BLOG
08/04/2016 12:30 CEST | Aktualisiert 09/04/2017 07:12 CEST

Nahost-Kriege: Gaddafis unheimliches Vermächtnis

Wavebreakmedia Ltd via Getty Images

Wohin man im Nahen Osten zur Zeit schaut, es ist ein Grauen. Dass es allerdings auch ein Grauen mit Ansage war, vergessen viele in dieser schnelllebigen Zeit. Dass der so genannte "Arabische Frühling" in eine Art Neuauflage des Dreißigjährigen Kriegs enden würde, befürchteten schon damals viele Beobachter, die vor Ort waren und erkannten: da stürzt eine hauchdünne Schicht städtischer, gebildeter und westlich orientierter junger Leute autokratische Regime; jedoch, und das ist das Wesentliche, ohne auch nur die Spur einer Ahnung zu haben, was danach passieren soll. Man musste schon sich schon blind und taub gestellt haben, um nicht zum Schluss zu gelangen, dass auf die Autokratie nicht die Demokratie, sondern die Theokratie folgen würde - oder das blanke Chaos.

Natürlich war es in Deutschland der kürzlich verstorbene Gigant des Journalismus, Peter Scholl-Latour, der vom ersten Tag an warnte. In einem seiner letzten Bücher zitiert er den früheren und später gelynchten libyschen Diktator Gaddafi:

"Wenn ihr mich bedrängt und destabilisieren wollt, werdet Ihr Verwirrung stiften, al-Qaida in die Hände spielen und bewaffnete Rebellenhaufen begünstigen. Folgendes wird sich ereignen: Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden, die von Libyen aus nach Europa schwappt. Es wird niemand mehr da sein, um sie aufzuhalten. Al-Qaida wird sich in Nordafrika einrichten, während Mullah Omar den Kampf um Afghanistan und Pakistan übernimmt. Al-Qaida wird an eurer Türschwelle stehen. In Tunesien und Ägypten ist ein politisches Vakuum entstanden. Die Islamisten können heute von dort aus bei euch eindringen. Der Heilige Krieg wird auf eure unmittelbare Nachbarschaft am Mittelmeer übergreifen. Die Anarchie wird sich von Pakistan und Afghanistan bis nach Nordafrika ausdehnen."

Nun war Scholl-Latour zweifelsohne ein gewitzter Misanthrop und Gaddafi ein ebenso spleeniger wie blutrünstiger Diktator. Aber Recht behalten haben sie beide. Was lehrt uns das? Auf jeden Fall, dass man in der Politik niemals naiv sein darf, besonders in der Geopolitik und erst recht in der Nahostpolitik. Der Westen war es, mal wieder. Scholl-Latour ermahnte uns alle, wir würden im kuscheligen Europa zunehmend den Bezug zur echten Welt verlieren. Spätestens, wenn man in Beirut aus dem Flugzeug steigt, weiß man, dass diese Analyse keine Polemik war. Wann lernen wir daraus?

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: