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04/04/2016 08:13 CEST | Aktualisiert 05/04/2017 07:12 CEST

Warum zwischen Armenien und Aserbaidschan wieder geschossen wird

Sasha Mordovets via Getty Images

Man kann den Mächtigen in Ankara und Moskau ja eine Menge nachsagen, von dem nur manches freundlich ist. Aber von Geopolitik verstehen sie etwas. Dass es in der Beziehung zwischen der Türkei und Russland kriselt ist schon lange bekannt. Die Gründe sind vielfältig. Es geht um Gas, Pipelines und die Vorherrschafft im Raum der so genannten "Turk-Staaten", die einst Teil der Sowjetunion waren.

Die Russen betrachten sie daher als eigenen Einflussraum. Die Türken sehen in ihnen in erster Linie türkische Brudervölker. Zu allem Überfluss ist der Kaukasus Teil dieses geo- und demographischen Gürtels, der sich von der Ägäis bis nach Westchina erstreckt, entlang der alten Seidenstraße.

Kurzum, die Türken und die Russen sind Konkurrenten um Einfluss, Gas und Stärke in Mittelasien. Zudem haben sich ihre politischen Systeme auf fast unheimliche Weise einander angeglichen. Aus Semidemokratien wurden Pseudodemokratien mit einem jeweils recht potenten Potentaten an der Spitze. Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs über Syrien durch die Türkei war daher keineswegs der Auslöser der Spannungen sondern nur ein Symptom.

Geopolitik im Stil des 19. Jahrhunderts


Wir werden Zeugen von Geopolitik im Stil des 19. Jahrhunderts in seiner reinsten Form. Die Herren Erdogan und Putin sind sich nicht mehr grün, man will es einander zeigen, ohne jedoch in einen allzu offenen kriegerischen Konflikt zu geraten. Was tut man also? Man eröffnet neue Fronten an Stellvertreterschauplätzen.

Nur so ist erklärbar, warum nach 22 Jahren der armenisch-aserbaidschanische Konflikt dieser Tage wieder blutig wurde. Die Armenier sind Christen auf Moskaukurs mit geschichtlich berechtigter Turkophobie. Die Aserbaidschaner wiederum sind ein muslimisches Turkvolk, dessen Kompass voll auf Ankara geeicht ist. Dazu kommt noch ein Gas-Pipeline Projekt von Aserbaidschan in die Türkei, das die Russen umgehen soll.

Auch Moskaus liebste Freunde im Süden, die Mullahs in Teheran, haben sicher nichts dagegen, wenn die Aserbaidschaner mit sich selbst beschäftigt sind, auch wenn es sich um Glaubensbrüder handelt. Denn gut ein Viertel des Vielvölkerstaats Iran sind "Azeris", also ethnische Aserbaidschaner.

Und nichts fürchtet man in Teheran mehr als ein Auseinanderbrechen des iranischen Vielvölkerstaates, in dem die Fars, also die Perser, nur knapp die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und das Öl ausgerechnet in jenen Provinzen liegt, wo keine Perser leben, sondern Araber, Azeris, Quashqai, Lor, Kurden und so weiter.

Es kann einem Angst und Bange werden


Politik sollte man immer nüchtern betrachten, gerade als Politikwissenschaftler. Aber auch als solcher ist man nur ein Mensch, und dem wird es Angst und Bange, wenn er attestieren muss, dass ein alter Konfliktherd nach dem anderen angeheizt wird. Was wird es morgen sein?

Das georgische Problem? Die Kashmir Frage? Die Uiguren? Oder doch das Baltikum? Und war da nicht auch irgendetwas in der Ostukraine?

Man kommt zu einem grausamen Befund: Fukuyama mit seinem Herumschwadronieren vom Ende der Geschichte lag falsch. Huffingtons "Kampf der Kulturen" ist in Phase eins. Und nein, der Papst hat nicht recht, wenn er davon spricht, wir befänden uns in einer Art Drittem Weltkrieg. Wir sind im Jahr vier eines neuen dreißigjährigen Krieges. Keine schönen Aussichten.

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