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01/04/2015 07:24 CEST | Aktualisiert 01/06/2015 07:12 CEST

Schimpfparallelen: Wie Berliner und Warschauer meckern

Ein Städter ist ein Schimpfer

Je alteingesessener der Warschauer, desto lauter schimpft er. Das dürfte eine proportionale Gleichung sein, die für alle Großstädter gilt. Was haben zum Beispiel die Berliner nicht alles zu jammern: Der neue Großflughafen ist eine endlose Großbaustelle, ständig streikt die S-Bahn, die halbe Stadt spricht Türkisch, die Große Koalition ist Murks, die Kellner sind unfreundlich und die Gehsteige voller Hundedreck.

Und worüber wird in Warschau lamentiert? Nicht über die Ausländer - denn die gibt es gar nicht, zumindest nicht in wahrnehmbaren Größenordnungen. Die größte Ausländergruppe sind etwa 50.000 Vietnamesen, die aber im Stadtzentrum nur selten anzutreffen sind; sie lebten viele Jahre lang in einer Parallelwelt, schienen weder die öffentlichen Verkehrsmittel noch die Parks oder Einkaufsgalerien zu besuchen. Wenn man sie sah, dann nur bei der Arbeit, meist auf den großen Billigbasaren am Rand der Stadt. Aber auch hier ändert sich was.

Vor Kurzem betrat ich einen Handyladen in der Bahnhofsunterführung. Der strahlend lächelnde Besitzer war ein etwa dreißigjähriger Vietnamese, sprach ein fast perfektes Polnisch, war mit einer Polin verheiratet und kannte mich sogar aus dem Fernsehen, weil er mit polnischen Serien aufgewachsen ist. Wir machten ein Selfie, und er sagte, dass in Warschau mittlerweile schon viele junge Vietnamesen leben, die in zweiter Generation bestens integriert sind.

Gejammert wird in Warschau natürlich auch über Großbaustellen, allen voran die zweite U-Bahn-Linie, die den westlichen Stadtteil Wola mit dem östlichen Praga verbinden soll. Seit Beginn der Arbeiten 2012 kommt es zu jahrelangen totalen Straßensperrungen, auch zu erheblichen Schlampereien, die Tunnelüberflutungen und Hauseinstürze zur Folge hatten. Ein erster Teilabschnitt mit sechs Stationen wird 2015 eröffnet, aber die Fertigstellung der gesamten Strecke soll sich noch mindestens bis 2019 hinziehen.

Sehr verspottet wurde eine Zeit lang Warschaus zweiter Flughafen in Modlin, fünfzig Kilometer östlich des Zentrums, der für die Billigfluglinien zuständig ist, sozusagen das Warschauer Pendant zu »Frankfurt Hahn«. Er ist häufig gesperrt, weil er in einem sumpfigen Gebiet gebaut wurde, in dem sich gerne Bodennebel bildet. Mehrere Fluglinien zogen sogar zum Warschauer Flughafen zurück, weil sie die dauernden Ausfälle satthatten. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass man kaum noch spottet, sondern die Unbequemlichkeiten von Modlin zähneknirschend in Kauf nimmt.

Gejammert wird dafür umso heftiger über den Verkehrsinfarkt in der Innenstadt. Warschau steht in der europäischen Stau-Rangliste auf Platz eins, noch vor Brüssel. Durchschnittlich fast hundert Stunden im Jahr müssen Autofahrer hier im Schritttempo fahren. Die schlimmste deutsche Stadt, Köln, bringt es gerade mal auf 79 Stunden pro Jahr.

Vorbei die Zeiten, als man zumindest zwischen neun und siebzehn Uhr relativ schnell durchs Warschauer Zentrum kam. An manchen Tagen ist kein Unterschied mehr zwischen morgendlicher Rushhour und »entspanntem Vormittagsverkehr« erkennbar. Schuld daran sind die neuen Wolkenkratzer im Stadtzentrum, die Tausende neuer Arbeitnehmer anlocken, aber durch keine einzige zusätzliche Straße, keinen Tunnel unterstützt wurden.

Heftig geschimpft wird natürlich auf die Politiker, allen voran auf den jeweiligen Stadtpräsidenten (so heißt hier der Oberbürgermeister). Seit einigen Jahren bekleidet die ehemalige Chefin der Nationalbank, Hanna Gronkiewicz-Walc, das Amt, und zwar bereits in der dritten Kadenz. 2013 gab es ein Bürgerbegehren zu ihrer Abwahl, das von der oppositionellen Kaczyński-Partei PiS unterstützt wurde und deshalb an einer zu geringen Wahlbeteiligung scheiterte.

Die Kaczyński-Gegner boykottierten die Wahl, obwohl auch von ihnen insgeheim viele unzufrieden waren mit der als abgehoben geltenden Stadtpräsidentin. Doch weil Gronkiewicz-Walc zur Partei des damaligen Ministerpräsidenten Donald Tusk gehörte, musste man sie verteidigen - denn jeder wusste, dass es der Opposition in erster Linie gar nicht um Lokalpolitik ging. Die Hauptstadt ist nun mal die Showbühne des gesamten Landes, und der Verlust von Warschau wäre für Tusks Partei der Anfang vom Ende gewesen. Das hieße dann, dass man über kurz oder lang wieder einen Premierminister namens Jaroslaw Kaczyński erhalten würde ... Also lieber boykottieren!

Brüchiger Stolz

Die Schimpfparallelen zwischen Berlinern und Warschauern liegen auf der Hand. Doch nun zu einem gewaltigen Unterschied. Die Berliner schimpfen laut, sind aber abends unter der Bettdecke mächtig stolz auf ihre tolle Stadt. Was schadet es schon, dass der neue Flughafen ein paar Jahre später in Betrieb genommen wird - Millionen Touristen bestätigen den Berlinern zu jeder Jahreszeit und in jeder U-Bahn massenweise, dass sie in einer bundes-, europa-, ja weltweit beliebten Stadt leben.

Den Warschauern fehlt diese Bestätigung. Sicherlich, die Zahl der Touristen ist seit der Fußball-EM 2012 um einige Prozent gestiegen. Interessanterweise kommen vor allem mehr südländische Touristen in die Stadt, Italiener, Franzosen und Spanier - aber mit Budapest oder gar Prag kann man sich trotzdem noch lange nicht messen.

Der Stolz der Warschauer ist deswegen sehr brüchig und schwach auf der Brust. Den Slogan »Wohnen, wo andere Urlaub machen« kann man sich hier jedenfalls nicht vorsingen. Der Warschauer lässt höchstens kurz mal die Muskeln spielen, wenn ein Ausländer oder - noch schlimmer! - ein Krakauer daherkommt und behauptet, dass Warschau grau und hässlich sei. Na warte, dem werden die Augen ausgekratzt! Aber sobald er wieder abgereist ist, sitzen alle da und seufzen: »Eigentlich hatte er ja doch recht!«

Auf einer Garagentür bei mir um die Ecke gibt es ein böses Graffito: »Warszawa, europejska stolica kultury niskiej« - Warschau, europäische Hauptstadt der niederen Kultur. Keine Ahnung, was mit »niederer Kultur« konkret gemeint sein soll - vielleicht die mitunter recht ungezogenen Fußballfans von Legia Warszawa? Aber jeder versteht die Message: Warschau ist mies. Das ist nicht mehr das übliche Geschimpfe, es ist der pure Selbsthass.

Auch mein Freund Rysiek, der echte Warschauer und glühende Lokalpatriot, schimpft auf seine Stadt, und zwar wie ein Rohrspatz. Wir sitzen in einem Berliner Café, und nur wenige Sätze, nachdem er mal wieder über Krakau abgelästert hat, ändert er die Fahrtrichtung und hält eine Tirade gegen Warschau: »Im Zentrum passt doch nichts zusammen, keine Ordnung, kein Plan, Wolkenkratzer neben sozialistischen Plattenbauten, permanente Staus, Reklame-Shit an jeder Wand, das Zentrum ein großes Dorf, und die Schlafstädte Ursynów oder Żeran sind furchtbar hässlich!«

Rysiek kokettiert nicht, seine Wut jetzt ist genauso echt wie vorhin sein Stolz. Der Warschauer ist eben eine wandelnde Ambivalenz. Wenn er angegriffen wird, verfällt er in einen Verteidigungsreflex, aber wenn man seine Stadt lobt, wehrt er genauso aggressiv ab. Sagen wir, ich lobe die breiten Bürgersteige, weil man da so wunderbar flanieren kann ...

»Welche Straße meinst du denn da konkret?«, fragt Rysiek sofort.

»Na, zum Beispiel die ul. Nowy Świat.«

»Die ul. Nowy Świat wurde nach dem Krieg von den Kommunisten wieder aufgebaut, aber ganz anders, als sie vorher war, eine Riesenfälschung. So breite Bürgersteige gab es doch vor dem Krieg gar nicht.«

»Na und? Trotzdem bequem«, antworte ich. »Genauso gerne flaniere ich die Marszałkowska vom Plac Konstytucji zum Rondo Centrum entlang.«

»Flanieren? Eher wohl Slalomlaufen! Die Warschauer Bürgersteige sind doch ein einziges großes Hundeklo!«

Es ist schwierig!

Und Rysiek ist wahrhaftig nicht der einzige Skeptiker. Einmal fragte ich einen Taxifahrer, der mich vom Bahnhof nach Hause beförderte, wie er sich in seiner Stadt fühle. Er antwortete trocken: »Strasznie - grauenvoll.«

Ich ließ mich schon wieder zu einer Lobeshymne verleiten. »Warum denn? Warschau hat sich doch so positiv entwickelt! Das neue Fußballstadion, die Fahrradwege an der Weichsel, die ul. Francuska in Saska Kępa, wo sich tolle Kneipen und Eisdielen angesiedelt haben ...«

»No i co - na und?«, knurrte der Taxifahrer. »Es gibt hier so eine Hetze. Alle hetzen immer nur.«

Abrakadabra - aus Warschau wird Polen

Doch jetzt wird die Sache noch viel brisanter, wir kommen zu einer weiteren Eigenart der Warschauer, die sie sicherlich mit den meisten anderen Polen gemeinsam haben. Sehr schnell geht das Gejammer über die Heimatstadt über in eine generelle Kritik an Polen und der polnischen Mentalität als solcher. In Nanosekunden wird aus einem defekten Atom ein ganzes Negativuniversum.

Der Taxifahrer, der die »ewige Hetze« in Warschau beklagte, äußerte zum Beispiel am Ende der Fahrt die Idee, dass Polen zu einem deutschen Bundesland werden sollte. Was Putin mit der Krim gemacht habe, sei nicht in Ordnung gewesen, aber in Polen würde sich niemand ärgern, wenn Angela Merkel im Bundestag verkünden würde, dass man Polen als 17. Bundesland aufnehmen würde. Ja wirklich, alle würden sich freuen!

Ilona, die Ehefrau meines Freundes Paweł, sagte mir eines Tages: »Warschau wimmelt von ekelhaften Neureichen ...«, um dann gleich ganz Polen in die Pfanne zu hauen: »... denn es ist so: Wenn bei uns in Polen jemand eine Firma gründet, möchte er gleich am nächsten Tag schon mit einem BMW herumfahren und seine Angestellten schikanieren. Was uns fehlt, ist Bescheidenheit und das Bewusstsein dafür, dass man für den Erfolg hart arbeiten muss, viele Jahre lang.«

»Na schön«, antwortete ich, um das Gespräch in überschaubare Dimensionen zurückzulenken, »aber Warschau hat sich doch sehr verschönert. All die neuen Gebäude, etwa das Museum der jüdischen Geschichte oder das Fußballstadion oder die Universitätsbibliothek!«

Hier schaltete sich Paweł ein und schüttelte schwermütig den Kopf: »Ja, richtig, es gibt inzwischen einige schöne Gebäude. Aber wie lange bleiben sie schön? Wir fangen immer mit

großem Eifer an, aber wir können die Qualität nicht halten. Innerhalb weniger Jahre vergammeln die schönen Gebäude. Wir haben keinen Sinn dafür, dass man sie auch instand halten muss. Das ist uns zu langweilig.

Guck dir doch unsere Ergebnisse im Fußball an. Wir haben ein schönes Stadion - aber wir qualifizieren uns nicht mal mehr für die Weltmeisterschaft.« (Der Satz fiel noch vor dem legendären 2:0 gegen den frischgebackenen deutschen Weltmeister im Herbst 2014.)

Nicht ich bin schuld - Polen ist es gewesen

Hallo, was hat bitte schön die Instandhaltung von Gebäuden mit Fußball zu tun? Doch hier sind wir auf das eingangs geschilderte Hauptproblem gestoßen: Warschau muss ausbaden, was eigentlich Polen verschuldet hat. Das ist nicht nur in den Augen der Ausländer so, die nicht nach Warschau kommen, weil sie negative Assoziationen zu Polen haben - sondern auch in den Augen der Warschauer selbst. Wenn man gerade nicht auf Warschau schimpfen kann - dann eben auf Polen!

In Berlin ist das bekanntermaßen ganz anders. Keinem Deutschen würde einfallen, Berlin mit ganz Deutschland zu identifizieren - im Gegenteil! Berlin ist die große Ausnahme von der Regel, everybody's darling, der wohltuende Kontrast zu München oder Stuttgart, arm, aber sexy, die Stadt der Alternativen und coolen Typen. Berlin entspricht in dieser Hinsicht Krakau. Auch die Krakauer haben ein ganz anderes Lebensgefühl als der Rest der Nation und sind stolz darauf, dass ihre tolle Stadt so einzigartig ist.

Manchmal werde ich gefragt, was ich als den größten Unterschied zwischen Polen und Deutschen ansehe. Meine Antwort: die Einstellung zum eigenen Land. Sie ist diametral verschieden. Wir Deutschen bezeichnen uns zwar nicht so gerne als Patrioten, weil gewisse Reizwörter (Vaterland, Fahne, Hymne) sofort negative Assoziationen auslösen. Abseits dieser Wörter fühlen wir uns aber pudelwohl in unserer Haut.

Eine BBC-Umfrage von 2014 in allen EU-Ländern erbrachte für Deutschland eine überwältigende Eigenzustimmung. 68 Prozent der Bundesbürger waren mit sich und ihrem Land zufrieden. Polen hingegen lag auf den hinteren Rängen - obwohl die wirtschaftliche Tendenz positiv ist, die Autos immer dicker und die Urlaubsziele immer exotischer werden.

Wird sich die Einstellung der Polen zu ihrem Land jemals ändern? Ich weiß es nicht. Da können die wirtschaftlichen Faken eine noch so positive Sprache sprechen - es hilft nichts. Über Polen hängt eine Smogglocke der Unzufriedenheit, eine kollektive Verschwörungstheorie: »Unser Land ist mies!« Sehr viele Leute frönen dem Hobby, jede persönliche Frustration auf ihr Land abzuwälzen. Der Tennisspieler Jerzy Janowicz, immerhin Millionenverdiener und Wimbledon-Viertelfinalist des Jahres 2013, schied bei einem der nächsten Turniere früh und schmählich aus.

In der anschließenden Pressekonferenz mit polnischen Reportern platzte ihm der Kragen: »Wir sind generell ein Land, in dem es keinerlei Perspektiven gibt, weder im Sport noch in der Wirtschaft oder im Privatleben - für niemanden. Die Studenten studieren doch bloß dafür, um eines Tages wegfahren zu können. Wir trainieren in irgendwelchen Schuppen, und zwar nicht nur im Tennis. Es gibt keinerlei Hilfe, in keinem Sport oder Beruf. Jeder muss sich selber den Arsch aufreißen, um etwas zu erreichen.«

Janowicz übertrieb natürlich, legte den Finger aber in eine eiternde Wunde: Polen hat seit dem Eintritt in die EU 2004 fast zwei Millionen Einwohner durch Auswanderung verloren. Einige sind zurückgekehrt, doch die meisten bleiben weg, halbwegs integriert in Großbritannien, Irland, Deutschland oder einem der skandinavischen Länder. Was ist der Grund für die Massenflucht?

Sicherlich nicht ausschließlich die Suche nach einem höheren Lebensstandard. Länder mit vergleichbarer postkommunistischer Ausgangslage, aber sogar niedrigerem Durchschnittseinkommen, wie Ungarn oder Tschechien, haben nicht annähernd so hohe Auswandererzahlen wie Polen zu verkraften.

Einer der Gründe dafür könnte eben sein, dass es in Polen zum guten Ton gehört, die Schuld für persönliches Missgeschick dem Heimatland in die Schuhe zu schieben. Das Land steht quasi ständig am Pranger. Das hat psychologische Folgen. Es führt zu einer latenten Wut auf die eigenen Landsleute und zu starken Komplexen im Umgang mit westlichen Ausländern.

Kalte Maske, heißes Herz

In allen Reiseführern ist zu lesen, dass man in Polen von einer wunderbaren Gastfreundschaft empfangen wird. Ich mache mir dann immer ein bisschen Sorgen, dass die Touristen eine böse Enttäuschung erleben könnten.

Die wunderbare Gastfreundschaft existiert zwar wirklich, gilt aber nicht im Kontakt mit Fremden auf der Straße, sondern bezieht sich auf Einladungen bei Privatleuten oder Geschäftspartnern. Wer hingegen im öffentlichen Raum ist und, sagen wir mal, auf dem Chopin-Flughafen nach einer Info fragt oder ratlos vor einem Ticketautomaten in der U-Bahn-Station steht, kann lange warten, ehe ihm jemand hilft.

Ich wiederhole deshalb zur Vorsicht noch einmal, was ich schon am Anfang über die Aufzugführerin gesagt habe: Wichtig ist immer, den ersten Schritt zu tun. (Und ruhig Englisch sprechen! Fast jeder hat einen Onkel in Dublin oder einen Schweigersohn in Birmingham.)

Der in Polen recht bekannte amerikanische Psychologe Philip Zimbardo hat es in einem Interview so formuliert: »Manchmal, wenn ich nach Polen komme, habe ich den Eindruck, in ein psychiatrisches Krankenhaus zu kommen. Niemand lächelt, eher wird man angeblafft, niemand spricht einen an ...

Wenn ich auf der Straße mit einer Karte stehe, kommt niemand und fragt mich, ob ich Hilfe brauche - in anderen Ländern habe ich dieses Problem nicht ... Ich war gerade in London, und dort kann man euch gar nicht genug loben - nicht nur, weil ihr gute Bauarbeiter oder Klempner seid, sondern auch, weil ihr in der Wirtschaft oder in der Technologiewelt sehr gut zurechtkommt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie euch dort mehr mögen als ihr euch selbst.«

Zum Glück übertreibt Zimbardo ein wenig, weil er nicht zwischen dem Verhalten in privater und öffentlicher Sphäre unterscheidet. Wer durch ein Warschauer Einkaufszentrum geht, sieht sehr viele lachende Gesichter, sicherlich mehr als in Deutschland - aber das gilt eben nur für private Gespräche, sagen wir mal: zwischen einer Mutter und ihrer erwachsenen Tochter. Sobald die beiden aber ein Geschäft betreten, verändern sich ihre Mienen schlagartig. Der Dialog mit dem Verkäufer ist meist kurz und sachlich. Zu herzlicheren Gesprächen kommt es mit fremden Leuten in der Öffentlichkeit eher selten.

Zwei Therapieversuche

Kein Wunder, dass es von Therapeuten wimmelt. Nicht nur Philip Zimbardo, sondern vor allem auch die polnischen Medien haben die Therapie »Bitte mehr Stolz auf das Erreichte!« gewählt. Um die Bürger mit ihrem Staat zu versöhnen, vermelden sie zum Beispiel: Polen ist Weltmeister im Export von Himbeeren und Äpfeln, drittgrößter Produzent von Bussen, polnische Roboter haben bei einem Turnier in Wien vier von zehn Goldmedaillen gewonnen, Polen produziert die drittmeisten unbemannten Flugzeuge weltweit, zwanzig Prozent aller europäischen Haushaltsgeräte werden in Polen produziert, polnische Gymnasiasten haben bei der Olympiade für Nachwuchschemiker in Vietnam die meisten Goldmedaillen gewonnen und so weiter.

Die Taktik funktioniert allerdings immer nur kurzfristig. Wenn die Qualifikation zur nächsten Fußballweltmeisterschaft verfehlt wird, schmeißen alle wieder ihren Fernseher zum Fenster raus und seufzen: »War ja klar.«

Eine andere Taktik, um den Minderwertigkeitskomplex zu bekämpfen, erfolgreich vor allem bei Polens Intellektuellen, wird von dem Schriftsteller Andrzej Stasiuk angewendet, in Deutschland vor allem bekannt für seinen Roman »Die Welt hinter Dukla«.

Stasiuk ist der berühmteste Zivilisationsflüchtling Polens. Geboren wurde er 1960 in Warschau, aber vor seinem 40. Geburtstag zog er in ein kleines Gebirgsdorf im Südosten Polens um. Er pfeift auf Exportrekorde oder Nachwuchsmedaillen und rühmt stattdessen mit grimmiger Liebe das provinzielle Polen. Je ostiger, grauer und postkommunistischer, desto besser. Paris ödet Stasiuk an, die Toskana bringt ihn zum Gähnen. In seinem Buch »Dojczland« rechnet er auch mit allem ab, was zwischen Rhein und Oder liegt. Wirklich gern reist Stasiuk nur gen Osten, in die Ukraine, nach Albanien, Kasachstan oder China - Hauptsache Osten und rostig.

Interessanterweise zählt Stasiuk auch den Mittelwesten der USA zu diesem Osten. Endlose Öde, tiefe Provinz - herrlich! Mein Freund Jakub, Universitätsdozent mit einer glücklichen Kindheit im Sozialismus, hat nicht nur jedes von Stasiuks zahlreichen Büchern gelesen, sondern fährt auch noch zur 30. Dichterlesung des Meisters irgendwo in einer Plattenbausiedlung am Rande Warschaus, wo Stasiuk aufgewachsen ist. »Du weißt doch längst auswendig, was er sagen wird!«, ziehe ich ihn auf. Aber Jakub schüttelt den Kopf, wissend wie ein wahrer Sektierer: Der Meister sei unerschöpflich! Je alternativer das Kulturzentrum, je ranziger die Sessel, desto mehr laufe Stasiuk zu Höchstform auf.

Anschließend berichtet Jakub mir froh, dass sich seine Erwartungen bestätigt hätten: Wieder habe der Meister erbarmungslos melancholisch die Anbiederei an den Westen verurteilt.

Er habe den Kopf geschüttelt über die lächerliche Glamour-Sehnsucht der polnischen Mittelschicht. Findet euch endlich damit ab, habe er gesagt, dass Warschau ein Kuhdorf ist und die Polen alle von Bauern abstammen, bis auf eine ganz dünne Oberschicht, die aber im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Deutschen und Russen liquidiert wurde. Doch was sei am Bauersein eigentlich so schlecht? Was hätten die großen Metropolen denn schon zu bieten außer bunt beleuchteten Megaboards?

Jakub beherzigt die Botschaft des Meisters und unternimmt am Wochenende abenteuerliche Fahrten in die Umgebung Warschaus, aber nur dorthin, wo sich sonst niemand hin verirrt. Er fotografiert eingebrochene Zäune oder graffitiverschmierte Bushaltestellen, zeigt mir Fotos aus den reizlosen Kleinstädten Wołomin oder Pionki, findet verkannte Reize in einer stillgelegten Fleischfabrik oder auf einem Autofriedhof. Zerfall, Schmutz und Armut - das sind ehrliche Dinge. Der Westen hingegen mit seinem Optimismus, seinem Glamour und seiner Geldgier - das ist für Jakub eine einzige »ściema«, zu Deutsch: ein Riesenbetrug.

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Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Viva Warszawa. Polen für Fortgeschrittene", Malik Verlag, 16,99 Euro.


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