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11/03/2016 10:14 CET | Aktualisiert 12/03/2017 06:12 CET

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

Alexander Koerner via Getty Images

Zwei Jahre multimediale Flüchtlingskrise: 7.780 Tote an den europäischen Außengrenzen, angeklagt wegen unterlassener Hilfeleistung in 7.780 Fällen die Europäische Union mit einem befleckten Friedensnobelpreis. "Das Boot ist voll" bekommt eine völlig neue Bedeutung. Es geht nicht um die Kosten, es geht um die indirekte Unterstützung der Schlepper, der Menschenhändler, Sklaventreiber oder eben Fluchthelfer.

Wut treibt uns auf die Straße des Wohlstands, andere ins Meer. Aufschrei und Hilferuf. Wo ist unsere unangetastete Würde, wo das humanitäre Völkerrecht. Europa versinkt in blutigen Wogen, wenn es die Menschenrechte nicht hochhält. Denn wer will schon in einer Festung leben, umgeben von einem Meer aus Leichen.

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Deutsche U-Boote wieder im Mittelmeer, uneingeschränktes Flüchtlingsdrama

Der Strom der Flüchtlinge wird nicht aufhören zu fließen, solange die Flut anhält, die so viele ins Meer treibt. Rechtspopulistische Triebtäter verlangen die Schleuser an die Wand zu stellen und die Boote zu versenken.

Deutsche U-Boote wieder im Mittelmeer, uneingeschränktes Flüchtlingsdrama. Aber Jauch schweigt zumindest für eine Minute. Konservative Wortführer fordern Zusammenarbeit mit kooperativen Staaten, sicheren Drittstaaten, Diktaturen eingeschlossen.

Man sehnt sich zurück nach Gaddafi und seinen Schergen. Erdogan ist der neue Freund und Helfer, Taksim und Kurden sind vergessen. Wie gut, dass man Ägypten noch nicht verloren hat. Neue Wüstenfüchse braucht das Land. Und in Syrien hilft der IS Flüchtlinge in Schach zu halten.

Bomben für, gegen und vom Terror: Beirut, Aleppo, Paris. An den Klippen Europas klebt Blut und keinem Europäer sollte dies egal, legal, illegal sein. Denn du bist nur so frei wie dein Mitmensch neben dir.

Mein ganz persönlicher Trugschluss

Entschuldigen Sie Herr de Maizière, keine Anmaßung, aber was hätten Ihre hugenottischen Vorfahren wohl zu Ihren Taten gesagt. Sie gaben Mare Nostrum auf, bestärkten Frontex und holten Triton aus den Untiefen des Mittelmeers. Sie rissen Brücken ein, um den Schleppern das Handwerk zu legen und erhöhten damit doch nur die Preise für die Überfahrt und die Gefahren für die Flüchtlinge.

Damit haben Sie sich mitschuldig gemacht an der „derzeitigen" Krise. Doch ich brauche Sie, Herr de Maizière, um meine Tatenlosigkeit zu beweinen, um meiner Wut auf die Arroganz der Macht eine Stimme zu geben. Sie sind mein ganz persönlicher Trugschluss.

In den USA werden Schwarze aktiv erschossen, in Europa passiv ertränkt. Vor ein paar Monaten hoben wir Gräber vor dem Deutschen Volke aus, heute verteilen wir Essen an die Überlebenden. Die Politik dreht ihre Hälse und richtet sich neu aus. Vor ein paar Monaten noch streichelte Merkel ein Flüchtlingskind und drohte ihre Familie zurückzuschicken. Heute sagt Mutti: "Wir schaffen das".

Sigi nennt die Rechten das Pack, letztes Jahr traf er sich noch mit Pegida zum Dialog. Zurückbleibt eine moralische Trümmerlandschaft um Heidenau und Tröglitz. Dunkeldeutschland wehrt sich gegen die Invasion der Gutmenschen.

Der Neger-Herrmann und der Sozialschmarotzer-Seehofer schwenken München-ist-bunt-Fahnen. Dabei propagieren sie Bayern als erste EU-freie Republik und den Anschluss an Ungarn. Möchtegern Diktator Orbán wird zum politischen Oktoberfest geladen, Stammtischparolen sind wieder in. Schließt die Grenzen, zieht die Landungsbrücken der Völkerverständigung wieder ein, alle Schotten dicht.

Das fromme Europa in den Wogen der Weltpolitik

Wie eine urzeitliche Arche Noah liegt das fromme Europa in den Wogen der Weltpolitik. Man kann ihnen noch so oft sagen, dass jede Mauer irgendwann einmal fallen wird, vom Limes bis zum Antifaschistischen Schutzwall. Heute wird der ungarische Zaun erneut zerschnitten, 26 Jahre danach, nur eben von der anderen Seite.

Wenn man den Begriff Freiheit in seinem Innersten als philosophische Einstellung wahrnimmt, erkennt man die Gefangenschaft in der man lebt am deutlichsten. Göttliche Europa, steige von deinem dicken Stier herab und lasse ihn uns für die Hungrigen dieser Welt schlachten.

Meine Großmutter wurde bei einem Besuch in Ostpreußen Ende der Zwanziger Jahre gefragt, ob man bei ihr Zuhause denn noch deutsch spricht. Sie kam aus Koblenz am Rhein. Als mein Großvater nach 1945 vertrieben wurde und in Westdeutschland nur mit einem Handkoffer ankam, wurde er als Wasserpole beschimpft.

Er kam aus Breslau in Schlesien. Zwölf Millionen nahm Deutschland nach dem Ende der Nazidiktatur auf. 12 Millionen Traumatisierte, Heimat- und Mittellose. Heute würde die AfD sie als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Ja, ich provoziere, weil mich die Situation provoziert.

Die Festung EuRIPa

Afrika ist nicht weit, von Gibraltar kann man es schimmern sehen. Die Festung EuRIPa ist schon einmal gefallen, sie wird erneut gestürmt werden, wenn sie sich nicht öffnet. Hoffnungslosigkeit ist ein enormer Antrieb.

Unaufhaltsam schwappt die Welle der Unzumutbarkeit über den italienischen Stiefel und die griechische Aphrodite ins germanische Pantheon. Gott muss ein Weißer sein, wenn er Schwarze so behandelt.

Von Budapest zog der erste mediale Flüchtlingstreck seit dem Zweiten Weltkrieg durch Europa. Und nun zieht dieser Treck als Zug der Verzweifelten über die vom „Führer" gebauten Autobahnen Richtung Österreich und Deutschland, immer gen Norden, solange die Füße tragen.

Doch die „Türken" werden diesmal Wien nicht belagern, sondern im Sturm nehmen, denn ihnen gehört jetzt schon unser Mitgefühl und mehr kann man uns nicht nehmen.

Der Kater von Köln steckt einem noch in den Knochen. Böses Erwachen oder Polizeiversagen? Doch das Land beginnt zu diskutieren. Sexismus, Terrorismus, Rassismus, Sozialer Wohnungsbau und soziale Ungleichheit, Kriminalität und Integration. Für und Wider, immer wieder.

In Schulen, in Familien, auf der Straße. Pegida marschiert, die Antifa organisiert. Brennende Autos und Flüchtlingsheime. Feuer und Flamme für dieses Land. Nazirhetorik vom Storch, Schießbefehl und Sachsenbashing.

Realpolitik trifft Moral, trifft Merkel

Aber die Kanzlerin bleibt standhaft. Realpolitik trifft Moral, trifft Merkel. Grenzen verwischen, politische wie geographische, während sich die Gräben vertiefen. Die Geschichte wird sie freisprechen, andere werden von ihr vergessen werden. Jeder der heute demonstriert und provoziert, wird sich später vor seinen Kindern und Enkelkindern verantworten müssen.

Jeder der nicht aufgestanden oder passiv mitgelaufen ist, jeder Schreibtischtäter und Aber-Nazi wird sich fragen lassen müssen, wo er war als es brannte, und warum und wieso er/sie nichts getan habe. Unsere Großelterngeneration blieb nach dem Krieg mehrheitlich stumm. Wir sollten es besser machen und lieber heute miteinander reden als morgen gemeinsam schweigen.

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit dem Spendenportal Betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:


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