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15/04/2016 08:13 CEST | Aktualisiert 16/04/2017 07:12 CEST

Merkel: Zeit sich Sorgen zu machen

marck from belgium via Getty Images

Wenn man eines nach Jahren im Ausland lernt, dann dies: Menschen sind anders. Nicht anders an Rechten, nicht anders an Würde, aber doch sehr anders darin wie sie kulturell geprägt sind. Ich weiss, in Deutschland zuckt man auch heute noch - möglicherweise zurecht - zusammen, wenn solche volkskundlichen Argumente kommen.

Dieses partielle Nichtsehenwollen hat natürlich mit der Nazizeit zu tun, mit was auch sonst. Aber man tut sich und dem Gegenüber keinen Gefallen, wenn die Lehre aus den schwarzen zwölf Jahren der deutschen Geschichte ist, so zu tun, als gebe es manche Dinge nicht.

Kulturelle Unterschiede gibt es und Mentalitätsunterschiede auch. Alles andere zu behaupten oder diese Tatsachen zu leugen, das wäre nicht tolerant sondern kindisch. Aber natürlich leiten sich aus diesen Mentalitätsunterschieden keine verschiedenen Wertigkeiten und Rechte von Menschen oder Kulturen ab. Würde ist niemals kulturabhängig, sie ist universell.

Wenn ich also eines in meiner Zeit als Journalist im Nahen Osten gelernt habe, dann das: man ist hier gerne beleidigt, neigt zu Verschwörungstheorien und rächt gerne mal die eine oder andere (vermeintliche) Ehrverletzung. Satire funktioniert nicht in dieser Mentalität, ganz und gar nicht. Daran ändern auch grandiose Comedians in Deutschland nichts, deren Wurzeln hier im Nahen Osten liegen. Das sind allesamt Zuwanderer mit deutscher Sozialisation. Hier im Orient ticken die Uhren des Humors einfach anders.

Und man ist, man kann es kaum drastisch genug sagen, wahnsinnig gerne beleidigt. Das ist hier fast so etwas wie ein Volkssport. So wie der Durchschnittsdeutsche leidenschaftlich seinen Müll trennt, der Russe sich immer irgendwie umzingelt fühlt, ist der Orientale fortwährend beleidigt. Weshalb ist eigentlich egal, es findet sich schließlich immer ein Grund.

Jetzt kann man dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan viel nachsagen. Humor gehört nicht dazu. Und auch er ist gerne beleidigt, sehr sogar. Derzeit sind laut SPIEGEL und WELT in der Türkei mehrere hundert Strafverfahren anhängig gegen Menschen, die angeblich den Potentaten vom Bosporus unhöflich angegangen sind. Dabei ist sich Herr Erdogan noch nicht mal zu fein, die Strafverfolgung persönlich zu betreiben. Dabei hätte er gerade andere Sorgen, zum Beispiel ein drohender Bürgerkrieg im eigenen Land, das Chaos in Syrien oder seine zerrüttete Freundschaft mit Vladimir Putin.

Herr Erdogan hat jetzt also trotz allem die Zeit gefunden, das deutsche Justizsystem zu durchschauen und so geschickt Anzeige zu erstatten (doppelt nach Paragraf 103 und Paragraf 185 StGB), damit Herr Böhmermann auf jeden Fall mit der Justiz zu tun bekommt. Mit diesem dualen Weg "hat er die Bundesregierung gewissermaßen umgangen", wie der SPIEGEL korrekt analysiert: "Berlin kann strafrechtliche Ermittlungen nun nicht mehr verhindern".

So richtig peinlich ist das Ganze weder für Herrn Böhmermann noch für Herrn Erdogan, sondern für die Kanzlerin. Denn die hat ohne Not bereits vergangene Woche dem türkischen Ministerpräsidenten laut mannigfaltiger Berichte wohl erklärt, sie halte Böhmermanns Gedicht auch für eine absichtliche Schmähung und Pressefreiheit habe ihre Grenzen. Das ist peinlich und der eigentliche Skandal.

Herrn Erdogan Dünnhäutigkeit vorzuwerfen ist albern (damit blamiert sich der Potentat schon selbst). Herrn Böhmermann zu tadeln, weil er ein Geschmacksproblem hat, geschenkt. Peinlich, ja sogar katastrophal waren die berichteten Einlassungen der Kanzlerin in dieser Sache, quasi als oberste Satireexpertin.

Der wievielte grobe Patzer von Frau Dr. Merkel war das eigentlich seit letztem Sommer? Ganz unsatirisch und ohne Polemik könnte man, nein muss man fragen: was ist in diese Frau gefahren? Geht es ihr gesundheitlich gut? Steht sie unter einem Druck, den wir alle nicht kennen? Leidet sie an Arzneimittelnebenwirkungen? Lassen wir Herrn Erdogan und Herr Böhmermann einfach ihren Streit austragen und fragen uns lieber einmal, was mit Frau Dr. Merkel passiert ist.

Wenn eine einst Unfehlbare plötzlich anfängt ihren politischen Instinkt zu verlieren, dann stimmt etwas nicht. Zu Beginn des Ukrainekrieges soll Merkel über den russischen Staatspräsidenten gesagt haben, er lebe "in einer anderen Welt". Nun scheint es eher so, dass Frau Merkel dieses Schicksal widerfahren ist. Aber warum? Wir sollten anfangen Fragen zu stellen und uns Sorgen zu machen.

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