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22/01/2016 07:39 CET | Aktualisiert 16/02/2017 06:12 CET

Warum ich meinen Vergewaltiger nicht angezeigt habe

BugTiger via Getty Images

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Sexualisierte Gewalt - Wenn jede Zelle brennt. Ein Abtauchen in die Dunkelziffern

In ihrem Artikel „Ich Opfer - Warum sexualisierte Gewalt kein harmloses Begrapsche ist" beschreibt Natalya Nepomnyashcha ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Thema. Dabei stellt sie unter anderem die Frage, wie viele Übergriffe wohl nie angezeigt werden.

Diese Frage ist mehr als berechtigt: seit Jahren füllen sich die Medien mit Berichten dazu, wie erniedrigend die Beweissuche zuweilen für die Opfer sein kann, wie selten den betroffenen Frauen Glauben geschenkt wird und wie gering es erscheint, juristische Gerechtigkeit im Falle einer Vergewaltigung zu erfahren.

Schmerzen, Wut, Scham

Ich selber gehöre zu der Dunkelziffer an Frauen, die sich nach einer Vergewaltigung aktiv gegen den juristischen Weg entschieden haben. Jetzt werden Sie (berechtigterweise) fragen: Warum? Welcher Mensch ist, pardon, dumm genug, um so etwas mit sich machen zu lassen und es dann nicht zur Anzeige zu bringen?

Ich weiß nicht, ob meine Begründungen Ihnen reichen werden. Eigentlich sollten sie Ihnen nicht reichen: Ich schäme mich. So, jetzt ist es raus. Ich schäme mich, dass mir so etwas passiert ist. Das ist ein Gefühl, als ob jede Zelle Feuer fangen würde: Schmerzen, Wut und Hilflosigkeit vermischen sich zu einem Konglomerat an Scham, welches mich seitdem auf Schritt und Tritt begleitet.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Aber dafür muss man sich doch nicht schämen. Das ist doch nichts, was man sich ausgesucht hätte. Und dann, wenn Sie mutig sind, dürfte Ihre nächste Frage lauten: Wie konnte das denn überhaupt passieren?

Wenn Grenzen gesprengt werden

Nach den Kölner Übergriffen ging in den sozialen Medien die Aussage herum „Arschlöcher haben keine Nationalität, nur ein Verhalten". So oder so ähnlich. In manchen Fällen ist so ein Arschloch eben ein Freund. Ein Mensch, den man seit Jahren kennt, der einem gegenüber nie auffällig war, mit dem man gefühlt schon hunderte Male alleine war. Mit dem man sich nachmittags einfach nur getroffen hat. Sonst nichts.

Und jetzt fragen Sie vielleicht noch, ob ich mich denn ausreichend gewehrt habe. Meine Antwort: Ja, doch selbst wenn nicht, würden mir Obama und seine „It's on Us" Kampagne Recht geben mit der Aussage, dass doch schon das Ausbleiben meiner Zustimmung reichen sollte, um mein Gegenüber zu stoppen. Geben Sie mir da auch Recht? Wenn ich mich erst wehren muss, sind dann nicht die ersten Schritte gegen meinen Willen bereits unternommen worden?

Was die Psychologie uns lehrt

Bei Vergewaltigungen wird den Opfern meist eine gewisse Mitschuld zugesprochen. War sie alleine nachts unterwegs, am besten noch im Wald oder im Park, war sie „falsch" angezogen, hat sie den Mann unwillentlich zu der Tat ermuntert? War sie gar zu nett zu ihm?

Der Mechanismus ist ein einfacher: In der Sozialpsychologie wird gelehrt, dass der Mensch das Gefühl braucht die Kontrolle über sein eigenes Wohlergehen zu behalten. Frei nach dem Prinzip „Er hat Lungenkrebs. Er hat aber jahrelang geraucht" suchen wir die Schuld bei den Opfern - um uns selbst das Gefühl zu vermitteln, dass uns so etwas nicht passieren wird.

Weil wir auf uns aufpassen. Oder in dem Fall von Köln projizieren wir die Gründe auf den Täter, markieren ihn als Außenseiter. Damit wir dann mit dem Aufschrei zu einer rigorosen Flüchtlingspolitik das Gefühl bekommen, aktiv etwas tun zu können. Für unsere eigene Sicherheit.

Warum wir uns an die Gerichtsbarkeit wenden müssen Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umhöre, bin ich bisweilen nicht die Einzige, die solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Und die Wenigsten suchen rechtliche Hilfe.

Vergewaltigung ist blutig, erniedrigend, schmerzhaft

Dabei ist es genau das Bewusstsein für die Problematik in der Öffentlichkeit, die uns dabei helfen kann, dass solche Taten, egal ob durch Einzel-oder Gruppentäter, weniger werden. Vergewaltigung ist blutig, erniedrigend, schmerzhaft. Aber vor allem verfolgt sie dich.

Wann immer ich eine neue Beziehung beginne, eine Freundschaft zu einem Mann entwickle, einen neuen Kollegen kennen lerne, der Nachbar klingelt um sein Paket abzuholen. Jedes Mal wäge ich die Möglichkeit ab, dass dieser Mensch mir gefährlich werden könnte.

Und dann kommt da wieder das Gefühl von Scham, dass ich etwas falsch gemacht haben könnte vor 8 Jahren. Das ich wirklich Schuld trage. Erzählt habe ich, damals und heute, nur den wenigsten von diesem Vorfall. Weil ich nicht möchte, dass dieses Ereignis Teil meiner Identität wird. Dass meine Freunde und meine Familie mich anschauen und Bilder vor Augen haben von Dingen, die ich nicht wollte. Und genau das ist falsch.

Solidarität und Aufschrei

Ich kann mir die Schmerzen kaum vorstellen, die die Frauen aus Köln bei der medialen Aufbereitung ihres Horrors erleben müssen.

Wir müssen uns jedoch an die Öffentlichkeit und an die Gerichtsbarkeit wenden, um darauf aufmerksam zu machen, dass solche Taten eben nicht nur alleine, im Dunkeln beim Tragen kurzer Röcke durch dunkelhäutige Ausländern begangen werden. Sondern eben doch allgegenwärtiger sind, als wir uns das vielleicht eingestehen wollen in unserer sicher eingezäunten Welt.

Die Folgen sexueller Gewalt sind individuell, jedoch immer von Schmerzen geprägt. Und wir schaffen es nur ihr Einhalt zu gebieten, indem wir offen dagegen vorgehen. Scham nützt den Opfern nichts. Im schlimmsten Falle bestätigt sie noch die Täter. Ich selber habe Jahre gebraucht, um das zu verstehen.

Anmerkung: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text anonymisiert oder unter meinem Namen veröffentlichen möchte. Ich habe mich für die Anonymisierung entschieden. In diesem Falle nicht aus Scham, sondern um meine Privatsphäre zu schützen. Mich an die Öffentlichkeit zu wenden bedeutet für mich in diesem Fall, meine Freunde und Familie einzuweihen. Und nun doch einen Anwalt zu kontaktieren.

Nach den Übergriffen in Köln war der Aufschrei groß. Auf einmal interessierten sich alle für die Situationen von Frauen in Deutschland. Die alltäglichen Belästigungen, Fummeleien oder Kommentare, die viele von ihnen ertragen müssen.

Einige Wochen später ist das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Die vielen engagierten Frauenrechtler von Anfang Januar sind verstummt. Dabei müssen wir über dieses Thema sprechen.

Wir wollen eure Meinungen, eure Geschichten, euren Aufschrei - gemeinsam machen wir den Tätern und auch der Politik klar, dass es so nicht weitergehen kann. Frauen dürfen in Deutschland nicht mehr Opfer sexueller Gewalt werden. Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de

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