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11/02/2016 11:19 CET | Aktualisiert 11/02/2017 06:12 CET

Social Media - Nährboden für Hass und Hetze

Gettystock

Facebook war für mich lange Zeit ein Mittel, um Zeit totzuschlagen. Bunte Bilder, pseudo-intelligente Sprüche, die beim Googlen nach 'Intelligente Sprüche' im ersten Eintrag landen würden, sowie ab und an Kommunikation mit Menschen, die keine zwei Kilometer entfernt wohnen, nahmen meine Zeit in Anspruch, nachdem ich es endlich geschafft hatte, den Fernseher gegen ein Uhr morgens auszuschalten, um endlich einmal früh ins Bett zu gehen.

Doch dann lernte ich die Vorteile der Social Media kennen und fing an, meine Gruppen und Interessen zu bündeln, Themen zu diskutieren und über die große Reichweite vor allem meine Meinung zu verbreiten. Ich maße es mir an, die Reichweite und den Einfluss meines Handelns recht gut einschätzen zu können.

Ich denke nach und überlege, was passiert, wenn ich etwas schreibe, teile oder bewerbe. Klare Formulierungen, eine gewisse inhaltliche Struktur, sowie die notwendigen Basics deutscher Rechtschreibung sind einfache Werkzeuge, dieses Ziel zu erreichen.

Ein Mangel an Bildung beraubt uns der Möglichkeit einer kritischen Medienbetrachtung

Heute wird Social Media vor allem durch Menschen beherrscht, denen die Fähigkeit abhandengekommen ist - oder nie vorhanden war - das Ausmaß ihrer Inkompetenz zu erkennen und einschätzen zu können (auch Dunning-Kruger-Effekt genannt).

Ich habe weiterhin die Hoffnung, dass es eine quantitative Minderheit der User betrifft, die jedoch, eben aus oben genanntem Grund, flächendeckend geistige Entgleisungen jeglichem mentalen Verstands in der Bevölkerung säen und diese ohne Wenn und Aber aufgenommen und lawinenartig verbreitet werden.

Allein durch die Masse des tagtäglichen Bombardements an geistig minderqualifizierten Nachrichten (ob privat oder kommerziell sei dahingestellt), wird der durchschnittliche Mitbürger unterbewusst derart anpolitisiert, so dass die eigentlich eigene Einstellung verdrängt und im schlimmsten Fall sogar durch eine konträre, extreme Ansicht ersetzt wird, die somit die eigene wird. Und dort liegt auch das Problem.

Ohne auf politische Themen eingehen zu wollen, ist es allgemein hin offen erkennbar, wie uns ein Mangel an Bildung und Aufklärung der Möglichkeit beraubt, kritisch mit Medien umzugehen und diese zu hinterfragen. Gefährlich wird es, wenn Personen mit gesunder Selbsteinschätzung und der Gabe, ihren Einfluss abschätzen zu können, dieses Wissen zu nutzen beginnen, um antidemokratische und antihumanistische Ideologien über soziale Netzwerke viral gehen zu lassen.

Nichts aus der deutschen Geschichte gelernt zu haben, gepaart mit einer gefährlichen Ignoranz hinsichtlich unseres Werte- und Rechtssystems, ermutigt Mitmenschen zu nicht haltbaren, verbalen Entgleisungen wie dem Ausrufen von Selbstjustiz und der versuchten Etablierung von Bürgerwehren - gesehen in allen Bildungs- und Sozialschichten.

Wenn ich mich in der Vergangenheit über Posts unter dem Deckmantel der Anonymität aufregte, dann geschah dies in schwacher Frequenz verglichen mit den heutigen öffentlichen Bekundungen eigener „Sorgen", die selbst ohne besondere Intention zu Stimmungsmache führen.

Wohlfühlzone World Wide Web

Ich werde überflutet von geteilten Medienartikeln sämtlicher Herkunft und Gesinnung, komplettiert durch einen mehr oder weniger kurzen, aber persönlichen Kommentar. Wenn ich wüsste, dass sich die „Teiler" mit dem Inhalt auseinandergesetzt hätten und in der Lage wären, diesen einzuschätzen - wie beruhigend könnte man dies ernst nehmen.

Leider muss ich zu der festen Überzeugung kommen, dass ein großer Teil dieser Berichte auf Grund ihrer Überschrift geteilt wird - vielleicht auch wegen eines Fotos, welches gerade die eigene Stimmung untermauert und einem das wohlige Gefühl vorgaukelt, verstanden zu werden.

Wir brauchen mehr Bürger, die unsere Werte öffentlich vertreten

Wie viele andere Städte auch, haben wir eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Du bist *Name der Stadt*er, wenn...". Bis vor kurzem: schöne Idee! Interessante Infos, nette Fotos meiner Heimatstadt und vieles mehr. Heute sind es 4189 Mitglieder, in einer Stadt mit knapp 25000 Einwohnern.

Abzüglich der Senioren ohne Facebook (wir sind stark überaltert) und der Kinder und Kleinkinder würde ich schätzen, dass etwa die Hälfte unserer Mitbürger auf dieses Forum zugreifen kann. Geht man davon aus, dass Menschen auch privat Kontakt pflegen und analog miteinander kommunizieren, erreicht dieses Format früher oder später alle. Innerhalb kürzester Zeit. Ungefiltert.

Das heißt, jeder der gerade mitteilungsbedürftig ist hat die Möglichkeit, die gesamte Bevölkerung mit seinem unqualifizierten Inhalt zu erreichen, ohne sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst zu sein. Dies führt zu einem inflationären Verfall aller geäußerten Meinungen, unberührt ihres geistigen Inhalts.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis wieder. Das Problem sind nicht die freien Meinungen (auf die jeder ein Recht hat, sie zu kommunizieren), sondern die Personen, denen die Fähigkeit und eine ausreichende Kompetenz fehlt, Dinge zu hinterfragen, sich kritisch mit dem Inhalt auseinanderzusetzen und diesen im Nichtwissen ihres Einflusses zu verbreiten.

Und wieso sind es meistens diejenigen unter 30, die bedacht und inhaltlich angemessen nach mehr als 100 Kommentaren zu der These „man könne auf Grund der hohen Flüchtlingszahlen in Deutschland ja nicht mehr ohne Waffe (!!) auf die Straße gehen", versuchen, den Hetzparolen unter solchen Forderungen Einhalt zu gebieten?

Beruhigend, dass es junge Menschen gibt, die sich trotz des drohenden Shitstorms auf die eigenen Person den Anfeindungen unserer Werte stellen und sie öffentlich und aus tiefster Überzeugung verteidigen. Und doch gibt es immer noch viel zu wenige, die sich hier äußern und ihre geistige Überlegenheit nutzen, um mit fundierten Argumenten dem laut schreienden Mob Wirkungstreffer zu verpassen.

Wie entspannt wäre es zu sehen, wenn sich die Anzahl der Kommentare mehrerer Sichtweisen zu öffentlich diskutierten Themen in der Waage hielte.

Solange dies nicht geschieht, bieten diese Foren weiterhin Nährboden für jede nicht durchdachte Äußerung mit dimensionsloser Zustimmung, die sich ausbreitet, wie ein Virus. Ein warmes Nest ohne Sorge, sich kritischer Gegenmeinungen ausgesetzt zu fühlen.

Bildung und Aufklärung als Präventivmaßnahmen

Es ist und wird allerhöchste Zeit, digital-mediale Aufklärung in die Ausbildung an Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen zu integrieren.

So viele Vorteile die gesamte gesellschaftliche Digitalisierung auch mit sich bringt - und ich fordere auch weiterhin dazu auf, diese überall zu etablieren - so viele Risiken birgt sie, wenn nicht von Anfang an der Umgang mit ebendieser gelehrt wird - oder viel sinnvoller noch, die eigene Fähigkeit, vermitteltes Wissen hinsichtlich des eigenen Einflusses in „neuen" Medien konstruktiv und mit Bedacht zu nutzen, um emanzipiert mit größeren gesellschaftlichen und politischen Themen zu jonglieren.

Hinsichtlich des kritischen Umgangs mit Medien und Mitmenschen bedeutet das - etwas populärwissenschaftlich ausgedrückt-, dass es Ziel sein sollte,

„durch Bildung oder Übung nicht nur seine Kompetenz zu steigern, sondern auch lernen zu können, sich und andere besser einzuschätzen"
- David Dunning & Justin Kruger, Gewinner des satirischen Ig-Nobelpreises im Bereich Psychologie.

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