eine schlechte Idee, dort würde ich noch schlechter gehört oder gefunden und hätte auch keine Chance mehr, das vielleicht ein Velofahrer vorbeikommt. Über die Bahngleise wieder auf die andere Seite?

Das würde ihn eventuell dazu bringen, abzusteigen und mir nachzurennen, auch keine gute Idee. Mir fiel beim besten Willen nichts ein, außer einfach weiter zu rennen und so zu tun, als wäre nichts. Ich hörte die Motorgeräusche seines Mofas näher kommen. Mein Herz pochte. Als er an mir vorbeifuhr, schloss ich die Augen und zuckte zusammen.

Aber er fuhr weiter. Sollte ich umdrehen? Er war aber mit seinem Mofa nun mal schneller als ich, auch das würde nichts bringen. Kurz darauf nahm der Waldweg eine Vergabelung, dazwischen war Wiese. Er fuhr ein Stück auf den linken Weg der Vergabelung und hielt an. Ich nahm logischerweise den rechten Weg. Dann sah ich im Augenwinkel, wie er abstieg und auf mich los rannte.

Ich bekam Panik und beschleunigte ebenfalls, ich rannte so schnell ich konnte. Er war groß und kräftig, ich schätze ihn sicher auf gut über 100 Kg. Es war klar, dass ich mit meinen 1.60, gerade mal vielleicht halb so schwer und ohne Ausbildung in einer Kampfsportart, körperlich keine Chance hatte.

Er war bereits dicht hinter mir, stoppte ebenfalls und packte mich an den Schultern.

Mitten im Wald würde mich auch niemand hören. Ich blickte zurück und sah, dass er näher kam. Er war schneller. Ich sah mich schon auf dem Waldboden liegen. Es war völlig sinnlos weiter zu rennen, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Also blieb ich stehen und drehte mich um. Er war bereits dicht hinter mir, stoppte ebenfalls und packte mich an den Schultern.

Ich starrte einen Moment lang in seine Augen. Sie waren voller Hass und Wut. Mit zittriger Stimme flehte ich: „Bitte lass mich los!" Ich starrte weiter in seine Augen, die Angst muss mir ins Gesicht geschrieben gewesen sein, ich habe wohl wie ein Häufchen Elend gewirkt. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Mit einem leichten Kopfschütteln wirkte er plötzlich überrascht. Dann lies er mich los und sagte: „Sorry!"

Ich bin so schnell ich konnte nach Hause gerannt und habe lange geduscht. Ich habe den Vorfall der Polizei und meinen engsten Freundinnen erzählt. Danach habe ich es verdrängt, jahrelang. Ich habe mir keine weiteren Gedanken dazu gemacht, er blieb einfach "der Spinner von damals im Wald" und "es ist ja nichts passiert".

Übergriffe gegen Frauen verüben nicht nur Ausländer

Erst vor kurzem, gerade seit die Debatte über Gewalt an Frauen aufblüht und ich selbst ein Buch geschrieben habe, in dem eine versuchte Vergewaltigung vorkommt, Unterbewusstsein lässt grüßen, kam es mir wieder in den Sinn.

Jetzt habe ich mir die ganze Geschichte nochmals eingehend durch den Kopf gehen lassen. Ich habe mir überlegt, was wohl in seinem Kopf vorging, während er mich verfolgt hat. Hat er Pläne geschmiedet, was er mit mir machen werde? War ich in dem Augenblick stellvertretend für seinen ganzen Hass auf Frauen?

Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es meine instinktive Reaktion war, die mich gerettet hat. Die Tatsache, dass ich mich "ergeben" hatte. Damit hatte er vermutlich nicht gerechnet. Wenn ich weitergerannt wäre, er mich angefallen, auf den Boden geworfen und ich mich gewehrt hätte, wäre es vermutlich nicht so glimpflich verlaufen.

Das hätte seine Wut nur noch mehr angeheizt. Wenn ich daran denke, wird mir heute noch schlecht. Erst jetzt ist mir bewusst geworden, dass es gar nicht darum geht, was passiert ist, sondern darum, was hätte passieren können, um die Angst, die ich hatte und wie knapp ich an einer Vergewaltigung vorbeigekommen bin.

Hätte ich bei der Polizei "ausländisches Aussehen" erwähnt, wäre es vermutlich auf der Titelseite gelandet.

Ich habe mich auch bei der Polizei erkundigt, weshalb es denn nicht einmal eine kurze Pressemitteilung zu meinem Fall gegeben hatte. Natürlich wäre ich nicht namentlich erwähnt worden, ich wäre einfach „eine Joggerin" gewesen, die Diskretion hätte ja gewahrt werden können. Es wäre einfach darum gegangen, andere Frauen darauf aufmerksam zu machen, im betroffenen Wald vorsichtig zu sein, solange der Mann frei herumläuft.

Die Antwort war, dass sie mit Sexualdelikten zum Schutz der Opfer sehr diskret vorgehen. Komischerweise tun sie das bei jenen mit ausländischen Tätern nicht.

Ich bin der Meinung, dass ein Mann, der eine Joggerin im Wald verfolgt und ihr schliesslich nachrennt, zumindest einen kleinen Artikel in der Zeitung wert gewesen wäre. Er wollte ja wohl kaum nach Feuer fragen. Hätte ich bei der Polizei "ausländisches Aussehen" erwähnt, wäre es vermutlich auf der Titelseite gelandet. Und das stimmt mich wirklich hilflos und traurig.

Nach den Übergriffen in Köln war der Aufschrei groß. Auf einmal interessierten sich alle für die Situationen von Frauen in Deutschland. Die alltäglichen Belästigungen, Fummeleien oder Kommentare, die viele von ihnen ertragen müssen.

Einige Wochen später ist das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Die vielen engagierten Frauenrechtler von Anfang Januar sind verstummt. Dabei müssen wir über dieses Thema sprechen.

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