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06/11/2015 05:28 CET | Aktualisiert 06/11/2016 06:12 CET

Deshalb sollte uns die Impfstoff-Knappheit beunruhigen

Sven Hoppe via Getty Images

Täglich treffen tausende Flüchtlinge in deutschen Notunterkünften ein und leben dort auf engstem Raum zusammen. Durch meine Zusammenarbeit mit verschiedenen Flüchtlingsunterkünften werde ich selbst nicht nur Zeuge des desolaten Gesundheitszustandes. Ich sehe auch, dass Deutschland versucht, die bestmögliche medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Diese beinhaltet nicht nur einen enormen Einsatz von Ärzten und Hilfspersonal, sondern auch einen umfassenden Impfschutz gegen hochansteckende Krankheiten. Doch die Grippesaison steht vor der Tür. Viele Hersteller kämpfen aufgrund der gesteigerten Nachfrage schon jetzt mit Lieferengpässen. Ich frage mich: Wessen Gesundheit ist nun in Gefahr?

Flüchtlingsunterkünfte: Brutstätte für Bakterien und Viren

Mein soziales Engagement ist nun bereits seit einiger Zeit Teil meines Lebens und ich liebe meine Arbeit als Apotheker und die Gesundheit der Menschen liegt mir am Herzen. Ich tue dies selbst dann noch, wenn sie mir teilweise erschreckende Einblicke gewährt.

Ich sehe zunehmend, wie unser Land an seine Grenzen stößt, wenn es um eine menschenwürdige Unterbringung und medizinische Versorgung von Flüchtlingen geht. Für ein Flüchtlingsheim bemühe ich mich seit geraumer Zeit, lebenswichtige Impfstoffe zu beschaffen.

Was mich erschreckt: Eine Summe von 50.000 Euro kann gerade einmal 2000 Menschen mit Impfschutz versorgen. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Zwar wurde durch das Engagement eine Möglichkeit gefunden, über das benachbarte Ausland einen Großteil der benötigten Impfstoffe zu organisieren.

Doch die Gesetzeslage verbietet eine Einfuhr, so dass zum aktuellen Zeitpunkt keine Möglichkeit besteht, diesen Weg auch tatsächlich zu nutzen. Deutschland ist durch die Vielzahl an aufgenommenen Flüchtlingen besonders stark von diesem Versorgungsengpass betroffen.

Unzumutbare Zustände

Die Bundesregierung prognostiziert im Gesamtjahr etwa 800.000 Asylbewerber in Deutschland. Die Überforderung mit dem steten Flüchtlingsstrom lässt sich am Zustand der Unterkünfte ablesen.

Städte und Kommunen sehen sich mit einem Unterbringungsproblem konfrontiert. Die Bilder, die wir täglich in den Nachrichten sehen, geben uns einen Eindruck von den 6,5 Quadratmetern Deutschland, die jedem Flüchtling im Schnitt gesetzlich zustehen.

Die Zustände in provisorischen Notunterkünften sind nicht selten unzumutbar. Dieses beengte Zusammenleben birgt auch gesundheitliche Risiken. Leben viele Menschen auf engstem Raum zusammen, verbreiten sich Krankheiten rasant.

Besonders in den bevorstehenden Wintermonaten besteht die Gefahr, dass sich die ohnehin schon von den Strapazen der Flucht geschwächten Menschen mit Grippeviren anstecken könnten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich unter den Flüchtlingen viele Kranke, Kinder, alte Menschen oder Schwangere befinden.

Impfpass? Fehlanzeige - Kinderärzte schlagen Alarm

All diese Menschen haben ein Grundrecht auf ärztliche Versorgung in Deutschland. Trotz des dringend notwendigen Impfschutzes muss aber das Prinzip der Freiwilligkeit gewahrt werden, welches Massenimpfungen in Notunterkünften wiederum erschwert.

Bei Kindern müssen deren Eltern unbedingt zustimmen. Was Ärzte hierbei alarmiert: Insbesondere Flüchtlingskinder sind unzureichend mit Impfschutz versorgt.

Eine Aussage über den Impfstatus der Flüchtlinge kann aufgrund mangelnder Dokumente selten genug mit Gewissheit getroffen werden. Sicher ist, dass laut Berichten der Weltgesundheitsorganisation in Syrien im Jahr 2013 erneut Fälle von Kinderlähmung aufgetreten sind.

Aufgrund der Bürgerkriegssituation in Syrien sind die Impfquoten dort seit 2011 deutlich geschwunden. Eine potenzielle Einschleppungsgefahr von in Deutschland nahezu ausgerotteten Polioviren macht umfassenden Impfschutz noch wichtiger.

Prophylaktische Komplettimpfung der Asylbewerber

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert aus diesem Grund die prophylaktische Komplettimpfung der Asylbewerber, um einen umfassenden Schutz zu garantieren.

Dies ist besonders wichtig, zumal in Aufnahmelagern bereits Kinderkrankheiten wie Windpocken, Röteln, Masern und Keuchhusten ausgebrochen sind. Aufgrund von Impflücken besteht in diesen Fällen auch bei Erwachsenen ein Ansteckungsrisiko. Ungeimpfte Schwangere, die in Kontakt mit Rötelviren kommen, bringen auf diesem Wege sogar unwissentlich ihr ungeborenes Kind in Gefahr.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch Instituts hat bereits eine Empfehlung für frühzeitige Impfungen von Flüchtlingen erarbeitet. Diese sieht ein Mindest-Impfangebot vor, das sich gleichermaßen an Kinder und Erwachsene richtet. Darüber hinaus muss auch das medizinische und betreuende Personal vor Ort seinen Impfschutz zumindest auffrischen.

Kinder und besonders Kleinkinder bis vier Jahre sollen bevorzugt gegen Tetanus, Diphterie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hib (Haemophilus influenzae Typ b), Hepatitis B, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken geimpft werden.

Erste Lieferengpässe für Impfstoffe schüren Ängste

Insbesondere der Grippeimpfschutz wird in der Regel für Risikogruppen empfohlen, zu denen Schwangere, Menschen ab 60, Kleinkinder und Pflegepersonal zählen. Für diese Grippeschutzimpfung hat das Paul-Ehrlich-Institut PEI aber bereits mehr als 20 Millionen Impfdosen freigegeben.

Obwohl die Grippezeit die alljährliche Impfsaison gerade erst eingeläutet hat, herrscht deutschlandweit Impfstoffmangel. Gleich mehrere große Pharmahersteller haben momentan mit Lieferengpässen zu kämpfen. Diese betreffen insbesondere Impfstoffe gegen Grippe, Polio, Keuchhusten oder Diphtherie.

Der Hausärzteverband sah bereits vor Monaten Versorgungsengpässe und einen Verteilungskampf heranrollen. Der Vorsitzende Ulrich Weigeldt kritisiert die künstliche Verknappung und Impfstoffengpässe, die seiner Meinung nach durch die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und der Industrie befeuert wird.

Die gesetzlichen Krankenkassen schließen bei Grippe-Impfstoffen Rabattverträge auf der Grundlage von Ausschreibungen mit den jeweiligen Herstellern. Dies bildet die Basis für die Versorgungsplanung der jeweilige Grippesaison.

Lieferprobleme auch ohne Flüchtlinge

Steigt die Nachfrage plötzlich an - wie dieses Jahr in Deutschland bedingt durch die Masernausbrüche - entsteht ein Lieferengpass. Dieser ist aufgrund der komplexen Herstellung nicht immer schnell genug zu kompensieren. Klaus Schlüter, Geschäftsführer bei Sanofi Pasteur MSD ist sich sicher: Die derzeitigen Lieferprobleme der Impfstoffe, die noch bis 2016 anhalten werden, gäbe es auch ohne die Flüchtlinge.

Grund hierfür ist die weltweit gestiegene Nachfrage, welcher das lokale Angebot nicht nachkommen kann. Immerhin sind bisher laut einer Aufstellung des PEI nur wenige Influenza Fälle bekannt. Auch laut Aussage des Bundesgesundheitsministeriums gibt es keinen Grund zur Panik.

Wenn ich meinen Blick auf die Zustände in deutschen Flüchtlingsheimen richte, fällt mir jedoch kein anderes Wort ein, dass diese besser umschreiben könnte. Eine medizinische Grundversorgung eines jeden Flüchtlings ist menschliches Grundrecht und dennoch nur der Anfang eines langen Integrationsprozesses, der uns allen Toleranz abverlangen wird.

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