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17/01/2016 08:46 CET | Aktualisiert 17/01/2017 06:12 CET

Scheiß auf Bologna

ullstein bild via Getty Images

Es ist wirklich völliger Schwachsinn und genauso bescheuert wie die Anwesenheitspflicht in Vorlesungen: Motivationskurse. Denn

a) wenn Studenten nur noch semi Bock haben und

b) lieber alles andere machen als Vorlesungen zu besuchen, dann stimmt etwas ganz grundlegend nicht.

Dann bringt es nix, auf der Symptomebene anzusetzen mit Methoden wie die oben genannten (Motivationskurse und Anwesenheitspflicht), sondern man sollte mal über die Ursachenebene nachdenken. Grob formuliert: Das Bologna-System hat versagt. Der Frust ist groß bei Studenten, Dozenten und Unternehmen:

Studenten rennen nur noch unreflektiert Modulplänen und Credit Points hinterher,

Dozenten werden in ein Lehrstoff-Korsett gesteckt und Unternehmen klagen über verschulte und verunsicherte Nachwuchskräfte, die nicht wissen was sie können und wollen.

„Man kann Uni-Absolventen nicht vorwerfen, dass sie denken wie sie denken, aber man kann Hochschulen, Politikern und der Wirtschaft vorwerfen, dass sie falsch denken, wenn sie unseren Nachwuchs mit dem Bologna-System für Anpassung, Spezialisierung, Unauffälligkeit, Bulimielernen und unreflektierten Fleiß belohnen."

So oft höre ich die Frage „Wie soll das Uni-System in Deutschland besser werden?" Ganz einfach: Mit Förderung individueller Stärken und Potenziale, indem die Studenten ihre Interessen ausprobieren und ihnen folgen können; durch Erkennung eigener Talente, Alleinstellungsmerkmalen und Chancen sowie der Schulung von Soft-Skills wie Überzeugungskraft, Motivationsfähigkeit, Interessensvertretung etc.

Damit hat Bologna leider noch nicht viel zu tun. So findet die Vorbereitung auf eine VUKA-Realität nur in Ausnahmefällen statt. Wir brauchen mehr „Bildung für sich selbst" und „Bildung für die Wirtschaft" - ohne Tunnelblick auf Credit Points, die nichts anderes sind, als extrinsische Antreiber. Sie müssen auswendig lernen, werden abgefragt und mit Punkten belohnt. Aber reines Fachwissen reicht heute nicht mehr aus.

EXKURSION: VUKA ist ein Akronym und steht für die Begriffe volatil, unsicher, komplex und ambivalent. Das Wort definiert einen Zustand, der mittlerweile zu unserem Berufsalltag gehört. Wir sind mit dem Anspruch konfrontiert, uns in einer VUKA-Welt zurecht zu finden. Wir müssen also lernen, uns auf eine VUKA-Realität einzustellen, sich auf einen VUKA-Mindset einzulassen und auf VUKA mit VUKA-Tugenden zu reagieren. Das Bologna-Korsett bietet genau das nicht!

Ein gutes IQ-Testergebnis sagt demnach wenig über die Überlebens- und Wettbewerbsfähigkeit im Wirtschaftsdasein aus. Wir alle kennen 1er-Abschlusskandidaten, die neben top Fachwissen wie Alltags-Idioten durch die Gegend laufen und mit ihrer Intelligenz so überfordert sind, dass sie dann doch Lehramt studieren statt wirklich etwas aus sich zu machen.

Oh ja, da fällt mir eine alte Kommilitonin ein. Ich glaube, sie war sogar die Beste im Jahrgang. Die war in ihrer Art so unscheinbar. Eigene Ideen durchsetzen, konnte sie nicht. Ernst genommen wurde sie nicht. Überzeugend wirkte sie nicht. Wissen im Kopf reicht nicht mehr zur Exzellenz. Wir müssen lernen, wirksam zu sein.

Um also auf dem freien Markt wirklich mithalten zu können bedarf es einer guten Ausprägung weiterer Kompetenzen:

  • Emotionale Intelligenz des Herzens und der Zusammenarbeit
  • Vitale Intelligenz des Instinktes und des Handelns

  • Intelligenz der Kreation und der instinktiven Lust und Freude

  • Intelligenz der Sinngebung und des intuitiven Gefühls

Ich nehme mich selbst als Beispiel: Am meisten geprägt in meiner Kind- und Jugendzeit hat mich mein Leistungssport. Rhythmische Sportgymnastik im Einzel und als Team. Über 10 Jahre lang. Das hat mir mehr fürs Leben mitgegeben als all die Unterrichtsstunden in der Schule. In den letzten zehn Jahren hat mich nicht die Uni geformt sondern die Zusammenarbeit mit meinem Mentor. Er hat mir beigebracht unternehmerisch zu denken, ständig meine Komfortzone zu verlassen, mutig zu sein und zu handeln. Und das versuche ich jetzt an junge Menschen aus meinem Umfeld weiterzugeben.

Unliebsamer Kollege namens „Computer"

Wir regen uns ständig auf: über schlechte Schüler, in der Persönlichkeit unterentwickelte Absolventen, lustlose Mitarbeiter und unfähige Führungskräfte. Dabei handeln wir meistens nicht, wir verändern nichts: nicht am System, nicht uns selbst.

Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt radikal: Dienstleistungsberufe werden automatisiert. In der Landwirtschaft und der Produktion ist das ja schon passier. Ikea, Supermarkt, Flughafen, McDonald, Apotheken, Büroarbeit, Verwaltungskram, Reisebüro ... die Palette ist lang, wo Routinearbeiten bald vermutlich an den Kollegen „Computer" abgegeben werden. (Umso erschreckender finde ich die Tatsache, dass Eltern als gut gemeinten Ratschlag ihren Kindern empfehlen, in den öffentlichen Dienst zu gehen, weil sie dort einen sicheren Arbeitsplatz haben.)

Positiv ist, dass Menschen weiterhin die Aufgaben übernehmen werden, die ohne Routine funktionieren: Kreativität, individuelle Lösungen generieren, maßgeschneiderte Ergebnisse liefern, Neues entwickeln - und das alles basiert auf netzwerken und dem Austausch mit anderen.

Also habe ich hier ein paar Tipps für junge Menschen (Wir müssen selbst unseren Arsch hochkriegen):

Hinterfragt die Ratschläge eurer Eltern. Sie sind zwar gut gemeint, aber nicht immer gut.

Interessiert euch für NEUE Geschäftsfelder.

Setzt euch intensiv mit der Frage auseinander: „Welche Eigenschaften brauche ich, um als „Leistungsträger" der Zukunft anerkannt zu werden?"

  • Was kannst du mehr bieten, als Wissen im Internet? Welchen Mehrwert kannst du liefern, welcher im Netz nicht zu finden ist?

  • Setzt euch mit digitalen Geschäftsfeldern auseinander.

  • Schult eure emotionalen und sozialen Fähigkeiten.

  • Lernt mitzudenken und unternehmerisch zu denken.

  • Seid unbequem, stellt viele Fragen, hinterfragt, reflektiert und lernt daraus.

  • Investiert in eure Fortbildung.

  • Sammelt nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung (und das funktioniert nur über tun und ausprobieren).

  • Scheißt auf Bestnoten, fangt lieber früh genug an, zu jobben.

  • Lernt, euch gut zu vermarkten (fördert eure Rhetorik und Kommunikation).
  • Nehmt eure Entwicklung und eure Karriere selbst in die Hand. Andere werden es nicht für euch tun.

  • setzt euch mit euch selbst auseinander und lasst euch Feedback von außen geben  
  • „Du bist selbst für deine Entwicklung verantwortlich. Nicht deine Lehrer, Dozenten oder Chefs."

Der Beitrag erschien zuerst hier.

Mehr Gedanken von Steffi findet ihr auf www.steffiburkhart.de/blog oder auf www.facebook.com/GenerationYpsilon.

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