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06/04/2016 07:57 CEST | Aktualisiert 07/04/2017 07:12 CEST

Kein Wegsehen: Mit Virtual Reality plötzlich im Schlachthaus

AnimalEquality Germany

Ein Interview mit den Machern des 360° Projekts iAnimal über das Potential von Virtual Reality und die Macht, Leben zu verändern - und zu retten.

Dieses Interview von Evan Shamoon erschien zuerst am 24.2.2016 im Laika Magazine. Deutsche Übersetzung und Anpassungen von Anne Weiss und Stefanie Lenz. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Vielleicht ist es einer der klügsten Schachzüge der Tierindustrie, die Öffentlichkeit von ihrer gigantischen Tötungsmaschinerie fernzuhalten. Obwohl allein in Deutschland jedes Jahr 750 Millionen Tiere für die Fleischerzeugung geschlachtet werden, bekommen die meisten Menschen nicht das Geringste von dieser Gewalt mit.

Die gemeinnützige Organisation Animal Equality hat es sich zum Ziel gesetzt, dies mit Hilfe virtueller Realität zu ändern. In dem Dokumentarfilm Factory Farm nimmt José Valle, Rechercheleiter und Gründungsmitglied von Animal Equality, die Zuschauer mit auf eine Reise durch das kurze Leben von Mastschweinen in Mexiko. Der Film hatte im Februar auf dem Sundance Film Festival in Park City, Utah, Premiere und ist Teil der iAnimal 360° Filmreihe.

Factory Farm wurde in Zusammenarbeit mit den Virtual-Reality-Experten des Studios Condition One produziert. Der Film ist nicht leicht zu ertragen. Der Zuschauer findet sich mitten in den entsetzlichen Lebensumständen der Tiere in einer Mastanlage wieder. Er muss auch mitansehen, wie die Tiere, nur wenige Schritte entfernt, betäubt und geschlachtet werden.

Viel zu oft endet es wie im Film: die Tiere erlangen schon Momente nach der Betäubung das Bewusstsein zurück und winden sich unter Schmerzen, während sie auf dem kalten Schlachthausboden ausbluten.

Menschen sind offener für Veränderung, wenn sie sich auf die Erfahrung mit Virtual Reality eingelassen haben.

Valle begleitet den Zuschauer persönlich durch den Film. Er baute über Monate hinweg wichtige Kontakte auf, um Zutritt zu dem mexikanischen Betrieb zu erhalten. Bemerkenswert ist dabei, dass ein solches Maß an Transparenz in den U.S.A. oder Deutschland unter keinen Umständen möglich wäre, da die Industrie nach wie vor peinlich bemüht ist, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, wo das Fleisch herkommt.

Gedreht wurde mit einem speziellen Stativ mit sechs Kameras, deren Aufnahmen anschließend zusammengesetzt wurden, um einen umfassenden, stereoskopischen 360-Grad-Blickwinkel zu erzeugen. Dem Zuschauer ist es damit möglich, sich vom Boden bis zur Decke und nach allen Seiten in seiner trostlosen Umgebung umzusehen.

Wir haben Valle und Animal-Equality-Mitbegründerin Sharon Nuñez getroffen, um über ihre Erfahrungen beim Sundance Festival zu sprechen und darüber, wie virtuelle Realität den Tierrechtsaktivismus verändern wird.

Was habt ihr über die Wirkung von virtueller Realität gelernt, als ihr Factory Farm auf dem Sundance Film Festival gezeigt habt?

Sharon: Obwohl das Video zwölf Minuten lang ist und schonungslose Bilder eines Industriebetriebs und Schlachthofs zeigt, sahen sich die meisten Menschen den Film bis zum Ende an. Viele Leute erzählten, wie beeindruckt sie von den Aufnahmen waren, und viele sagten, dass sie nun weniger Fleisch essen oder sogar Vegetarier oder Veganer werden würden. Es war einer der meist-diskutierten Beiträge beim Sundance.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für uns war, dass Menschen aufgeschlossener für Veränderungen sind, wenn sie sich auf die Erfahrung in der virtuellen Realität eingelassen haben. Wir ermöglichen ihnen dies, indem wir ihnen Zugang zu all den furchtbaren Orten geben, an denen Tiere leiden und getötet werden. Und das hat nicht nur die Macht, ihr eigenes Leben zu verändern, sondern auch das Leben von Millionen von Tieren.

José: Da dieses Medium so neu ist, sind viele Zuschauer dieser Technologie und dieser Art des Erlebens zum ersten Mal ausgesetzt. Während der dortigen Podiumsdiskussion zum Thema virtuelle Realität erwähnten Zuschauer unseren Beitrag, weil er bei ihnen einen so starken Eindruck hinterlassen hatte, dass sie die Bilder nicht aus dem Kopf bekamen -- sie waren so mächtig, dass eine Person sogar unter Albträumen litt.

Virtuelle Realität gibt einem nicht nur den Eindruck "Ich habe diesen Beitrag gesehen", wie bei normalen Videos. Sie vermittelt eher das Gefühl „Ich war dort" oder "Ich erinnere mich daran, wie es ist, in einem Schlachthof zu sein".

Wart ihr erstaunt darüber, wie bereitwillig die Besucher sich den Film angesehen und wie sie darauf reagiert haben?

José: Ja, denn wir warnten sie davor, dass es eine heftige Erfahrung ist - das Video zeigt einige sehr grausame Szenen. Wir waren davon ausgegangen, dass es schwierig sein würde, die Menschen zu überzeugen oder einzuladen, sich etwas so Belastendes anzusehen, etwas, das so schwer zu ertragen ist. Es ist, als würde man jemanden fragen: „Willst du leiden?" Und natürlich möchte das niemand.

Wie sich dann herausstellte, gab es jedoch großen Andrang, und praktisch jeder, der ihn gesehen hatte, dankte uns für den Beitrag. Die Mundpropaganda funktionierte sehr gut, und wir stellten fest, dass viele Leute ihre Freunde, Arbeitskollegen oder Familienangehörigen mitbrachten. Einige fuhren sogar über fünfzig Kilometer von Salt Lake City bis nach Park City, nur um dieses Video zu sehen.

Wir filmten viele ihrer Reaktionen und diese Aufnahmen zeigen am besten, wie betroffen es sie gemacht hat. Es ist kein Video, nach dem man gleich zum nächsten Punkt übergehen kann. Wir merkten, dass die Menschen Zeit brauchen, um das zu verarbeiten, was sie gerade erlebt hatten. Sie hatten das Bedürfnis, darüber zu sprechen, und sie brauchten Antworten.

Selbst wenn du dich wegdrehst, bist du immer noch in diesem Käfig. Genau wie die Tiere.

Viele Menschen haben heimlich gedrehte Aufnahmen gesehen, aber virtuelle Realität ist etwas Neues. Warum verändert diese Art der Sinneserfahrung einen Menschen und ist damit so wesentlich für die Tierrechtsbewegung?

José: Virtuelle Realität gibt uns die Möglichkeit, an die Orte zu gelangen, zu denen wir normalerweise keinen Zutritt haben. Als wir von dieser neuen Technologie erfuhren, war uns das sofort klar. Wir begannen zu experimentieren und stellten Kameras in Käfigen auf - der Betrachter fühlt sich dann so, als wäre er im Käfig gefangen und als gäbe es für ihn keinen Ausweg, genau wie für die Tiere.

Selbst wenn du wegsiehst, bist du immer noch im Käfig, genau wie sie. Ich würde sagen, es ist eine sehr wirksame Weise, etwas zu erleben und uns so fühlen, als wären wir der gleichen Behandlung unterworfen wie die Tiere.

Sharon: Wir glauben, dass virtuelle Realität für den Aktivismus ein sehr wichtiges Werkzeug ist. Aus unserer Sicht wird es das Einfühlungsvermögen radikal verändern und die Chance steigern, dass wir mit anderen mitfühlen, seien sie nun menschlich oder nichtmenschlich. Wenn wir wollen, dass eine Person ihr Verhalten ändert, dann sollten wir virtuelle Realität nutzen.

Wir wollen noch mehr Inhalte für dieses Medium aufbereiten: Bilder aus der Tierhaltung, aus Schlachthöfen und anderen Betrieben, die Tiere ausbeuten. Und wir wollen, dass so viele Menschen wie möglich Erfahrung damit machen können.

Aus diesem Grund ist geplant, die Filme an Universitäten und auf Festivals zu zeigen, und wir wollen sie an Politiker und Firmen herantragen. Wir sind uns sicher, dass wir damit die besten Argumente für die Tiere und gegen ihr Leiden in der Hand haben.

Wie wollt ihr diese hochmoderne Technologie einer großen Anzahl von Menschen zur Verfügung stellen?

José: Jedes Mal, wenn wir den Film mit der Videobrille jemandem zeigen, werden wir von anderen Menschen umringt, die diese gern ausprobieren möchten. Wir wissen also, dass uns das nützt. Wir stellen iAnimal an Universitäten überall in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, Italien, England und Spanien vor.

Es gibt eine Website, die den Besuchern erlaubt, einen Tierhaltungsbetrieb virtuell zu besuchen und sich von den Kastenständen bis hin zum Schlachthaus alles anzusehen und mehr Informationen darüber zu erhalten. Wir entwickeln derzeit außerdem eine App, mit der sich jeder diese Videos überall auf der Welt herunterladen und mit einer VR-Brille ansehen kann.

Für viele sind die aktuellen Brillen zu teuer, deswegen produzieren wir ein Google Cardboard Modell, das wir sehr günstig zur Verfügung stellen können. Außerdem werden wir unsere Aufnahmen mit anderen Tierrechtsorganisationen teilen, die es als Werkzeug für ihre Kampagnen nutzen können.

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