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22/04/2016 06:45 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Wenn Kismet die Politik bestimmt...

Faisal Nasser / Reuters

Der Nahe Osten ist für viele Dinge bekannt, das meiste davon ist derzeit nicht erbaulich. Doch es gibt sie noch die vielen kleinen und liebenswerten Details, die den Orient zum Orient machen. Die Caféhäuser mit dem betörenden Duft der Wasserpfeifen, Menschen die das Leben auch in Krisenzeiten zu genießen versuchen, aber auch ein Hang zu wilden Theorien und ein mannigfaltiger Aberglaube. Daran haben auch vierzehnhundert Jahre strenger Islam wenig geändert.

In kaum einer Weltgegend, von China vielleicht einmal abgesehen, gibt es einen derart starken Aberglauben wie in den Landschaften zwischen Mittelmeer und Hindukusch.

Es ist für den abendländischen Beobachter auch nach Jahren schwer zu sagen, wie ernst die Menschen es nehmen, wenn aus dem Kaffeesatz gelesen wird oder die Teeblätter einer genaueren Begutachtung unterzogen werden. Mich, das gebe ich gerne zu, befremdet dies auch nach Jahren in der Region.

Aber selbst bei meinen Heimatbesuchen in Deutschland treffe ich inzwischen auf Shisha-Bars, in denen Hand- und Kaffeesatzleserinnen als Unterhaltung eingesetzt werden. Auch wir Westler scheinen also offenbar nicht ganz immun zu sein gegen den Reiz des Ominösen.

Der Pfälzer "Spiritual-Coach" Armin R. Barsfeld (52) erklärte mir das neulich bei einem zufälligen Zusammentreffen am Flughafen von Istanbul mit einem tiefen Glauben an die Vorhersehung, die im Orient "ganz natürlich" sei, "Kismet" nenne sich dieses Weltbild der Vorbestimmung. So sei auch unser Zusammentreffen kein Zufall.

Ich sehe das bis heute anders, auch wenn der brummige Esoteriker durchaus nett war. Aber Kismet? Wäre er eine hübsche junge Frau gewesen, dann hätte ich mich vielleicht auf dieses Gedankenexperiment eingelassen. Aber ein schnauzbärtiger Coach über fünfzig aus der Pfalz? Nein, das kann kein Kismet sein, nein, nein, nein!

Selbstmotivation bedarf eines Glaubens an eine eigene Selbstwirksamkeit

Doch auch eine schicksalhafte Folge hat dieser Glaube an eine Vorhersehung, ja sogar eine politische. Denn wenn in einer Kultur der Glaube an eine Vorhersehung tief verankert ist, dann kann dies zu einer "sozialen Passivität" führen, gibt Martin Schneider, Soziologe aus dem hessischen Darmstadt zu bedenken.

Selbstmotivation, also der innere Antrieb Neues anzupacken, "frisch zu denken", bedürfe eines Glaubens an eine eigene Selbstwirksamkeit. Oder einfacher gesagt, der Soziologe meint, wenn alles als vorherbestimmt wahrgenommen wird, hat man weniger Motivation, etwas an den gegenwärtigen Zuständen zu ändern. Dies hat dann durchaus Folgen für politisches Engagement.

In der Tat gibt es einen weiteren Hinweis auf diese kulturelle Besonderheit des Orients. Denn wo Vorhersehung herrscht, da ist der Glaube an Verschwörungstheorien nicht weit. Diese grassieren seit je her in diesem Kulturraum. Schuld sind immer irgendwelche fremden Mächte, seien sie weltlich oder obskur. Ohne diese Aspekte mit in seine Rechnungen mit einzubeziehen, kann man die Politik des Nahen Ostens nicht wirklich verstehen.

Es mag uns befremdlich erscheinen, aber es ist eine kulturelle Tatsache, sie zu ignorieren führt zu Fehlurteilen. Als Politikwissenschaftler finde ich das ein Stück weit ärgerlich. Aber eines ist das Ganze dennoch: unglaublich unterhaltsam, vor allem wenn eine junge Schönheit in einem der großartigen Beiruter Cafés aus dem Kaffeesatz nur Gutes liest.

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