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01/02/2016 11:50 CET | Aktualisiert 01/02/2017 06:12 CET

So will die griechische Jugend ihr Land verändern

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Sechs Jahre geballte europäische Aufmerksamkeit sind an der griechischen Bevölkerung nicht spurlos vorbeigegangen - und auch an der griechischen Jugend nicht. Griechenland ist politisiert, vielleicht schon vor „der Krise" immer bereits etwas mehr gewesen, als es in anderen europäischen Staaten üblich ist: die „Wiege der Demokratie", wenn auch als Nation erst so spät wieder zu ihr zurückgekehrt; eine noch junge Republik, diskussionsfreudig, kontrovers, polarisiert, streitlustig.

Eine stolze Nation, zum wiederholten Male getrieben von direkter politischer Einwirkung von außen; in die Defensive geraten. Ein komplexes Wechselspiel von Souveränität, Solidarität, Konditionalität. Sparen, wo es nötig und möglich ist. Ein perfektioniertes System von Fehlanreizen durchbrechen. Eine politische Klasse, überkommen in ihren Strukturen, überfordert von den Entwicklungen, überzeugt von Lösungsmöglichkeiten nach alten Mustern.

Eine junge Generation wächst in Griechenland in diesen neuen Rahmenbedingungen heran. Rahmenbedingungen, die plötzlich so anders als diejenigen der eigenen Elterngeneration sind: beschwingt vom kreditgesegneten Aufstieg in den Konsum der westlichen Industrienationen, früh der Europäischen Gemeinschaft und Eurozone beigetreten.

Eine junge Generation, die den sprunghaften materiellen Wohlstandszuwachs auf seinem Höhepunkt antraf und sich und alle diese Wunder im „annus mirabilis" 2004 feierte: Olympische Spiele, Fußball-Europameister, Eurovision - was sollte noch kommen?

Hartes Erwachen. Eine Jugend, politisiert, noch mehr als ohnehin schon, im Lichte der Ereignisse in ihrem Heimatland, das sie lieben, auf das sie stolz sind und dessen Institutionen sie doch so sehr verachten. Parlament, Präsident, Regierung, Parteien, Universitäten, Militär, Kirche - nur Geringschätzung bleibt übrig. Politisiert, denn es geht um viel in diesem Land: um einen neuen Staat, dessen Verhältnis zu seinem Bürger; und umgekehrt.

Es geht um nationales Selbst-Bewusstsein: sich seiner selbst bewusst sein. Geschichte jenseits der Klitterung, Vergangenheitsbewältigung jenseits der Klischees, europäische Identitätsbildung jenseits von Autobahnbau und Strukturfonds. Es geht um Europa, um die Gemeinschaft, deren Sinn, Solidarität, Vereinbarungen, Rücksicht, Isolation, Gemeinsinn.

All das steht auf der griechischen Tagesordnung - der Politik und der Gesellschaft. Sechs lange Jahre, in sich immer wiederholenden Zyklen, schmerzhaften Höhepunkten, politischen Absurditäten. Politisiert, aber ent-parteipolitisiert. Die große Enttäuschung - zwei Parteien, die die eigenen Wähler bewusst und erkennbar immer wieder in die Irre führen, die Wahrheit offenbar für nicht zumutbar halten. Und die Wähler der Elterngeneration, die bereitwillig mitgehen.

Ein neues Gesicht taucht auf, eine linksradikale Splitterpartei als Option, als die Hoffnung. Dieses Mal geht die Jugend mit: einmal, zweimal, dreimal - Parlamentswahlen, ein unverständliches Referendum, Neuwahlen. Das Mandat ist da, wenn auch von immer weniger Wählern insgesamt, so doch von immer mehr jungen Leuten. Demokratische Legitimation ex negativo und in Ermangelung von Alternativen?

Immer neue Entzauberung parteipolitischer Versprechungen - unter sich verstärkendem Verlust von Glaubwürdigkeit. Institutionenverschleiß. Und doch ist die Jugend da, will sich dem „brain drain" widersetzen, will etwas verändern, die immer wieder nachgefragte Zivilgesellschaft schaffen, gegen die Frustration über die Institutionen. Diese Jugend wird gebraucht für das neue Griechenland - nur sie kann von innen heraus das System neu aufstellen.


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