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13/04/2016 11:43 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

„Dem wahren Schoenen und Guten"

Bert Kohlgraf via Getty Images

Ich stolper aus dem Bus. Die Fahrer sprechen kein deutsch, fahren schnell, jede Minute Verspätung wird ihnen angerechnet. Ich zahle nur 4,50 €uro für die Strecke München Frankfurt. Enge Sitze, keine Beinfreiheit, aber guter Schlaf. Böses, thromböses Gefühl in den Beinen, verfliegt mit den ersten Schritten. Touristen und Studenten laufen neben mir. Ein fremder Akzent spricht mich an „Hast du ein Euro? Brauche sieben für Rückfahrt". Zu früh und zu dunkel, um das Kleingeld zu suchen. „Nein Mann, hab nix".

Ich suche meinen Weg zum Bahnhof, um mich aufzuwärmen. Erster Gang zur Toilette. Helles Neonlicht, drei Afghanen begrüßen mich ungläubig, nur einer arbeitet im weißen Gewand. Er führt gerade einen Freund in die hinteren Toilettenbereiche, als ob es sein Palast wäre und ein Privileg hier zu arbeiten. Alles besetzt, aber die Waschbecken sind frei. Zähne, frisches Hemd und das Wasser perlt kalt von der Nase. Alles sensoriert, deoderiert und rationiert. Morgenfrühe Diarrhö.

Suche nach dem Glück

Die automatischen Türen schieben mich nach draußen und zum wärmenden Kaffee. Ein Inder begrüßt mich mit dem Lächeln, dass ich jetzt brauche, Nussschnecke und großen Latte, mehr fällt mir nicht ein. Ich lese Epikur und die Suche nach dem Glück, aus der Ecke des Bistros blicke ich auf die Gleise, eine riesige Lok steht da, daneben leuchtet ein weißes Zelt, dass den Zugang zum linken Gleis verdeckt. Nur für Flüchtlinge steht auf einem Schild in blauer Schrift, groß in deutschen, kleiner in arabischen und persischen Schriftzeichen.

Ich verlasse Café und Bahnhof und treibe weiter, folge den blauen Punkten auf google maps. Über die Straße, brav den Zebrastreifen benutzen, hinunter und hinüber, vorbei an Büros und Banken, Gebirgen aus Glas. Ein altes Haus sticht heraus, stolz und einsam. Dann die Oper „Dem wahren Schoenen und Guten".

Ein deutsches Trauma

Der Platz wirkt kalt und verödet. Ich gehe um ihn herum, die Kanalreinigung arbeitet und riecht betörend anders. Herum zum Hinterausgang, deutsche Perfektion an Hebebühnen und Rampen bewundernd. Zu einer modernen Welle aus Beton, dahinter die Fünfzigerjahre, eng gedrängt, man riecht Bombenlärm und kann sich die leeren Fensterhöhlen vorstellen, zwischendurch ein rötliches Sandsteingebäude mit Erker und Verzierungen.

Ist das ein deutsches Trauma oder das eines europäischen Historikers, mein Blick fällt zu Boden und stolpert. Ich lese den Namen nicht, es ist noch zu dunkel und ich kenne ihn so oder so. Judith, Emanuel, Itzik, Abraham und wie sie alle heißen und auch nicht mehr. Die Zerstörung von (Multi)Kultur ist allgegenwärtig, während eine neue deutsche Identität heranwächst. Die Häuser, wie die Gesichter der Menschen die hier leben, verändern sich und man kann nur auf eine menschlichere Zukunft für beide hoffen.

2016-03-12-1457779726-7888766-IMG_20160203_110448.jpg Johanna Rosskamm

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