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22/04/2016 13:52 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Totalversagen: Der Westen im Nahen Osten

Juanmonino via Getty Images

Es ist eine der Merkwürdigkeiten der westlichen Politik, dass ausgerechnet die eigentlichen Freunde im Nahen Osten hängengelassen werden, wenn es darauf ankommt. Theorien dazu, warum dies so ist, gibt es zahlreiche, doch keine ist schlüssig. So trug 1978/79 US-Präsident Carter durch unterlassene Hilfeleistung dazu bei, dass im Iran eine Revolution ausbrechen konnte, die das Land schnurstracks in die gesellschaftspolitische Steinzeit zurückbeförderte.

Die Folge war eine Katastrophe für das Land, von den Folgen dieses Geschehen für die Levante (Hisbollah, Hamas usw.) ganz zu schweigen. Der Shah des Iran war sicher ein snobistischer und autokratischer Herrscher, keine Frage. Aber er sorgte für ein liberales Gemeinwesen, eine Modernisierung des Landes in rasender Geschwindigkeit und war ein absolut treuer Verbündeter der USA. Washington, Paris und London ließen ihn dennoch fallen, die Folge war die Machtergreifung der Mullahs.

Bald darauf bemerkte man seinen katastrophalen geopolitischen Fehler und setzte auf den Iraker Saddam Hussein, den man motivierte, den Iran anzugreifen und diesem seine an der irakischen Grenze liegenden Ölfelder zu rauben. Die Folge war ein äußerst blutiger Krieg, der das neue Regime im Iran zusammenschweißte statt es zu schwächen und am Ende eine Niederlage des Irak. Der wiederum war durch den Krieg hoch verschuldet und fiel daraufhin, unter lautem Schweigen der Amerikaner, im steinreichen Kuwait ein.

Wieder einmal kam der Westen zu spät und musste die Scherben seiner geopolitischen Inkompetenz zusammenkehren. In diesem Fall durch die Invasion des Irak zur Befreiuung Kuwaits. 2003 wurde der Krieg dann quasi fortgesetzt, Saddam Hussein, der ehemalige Freund, hingerichtet und das Land von Präsident Obama nach 2008 iranischen Statthaltern und einem barbarischen Chaos überlassen.

Als hätte man immer noch nichts aus all den Fehlern gelernt, von denen die meisten in diesem Artikel aus Platzgründen unerwähnt bleiben, unterstützte der naivste US-Präsident seit Jimmy Carter, der amtierende Hussein Obama, ausgerechnet die verkappten Muslimbrüder am Bosporus und die offenkundigen in Kairo. Als der ägyptische General Sisi diesem fundamentalistischen und antiwestlichen Treiben ein Ende bereitete, war man in Washington und London nicht etwa froh, sondern empört. Präsident Sisi wandte sich deshalb, sichtlich irritiert, den Russen zu. Wieder war ein Land aus der westlichen Einflußsphäre entschwunden.

Aber auch das genügte offenbar noch nicht. Man bombte dann auch noch Libyen in Schutt und Asche, sprengte dadurch ungewollt das Land zurück in die Tribal- (Stammes)-Ära und sah mit an, wie nicht nur Ex-Machthaber Gaddafi gepfählt (!), sondern dass auch die US-Botschaft abgefackelt wurde. Seitdem herrscht dort das blanke Chaos.

In einem Land, das sicher unter Gaddafi eine Tyrannei war, aber doch ein "modernes" und dank des Öls auch wohlhabendes Gemeinwesen. Die westlichen Politiker machten gerne Geschäfte mit dem leicht irren Diktator in Tripolis, aber das war schnell vergessen, als ein paar Demonstranten im Rahmen des "Arabischen Frühlings" (welcher der Beginn einer Eiszeit war) den Umsturz forderten. Also sprengte der Westen auch Libyen in seine Einzelteile. Ausgerechnet der inzwischen verstorbene und zu Lebzeiten eher unbeliebte deutsche Außenminister Guido Westerwelle sah dieses Problem kommen und verweigerte eine deutsche Beteiligung.

Gedankt hat es ihm keiner. Identisches Chaos nach militärscher Intervention vollzog sich übrigens in den 90ern in Somalia, das seitdem kein Land mehr ist, sondern ein steinzeitliches Stammesgebiet.

Im Fall von Syrien weiß man gar nicht wo man anfangen soll angesichts des Totalversagens der westlichen und internationalen Politik. Und dass die re-islamisierte Türkei noch Mitglied in der NATO sein darf, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Aber all dies scheint den Friedensnobelpreisträger im Weißen Haus nicht sonderlich zu bekümmern. Präsident Hussein Obama sitzt augenscheinlich lieber seine restlichen Monate als Präsident tatenlos ab, um das maßgeblich von ihm mit angerichtete Chaos seinem Nachfolger bzw. seiner Nachfolgerin zu überlassen.

Das perverseste Kunststück westlicher Nahostpolitik ist allerdings, den vernünftigsten Herrscher des Nahen Ostens, König Abdullah II. von Jordanien, hängenzulassen. Nicht nur, dass sein kleines Königreich eine ungeheure Last an Flüchtlingen aus Syrien (rund 1,4 Mio.) schultert, der Mann setzt sich auch noch für Vernunft, Verständigung und die Moderne ein. Als Gast des Europaparlaments rief König Abdullah II. schon 2015 alle Muslime auf, gegen den sogenannten Islamischen Staat zu kämpfen.

Er sagte, die Terroristen handelten gegen grundlegende islamische Werte wie Barmherzigkeit, Frieden und Toleranz. König Abdullah II. betonte dabei mit Nachdruck, dass ein Dialog mit Respekt zu einer integrativen Gesellschaft führen könne und sagte wörtlich: "Andere Menschen wegen ihres Glaubens zu beschuldigen und auszuschließen, ist kein Weg nach Vorne. Die Zukunft ist Einheit und Respekt, nicht Spaltung und Stereotypen."

Die Antwort des Westens? Schweigen.

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