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01/09/2015 07:52 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 07:12 CEST

Der wahre Grund, warum Akademikerinnen keine Kinder bekommen sollten

Thinkstock

Seit Monaten suche ich eine neue Arbeit. Teilzeit, bitte, Bereich egal.

Nach meinem Archäologiestudium arbeitete ich über zehn Jahre für eine Lokalzeitung als freie Journalistin. Das ließ sich besser als mein eigentlicher Beruf mit meinen Kindern vereinbaren, brachte allerdings nie allzu viel ein.

Nach meinem Umzug ins Ruhrgebiet wurde es nur bedingt besser, haben wir doch hier eine ausgeprägte Ein-Zeitungs-Landschaft. Durch die Schließung zahlreicher Redaktionen besteht nur ein geringer Bedarf an Journalisten.

Hinzu kommt, in meiner Branche gibt es ein Überangebot an jungen Praktikanten, die zwar oft keine Ahnung von gar nichts haben, die Rechtschreibung nur ansatzweise beherrschen, aber für wenig Geld arbeiten und 24 Stunden an sieben Tagen die Woche verfügbar sind. Dass die Qualität darunter leidet, ist die eine Sache. Das interessiert aber die Verleger nicht.

„Können Sie das denn schaffen mit drei Kindern?"

Gut, in meinem Bereich gibt es nicht so viele Stellen. Also habe ich mal den Blick über den Tellerrand hinausschweifen lassen und habe mich auch branchenfremd beworben. Wie oft ich den Satz „Sie sind überqualifiziert" schon gehört habe, kann ich nicht mehr zählen.

Das Bistum, in dem ich lebe, hatte eine Stelle ausgeschrieben in der Presseabteilung. In der Ausschreibung wurde betont, dass Frauen bevorzugt würden und man großen Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legt. Nach monatelangem Entscheidungsmarathon haben sie eine Frau Anfang Fünfzig eingestellt, die mit Sicherheit keine kleinen Kinder mehr zu versorgen hat. Aber eine Frau, immerhin.

Als ich mich bei meiner alten Zeitung im Bereich Marketing bewarb, wurde ich gefragt: „Können Sie das denn schaffen mit drei Kindern?" Wobei man bedenken muss, mein ältestes „Kind" ist 19, das zweite 15 und die Jüngste vier. Und alleinerziehend bin ich auch nicht. Wäre die Frage auch einem Mann gestellt worden?

Flachpfeifen bevorzugt

Für die „einfachen" Jobs wie zum Bespiel Verkäuferin, die als klassische Müttertätigkeiten gelten, brauche ich mich gar nicht erst zu bewerben. Meist wäre ich besser ausgebildet als der Chef selbst. Da würde ich mich auch nicht einstellen.

In allen Bereichen treffe ich auf Typen, bei denen ich mich wirklich frage, warum haben die den Job und nicht ich.

Die größten Flachpfeifen, denen man kaum zutraut, weiter als bis fünf zu zählen, die wehleidig sind und sich alle naselang krank melden, die beim kleinsten Anzeichen von Mehrarbeit einen Burnout riskieren, nichts wirklich auf die Kette kriegen, die undiszipliniert und mangelhaft organisiert sind, aber es sind eben Männer. Und denen gibt man die Jobs und macht sich keine Gedanken darüber, wer im Fall der Fälle die Kinder betreut.

Man hat mir, kurz nach meiner Zwischenprüfung im Studium, die Leitung eines wirklich renommierten skandinavischen Forschungsprojektes anvertraut. Ich habe, und da war ich auch schon Mutter, Grabungen mit fast fünfzig Mann geleitet, ich habe Zeitungsartikel geschrieben mit fiebernden Kindern auf dem Schoß und nebenbei noch das Essen gekocht.

Überlegt euch das mit dem Kinder kriegen mehr als zweimal

Als an der Hauptschule meines Wohnortes dringend ein Lehrer gesucht wurde, bin ich eingesprungen und habe mich alleine vor eine Klasse pubertierenden Jungvolks gestellt und unterrichtet.

Ich bin krisenfest, lernwillig, zäh, habe gelernt mit Stress und Druck und drei gleichzeitig zu erledigenden Aufgaben umzugehen. Aber man fragt mich allen Ernstes, ob ich eine Teilzeit-Berufstätigkeit, für die keine besondere Qualifikation oder Ausbildung erforderlich ist, mit dem Aufziehen von Kindern (und genau genommen nur einem) verbinden kann.

Vielleicht hätte ich damals alles anders machen und eine einfache Ausbildung machen sollen, statt zu studieren. Vor allem aber hätte ich nicht den Fehler machen dürfen, Kinder zu bekommen.

Meine alten Schulfreundinnen haben keine Kinder, dafür gut bezahlte Jobs. Sie arbeiten sich den Arsch ab, fahren mehrmals im Jahr in Urlaub und genießen ihre Freizeit, in der sie tun können, wozu sie Lust haben. Ich gehöre zu den Frauen, von denen Steuerberater sagen, dass sie von ihren Männern ausgehalten werden. Vielen Dank auch.

Ich möchte nicht tauschen, ganz gewiss nicht. Aber ich hätte verdammt noch mal gerne wieder eine Chance zu beweisen, was ich drauf hab. Und den jungen Frauen, die jetzt gerade studieren, möchte ich raten, überlegt euch das mit dem Kinder kriegen mehr als zweimal.

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