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01/09/2015 10:18 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 07:12 CEST

Lebendige Münzen

Ridofranz via Getty Images

Als Ende der 1980er Jahre in einem kleinen Aufsatz der Zeitschrift „Merkur" vielleicht zum ersten Mal der Begriff „Aufmerksamkeitsökonomie" auftauchte, hielt man den Autor des Textes, den Ökonomen Georg Franck, für recht verstiegen.

Dabei war sein Gedanke alles andere als abwegig. Da Geld nicht mehr durch eine materielle Substanz (Gold) gedeckt war, stellte er die simple Frage, was denn unter den Bedingungen der Massenproduktion überhaupt noch knapp sei. Und diese Frage hat sich im Zuge der Digitalisierung sogar noch deutlich verschärft.

Die Antwort: In der digitalen Welt lässt sich alles nach Belieben vervielfältigen, nur eines nicht: die Aufmerksamkeit des Konsumenten. Man kann nicht gleichzeitig zwei Filme schauen, zwei Bücher lesen oder zwei Reisen unternehmen.

Die gleichsam organische Begrenztheit der Aufmerksamkeit des Nutzers oder Konsumenten tritt an die Stelle der natürlichen Knappheit des Goldes oder der Güter, einer Knappheit, auf der die gesamte Geldwirtschaft gründet. Und da nun auch die Produzenten um dieses knappe Gut konkurrieren, kann man es als eine neue Währung auffassen.

Die Anzahl der Klicks, Hits und Likes bestimmt zunehmend den Attraktivitätsstatus einer Person oder eines Produkts. Das ist nicht bloß eine Binsenweisheit in unserem Internet-Alltag, sondern ein grundlegend neues Ökonomiekonzept.

Der Preis einer Sache bemisst sich nicht mehr an der Seltenheit eines Gutes, sondern an seiner Wahrnehmung durch möglichst viele Personen. Die Kommunikation selbst wird gewissermaßen kapitalisiert und der Einzelne zu einer Art lebendigen Münze.

Was daraus folgt, ist noch nicht recht absehbar, wird aber grundstürzend sein. Wenn die „Wertschöpfung" von den Produzenten auf die Konsumenten übergeht, die mit ihrer Aufmerksamkeit „bezahlen" und für ihre Aufmerksamkeit irgendwann auch bezahlt werden wollen, wird nichts mehr bleiben, wie es ist.

Konsequent zu Ende gedacht, könnten wir dann das ganze „schöne" Geld - dieses künstlich „knapp gehaltene Nichts", als das es der Geldtheoretiker Hajo Riese einmal bezeichnete - genauso abfackeln wie der Conquistador Cortez seine Schiffe nach der Landung in der Neuen Welt.

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