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12/10/2015 10:45 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Die schlechteste Mutter, die ich je gesehen habe

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Ich höre sie bevor ich sie sehe. Sie ist mürrisch und schnaubt vor sich hin, weil ihr Kleinkind nicht aufhört zu weinen. Ganz offensichtlich hat diese Mutter nicht das Memo bekommen, dass kleine Kinder nunmal weinen. Das Kind klammert sich an das Bein der Frau und fleht sie an, getragen zu werden. "Hoch! Hoch!" sagt ihre kleine Stimme wieder und wieder.

Die Frau scheint tatsächlich wütend zu sein, dass ihr eigenes Kind von ihr in den Arm genommen werden will! Vielleicht sollte diese Frau mal versuchen, ein bisschen dankbarer zu sein. Es gibt überall auf der Welt Menschen, die für so ein süßes Kind töten würden. Für ein gesundes Kind ... für ein Kind.

Als ich um die Ecke biege, erhasche ich endlich einen Blick auf dieses Chaos von einer Mutter. Da ist sie in all ihrem Ausmaß: rotes Gesicht und verrückte Augen. Als sie meinen Blick bemerkt, versucht sie, ein bisschen sanfter zu sein. Es ist ihr offenbar peinlich, dass jemand diese Tirade mitbekommt. Sie kann sich anstrengen, wie sie will, aber die Wut, die unter der Oberfläche in ihr brodelt, kann sie nicht verstecken.

Sie ignoriert weiter ihr wundervolles Kind, das nach Aufmerksamkeit verlangt und schreibt lieber eine SMS schreibt, als sich ihrer Tochter zu widmen, die sie um Hilfe bei einem Aufgabenbuch bittet. Ein AUFGABENBUCH! Was würden wir anderen nicht darum geben, dass unsere Kinder freiwillig die Buchstaben des Alphabets lernen wollten! Diese Mutter weiß nicht, wie gut sie es hat und ihrem irritierten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, weiß sie es auch sicher nicht zu schätzen.

"WIE OFT MUSS ICH DIR DAS NOCH SAGEN?!"

Jetzt bellt sie ihren Sohn an, der sofort unter ihrer harten Stimme zusammensackt. Durch die Zähne und geschürzte Lippen zischt sie Worte, die zu Waffen werden. Ein brodelndes "Ok?" aus ihrem Mund wird zu einem Messer mit scharfer Klinge, bereit zu schneiden. Ich frage mich, ob sie irgendeine Ahnung hat, wie angsteinflößend sie aussieht. Wenn ich ihr Kind wäre, ich hätte eine Heidenangst vor dieser Frau.

Ein Grummeln macht sich aus ihrem Bauch auf den Weg durch ihren Hals und explodiert dann aus ihr heraus in die Luft.

BEEIL DICH!

JETZT!

WAS HABE ICH GERADE GESAGT?!

Die Kinder werden mit heftigen Seufzern überschüttet und ihre Augen sprechen Bände. Sie sagen: Ich habe keine Geduld für dich und dein alterstypisches Verhalten und Ihr könnt heute gar nichts richtig machen.

Ich fühle mich, als würde ich gleich einen schrecklichen Autounfall sehen, den ich auch nicht aufhalten könnte, wenn ich mich zwischen die Autos auf die Straße werfe.

Ich kann gar nicht hinsehen, aber dann habe ich plötzlich Augenkontakt zu der Frau im Spiegel. Für den Bruchteil einer Sekunde höre ich nichts. Alles ist still. Ich sehe nach unten zu meinem Baby, das schreit, weil es so erschöpft ist. Ich verspreche meiner Vierjährigen, dass ich ihr helfen werde, die Punkte in ihrem Aufgabenbuch miteinander zu verbinden, sobald ich das Wasser aufgewischt habe, das ihr sechsjähriger Bruder mit seinen nächtlichen Dusch-Aktionen auf dem Boden verteilt hat.

Die Arbeit war verrückt, aber um 20 Uhr habe ich endlich Feierabend gemacht und mein Handy weggelegt, damit nicht doch noch ein Problem auftauchen kann. Ich hasse, wie ich mich heute verhalten habe. Ich habe mein Kinder nicht zu schätzen gewusst und ihnen auch nicht genug Liebe gegeben.

Ich habe auf ihre Fragen mit Desinteresse geantwortet und so getan als würde ich zuhören als sie "Mami! Schau!" gerufen haben. Weil ich Dingen, die es nicht wert sind, erlaubt habe, mir meine Energie zu rauben. Tiefe Atemzüge sollten eigentlich beim Entspannen helfen, aber je mehr ich nach Luft schnappe, desto erstickter fühle ich mich. Ich sehe noch einmal in den Spiegel.

Bin ich das? Das sieht nicht aus wie ich.

Ich sehe meine Kinder an. Sie sehen aus wie ich.

Obwohl ich ihnen heute nicht das gegeben habe, was sie verdient hätten, geben sie mir dennoch genau das, was ich brauche. Meine Kinder sind unschuldig und verständnisvoll und zärtlich. Sogar an meinen schlimmsten Tagen zögern sie nicht, sich in meine Arme zu schmiegen, sofort allen Ärger und mein schlechtes Verhalten zu vergessen. Meine Kinder sind bedingungslose Liebe, selbst wenn ich unbewusst Bedingungen gestellt habe. Sie sind besser als ich es je sein könnte, gütig mit Vergebung und offenen Armen.

Stephanie Jankowski ist dreifache Mutter aus Pittsburgh, Pennsylvania. Ihr Blog When Crazy Meets Exhaustion ist 2011 entstanden. Aus der Not einer zu Hause arbeitenden Mutter, die dringend mal wieder mit Erwachsenen reden wollte. Sagt ihr "Hallo" auf Facebook und Twitter.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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