BLOG
17/02/2016 12:34 CET | Aktualisiert 17/02/2017 06:12 CET

Kind, Kegel und Karriere? Klar, geht das!

Alamy

Endlich erhalten auch Spitzenmanagerinnen die verdiente Öffentlichkeit. Es gibt immer mehr Portraits deutscher Top-Managerinnen und Artikel über weibliche Bilderbuchkarrieren in Magazinen, die sonst von „Männergeschichten" geprägt waren. Was mir jedoch auffällt: Kaum ein Text geht darauf ein, ob die Managerinnen Mütter sind

Die Berufung von Frauen ins Top-Management von Unternehmen ist weltweit steigend - ob nun mit oder ohne Quote.

Zeitgleich nimmt die Frauenquote bei internationalen Prestigeveranstaltungen der Wirtschaft, wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos, kontinuierlich zu. Schaut man sich die realen Zahlen an, besetzen Frauen laut einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group jedoch gerade einmal fünf Prozent der Spitzenpositionen in der deutschen Privatwirtschaft.

Es ist ein langsamer Trend, aber es ist ein Trend.

Je mehr wir über diesen Trend reden und schreiben, desto stärker wird man ihn auch wahrnehmen. Sehr erfreulich ist daher, dass die Boston Consulting Group gemeinsam mit dem Manager Magazin nun einmal im Jahr die 50 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft kürt.

Ziel ist es, die Entwicklung zu würdigen und „Mut zu mehr zu machen". Die Erstauflage erlaubt interessante Erkenntnisse. Eine Frage bleibt jedoch gänzlich unberührt: Vertragen sich Familienwunsch und Spitzenkarriere überhaupt?

2016-02-08-1454948005-2612409-PhotoCareComKinderKarriere.jpg

Darf man die M-Frage heute noch stellen?

Impliziert allein die Frage nach der Familie nicht schon, dass Frauen die traditionelle Mütterrolle weiterleben müssen? In welchem Ranking wird denn darauf eingegangen, ob ein Top-Manager auch ein Top-Vater ist?

Hier wird der Einfluss auf die deutsche Wirtschaft gewürdigt und nicht die „private Performance". Es erscheint modern und folgerichtig, die Mutterfrage nicht zu stellen und ihr keine Aufmerksamkeit zu widmen. Sie zu stellen wirkt fast schon wie ein Relikt aus der Steinzeit...

Leider vergeben wir eine große Chance, wenn wir nicht danach fragen. Nur wenn wir über Vorbilder sprechen, die auch Mütter sind, stoßen wir ein Umdenken an. Familiäre Verantwortung wird noch lange nicht so gleichberechtigt gelebt, wie viele es sich wünschen.

Zahlreiche Elternstudien kommen zwar zu dem Schluss, es sei mehrheitlicher Wunsch, die Erziehungsverantwortung partnerschaftlich zu teilen. Die Realität sieht jedoch anders aus: Wer spricht heute öffentlich von einem Rabenvater, wenn dieser nicht zum gemeinsamen Abendessen daheim ist, sein Kind als letztes aus der Kita abholt oder gleich den Babysitter schickt.

Vorschnell kommt die Frage nach der Mutter auf... wo ist die eigentlich?

Väter nehmen entscheidend weniger Elternzeit und reduzieren viel seltener ihre Arbeitszeit als die Mütter.

Aber auch hier gilt: Ein Trend ist ein Trend. Und blicken wir einmal zurück: Früher haben Väter sich fast gar nicht an der Betreuungsarbeit beteiligt. Beide Trends werden sich hoffentlich gegenseitig befruchten, doch es liegt noch ein gutes Stück Weg vor uns.

Ich bin daher der Meinung, dass wir uns etwas vergeben, wenn wir Top-Managerinnen diskutieren, ohne einen Blick darauf zu werfen, wie sie Beruf und Familie ausbalancieren. Ja, sie machen lediglich 5 Prozent aus und das manager magazin nennt sie „Exoten".

Sie weichen von der Norm ab. Gleichberechtigung sieht jedoch anders aus. Deshalb sollten gerade Rankings und Artikel zu diesem Thema naheliegende Fragen nicht auslassen.

Wir dürfen die Mutterfrage nicht nur stellen, ich finde, wir müssen es sogar. Die Vorteile hinsichtlich Vorbildfunktion und gelebte Gleichberechtigung überwiegen.

2016-02-08-1454948464-4460396-PhotoCareComKarrieremtter.jpg

Spitzenmanagerinnen sind anders, aber wie?

So groß die Versuchung auch ist, wir sollten nicht beginnen, bei ersten positiven Entwicklungen und Annäherungen alles gleichzustellen. Frauen im Top-Management stehen vor anderen Erwartungen als Männer. Und sie wollen auch anders wahrgenommen werden, wie ein weiterer Artikel des manager magazins über Tina Müller, Julia Jäkel und Sabine Eckhardt unterstreicht.

Es ist der Wille nach einem Arbeiten und Agieren auf Augenhöhe, der sie antreibt, dennoch unter anderen Voraussetzungen. Sie wollen nicht nach den Regeln der Männer spielen, sich nicht in die Reihe der grauen Anzüge einreihen. Von einem „neuen Typus Frau in den Chefetagen" ist da die Rede.

Akzente setzen und nach den eigenen Regeln spielen - das wollen die Spitzenfrauen.

Wir sollten stolz auf diese neue Generation der Karrierefrauen sein! Ich wurde von meinen eigenen Mitarbeiterinnen auf das Ranking aufmerksam gemacht. Sie sind Vorbilder und stecken mit ihren Geschichten und ihrem Unternehmergeist andere an.

Bestenfalls bestätigt die Generation der neuen Top-Managerinnen die anderen arbeitenden Mütter hierzulande, noch selbstbewusster aufzutreten und sich nicht länger für eine Berufstätigkeit an sich oder Erfolge im Beruf zu rechtfertigen. Denn auf eine Familie verzichten die wenigsten von ihnen - auch nicht im Spitzenmanagement. Warum auch, tun es etwa die vielen Väter in den Aufsichtsräten?

Familie und Karriere sind vereinbar

Außergewöhnliche Leistung erfordert ungewöhnliche Maßnahmen: Bilderbuchkarrieren werden selten im Alleingang geschrieben. Viele internationale Spitzenmanagerinnen beweisen, dass Familie und Karriere vereinbar sind.

Im Spiegel-Interview „Ohne Nanny geht es nicht" spricht Burcu Geris offen über die Organisation ihres Privatlebens. Sie ist Mutter zweier Kleinkinder, CFO und Vizepräsidentin der türkischen TAV Airport Holding. „All diese langen Tage, all diese Schuldgefühle gegenüber der Familie - das funktioniert nicht, wenn du deinen Job nicht wirklich liebst. Wenn die Arbeit glücklich macht, kommt das auch der Familie zugute", so Geris im Spiegel.

Jane Jie Sun, Vizepräsidentin und COO des chinesischen Online-Reisebüros Ctrip, hat eine andere Formel für die Work-Life-Balance gefunden: An Arbeitstagen hält sie sich abends immer zwei Stunden für ihre Familie frei. Ihre Eltern wohnen nebenan.

Gesellschaftlich ist Fremdbetreuung allerdings noch längst nicht so anerkannt wie in anderen Ländern

In Frankreich beispielsweise, dauert die Schule in der Regel bis 17 Uhr und die Mehrheit der Mütter arbeitet ganz selbstverständlich Vollzeit.

Auch in der Türkei ist es gängig, dass Kinder tagsüber fremdbetreut werden. Das Betreuungssystem des Landes ist bewusst darauf ausgerichtet und gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber privater Betreuung gibt es kaum: „So gut wie alle Top-Managerinnen haben eine Nanny", berichtet Geris im Spiegel-Interview.

Selbstbewusst greifen die internationalen Managerinnen neben der eigenen Familie auch auf Privatbetreuer und Alltagshelfer zurück. Neben Schule, Kindergarten und Hort werden für die Nachmittage Babysitter engagiert oder Au-pairs und Nannys für die Betreuungslücken eingestellt. Viele Karrierefrauen holen sich zudem Unterstützung für den Haushalt, um die gesparte Zeit ihren Kindern zu widmen.

Zum Abschluss ein Appell an die Arbeitgeber: Eine aktuelle Studie von Prof. Dr. Tobias Dauth von der HHL in Leipzig unterstützt diesen Trend und belegt den Zusammenhang zwischen Diversität in Unternehmen und der Arbeitgeberattraktivität.

Moderne und fortschrittliche Organisationen fördern bewusst eine große Diversität in der Personalstruktur, gerade im Top-Management, und passen ihre Personalstrategie entsprechend an, um möglichst attraktiv und zukunftsfähig zu sein. Arbeitgeber sollten sich also auch Top-Managerinnen zum Vorbild nehmen, weibliche Talente auf dem Weg nach oben fördern und sie dabei unterstützen, Familie und Beruf in Balance zu halten, zum Beispiel durch passende Employee Benefits.

Muss denn immer nur einer zurückstecken, weil der andere unbedingt Vollzeit arbeiten will? Oder sollte man sich die Verantwortung nicht 50:50 teilen? Wie sieht das in Ihrer Beziehung als arbeitende Eltern aus? Erhalten Sie Unterstützung von Ihrem Arbeitgeber?

Auch auf HuffPost:

Lesenswert

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.